Interview mit Bürgermeister Toni Froschauer: „Wir treiben die Jugend zur Selbstverantwortung“

Michaela Fabian, Leserartikel, 26.07.2012 13:00 Uhr

PERG. Der Perger Bürgermeister Anton Froschauer, laut eigenen Angaben selbst kein braver Jugendlicher, zeigt sich im Tips-Interview auf Augenhöhe mit den Jugendlichen und will sie gleichzeitig „zur Selbstverantwortung treiben“.

Tips: Waren Sie ein braver Jugendlicher oder haben Sie Ihren Eltern viele Sorgen gemacht? Froschauer: Ich war Gott sei Dank kein braver Jugendlicher und habe mir in meiner Jugend viel angesehen, mir die eine oder andere Dummheit erlaubt und davon profitiert. Auch heute noch.Tips: Von den Dummheiten oder von dem, was sie angeschaut haben?Froschauer: Von beidem, auch von den Dummheiten.Tips: Was meinen Sie mit „viel angesehen“?Froschauer: Ich war viel unterweg, angefangen von Reisen bis hin zu Ferialjobs, die ich nie nach dem Gehalt ausgesucht habe. Ich war sehr neugierig, mich hat alles interessiert und ich habe jedes Jahr etwas anderes getan. Ich habe die Arbeitswelt in verschiedenen Bereichen kennen gelernt, vom Gastgewerbe bis zur Fabriksarbeit.Tips: Wo lagen Ihre Freizeitinteressen?Froschauer: Mein Hauptinteresse galt auch damals dem Sport. Sport und Musik haben mich immer fasziniert.Tips: Welchen Stellenwert hat die Jugend in Perg, ist sie überhaupt noch eine interessante Zielgruppe?Froschauer: Jetzt bieten sich diese stereotypen Antworten an, wie die Jugend ist das Allerwichtigste (lacht). Wir gehen den Weg, dass wir die Jugend zur Selbstverantwortung treiben. Und ich sage das bewusst so. Mir tun die Jugendlichen manchmal leid, wenn sie mit einer Idee kommen und das Establishment setzt ihnen gleich das Gewünschte vor die Nase. Beispiel Skaterpark: Den hat irgendwer geplant, irgendwer bezahlt, irgendwer errichtet. Die Jugendlichen können sich nicht darüber freuen, weil es nicht das „Ihre“ ist.Tips: Und die Stadt Perg geht anders an die Sache heran.Froschauer: Ja, symptomatisch ist das Waldbad. Wir haben es 2008 neu gebaut, die Jugendlichen haben sich dabei eingebracht. Heute präsentiert sich das Waldbad weder angeschmiert noch beschädigt, weil das „Ihres“ ist.Tips: Welche Wünsche, abgesehen von der Freizeitgestaltung, tragen Jugendliche an die Perger Stadtpolitik heran?Froschauer: Zum Beispiel einen McDonalds oder ein Kino. Aus meiner Erfahrung als Politikberater kann ich sagen, dass Kinos in den Umfragen immer ganz oben stehen. Letztendlich geht aber keiner hin, siehe Perger Kino, weil die Jugendlichen immer dieselben 20 Leute treffen würden. Zu uns kommen die Wünsche über lockere Communities, die trauen sich artikulieren. Herkömmliche Organisationen wie die JVP sind den Jugendlichen häufig zu verbindlich. Obwohl wir in Perg 100 Mitglieder haben.Tips: In Perg gehen viele Jugendliche in die Schule, die nicht hier wohnhaft sind. Erheben diese Jugendlichen auch Anspruch auf Freizeitmöglichkeiten?Froschauer: Durch das Schulbussystem verlassen die Jugendlichen Perg nach Unterrichtsschluss relativ rasch. Jetzt sind sie durch die Nachmittagsbetreuung teilweise länger da. Einige besuchen die Musikschule, die Zeit dazwischen deckt das Jugendzentrum gut ab.Tips: Wie sieht es betreffend Ausgehmöglichkeiten aus?Froschauer: Wir haben eine gute Jugendszene. Zum Beispiel das „Jederzeit“ feiert demnächst 15-jähriges Bestehen. Hut ab vor dem Gastronomen: Es gehört etwas dazu, ein Lokal so lange Zeit und gröbere Probleme zu führen. Pulse, ja klar, Naarnhaus ...Tips: Eine alternative Jugendszene nehme ich im Bezirk Perg nicht wirklich wahr?Froschauer: Sie meinen, unsere Jugend ist zu brav? Ich glaube, bei uns gibt es eine sehr gute Kooperation zwischen den Lokalen, der Gemeinde und den Jugendlichen. Wenn Sie eine alternative Musikszene ansprechen: „Mother Goose“ zähle ich dazu, „Clavigo“, eine schräge Partie. Da ensteht etwas. Bei uns fehlt das Abgrenzungselement, bei uns durchmischt sich das eher.Tips: Jugendliche grenzen sich gerne ab, das gehört quasi zum Erwachsenwerden dazu. Ich bin Punk, du bist ein Rocker und so weiter ...Froschauer: Ja, genau. Aber bei uns hat die Jugend immer viel Platz gehabt. Beim Stadtfest hatte die Jugend eine eigene Bühne mit der gleichen Ausstattung, wie allen anderen. Das hat eine Art Selbstverständlichkeit, dadurch ist diese Abgrenzungsnotwendigkeit nicht so eine hohe.Tips: Was braucht ein Jugendlicher Ihrer Meinung nach für eine positive Entwicklung? Ich denke an Ausbildungs- und Jobmöglichkeiten ...Froschauer: Ich sage Ihnen ganz was Böses. Ein Jugendlicher muss etwas zu verlieren haben. Wir arbeiten seit rund einem Jahr mit allen öffentlichen und halböffentlichen Institutionen und Organisationen zusammen, die mit Jugendarbeit im weitesten Sinne zu tun haben. Und wir haben es mit einem ähnlichen Klientel zu tun, nämlich Jugendlichen, die vom System nicht erfasst werden. So einer geht in die Schule, bricht ab, bleibt dann daheim picken und lebt von den Eltern. So einem kannst du nichts wegnehmen, weil er - Gott sei Dank - von den Eltern aufgefangen wird. Ich habe folgende These: Schenke diesem Jugendlichen so viel, dass er etwas zu verlieren hat.Tips: Hat die Jugend keinen Ehrgeiz mehr? Weil vielleicht hat man dann mal was zu verlieren.Froschauer: Ich glaube, dass wir unser Wertesystem relativ schnell über andere drüberstülpen. Wenn die Eltern einen jungen Menschen nicht zur Arbeit zwingen, wieso sollte er? Der fetzt durch das Internet, spielt zwei Games, schaut sich zwei Serien an, macht ein Mützchen und geht am Abend aus. Das Geld dafür bekommt er von den Eltern.Tips: Wie sieht das Auffangsystem für Jugendliche aus, denen man etwas zu verlieren gibt?Froschauer: FAMOS, Streetwork und AMS, die Christa Hochgatterer. Wir bieten einzelne Programme an, wie wir zum Beispiel Jugendliche zu einem Schulabschluss bringen. Und wir brauchen die Wirtschaftstreibenden als Peers.Tips: Mit welchem Grundsatz haben Sie Ihren Sohn erzogen?Froschauer: Er soll tun, was ihn glücklich macht. Er soll sich frei entfalten können und aus seinen Fehlern lernen.
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