Hitler, Stalin, Mussolini: Das Leiden der Geburtsorte
Zum Thema „Unerwünschtes Erbe, schwieriges Erbe“ diskutierten am Samstag, 24. September, auf dem Podium der Braunauer Zeitgeschichtetage (von links): Lasha Bakradze/Georgien, Andreas Maislinger, Johannes Waidbacher/Braunau und Giorgio Frassineti/Predappio nebst Simultandolmetscher.
Internationale Aufmerksamkeit brachte der Besuch des Holocaustüberlebenden und Oscarpreisträgers Branko Lustig, im Bild mit Andreas Maislinger. Foto: Fesl
1889 wurde in Braunau Adolf Hitler geboren. Aus dieser Tatsache resultiert eine Verantwortung, der sich die Stadt auch stelle, lautet die offizielle Position. Bürgermeister Johannes Waidbacher meinte dazu, dass es bei einem Nachlass eigentlich die Optionen gebe, die Erbschaft unbedingt anzutreten, bedingt anzutreten oder ganz auszuschlagen: „Die Stadt Braunau hatte gar keine Option. Wir mussten eine unbedingte Erbserklärung abgegeben."
Waidbacher gab einen Überblick der Aktivitäten, dieses unerwünschte Erbe aufzuarbeiten - von der Ausstellung „Die wahre Kultur des Nationalsozialismus" im November 1945 bis zum jüngsten Akt, der symbolischen Aberkennung einer - nie bestätigten - Ehrenbürgerschaft Hitlers im Juli 2011. „Der Gemeinderat bekennt sich dazu, dass die schrecklichen Ereignisse der NS-Vergangenheit nicht vergessen werden dürfen. Er unterstützt die Bestrebungen, verantwortungsvoll mit der Vergangenheit umzugehen", hieß es damals im einstimmigen Beschluss aller Gemeinderatsfraktionen.
Möglichkeiten klären
Zur Frage des Hitlerhauses musste Waidbacher feststellen: „Wir stehen da, wo wir 2000 standen." Damals verkündete die Initiative „Braunau setzt ein Zeichen": „Jetzt wird ein Konzept für das Hitlerhaus erarbeitet." Waidbacher: „Leider sind wir, glaube ich, über die Gründungsveranstaltung nicht wirklich hinausgekommen." Und so lautet der Stand im Jahr 2011: In Gesprächen mit der Eigentümerin und in Kooperation mit dem Land und dem Bund sollen die Möglichkeiten geklärt werden. Hintergrund: Das Haus befindet sich in Privatbesitz, ist aber an die Republik und die Stadtgemeinde vermietet.
Kein Konzept in Gori
1878 wurde in Gori/Georgien Josef Dschugaschwili, genannt Stalin, geboren. „In Gori sind viele Leute geboren worden, auch bekannte Menschen - und auch Stalin", bemerkt dazu Lasha Bakradze, Professor für Zeitgeschichte in Tiflis. Das unerwünschte Erbe aus dieser Tatsache: „Es gibt das Vorurteil, alle Georgier wären Stalinisten. In Georgien wiederum gibt es das Vorurteil, alle in Gori seien Stalinisten." Dabei sehe Georgien die Ära der Sowjetunion als dunkles Kapitel und versuche, das Thema Stalin beiseite zu schieben: „Am liebsten möchte man Stalin den Russen in die Schuhe schieben. Nach dem Motto: Bei uns hat er nur Gedichte geschrieben." Bakradze kritisiert diese „Vereinfachung der Geschichte", stellt aber auch fest: Die Aufarbeitung der Zeitgeschichte werde vom offiziellen Georgien nicht behindert; sie werde einfach ausgeblendet. „Leider haben wir in Georgien kein Konzept, wie wir mit diesem Erbe umgehen sollen; speziell in Gori."
Schon in den 1930 Jahren wurde die Hütte, in der Stalin geboren wurde, zu einem Wallfahrtsort ausgebaut, samt Pavillon, Museum und Prachtstraße. Das Museum präsentiert sich heute noch so wie zur Zeit des Stalinkults. Auch hier gebe es kein Konzept, was aus dem Museum werden soll. Nur das Stalindenkmal auf dem Hauptplatz wurde 2010 abgetragen. Bakradze: „In einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Aus den Augen, aus dem Sinn - mehr hat das nicht bezweckt. Stalin müsste solange auf seinem Platz bleiben, bis die Aufarbeitung richtig begonnen hat."
Carneval triste
1883 wurde in Predappio/Italien Benito Mussolini geboren. 1957 kehrte der Leichnam des 1945 Exekutierten - nach mehreren Zwischenstationen - nach Predappio zurück. „Damit haben die Pilgerfahrten begonnen", erzählt Bürgermeister Giorgio Frassineti. Jedes Jahr kämen hunderttausend Besucher. „Carneval triste - ein trauriger Faschingszug", nennt Frassineti diese Wallfahrten. Von 1945 bis 1957 sei Mussolinis Leichnam ein Problem für den Staat gewesen. „Heute ist es mein Problem", sagt der Bürgermeister von Predappio. Die Stadt fühle sich mit diesem unerwünschten Erbe allein gelassen: „Der Staat hat nicht geholfen. Alle wollten vergessen." Doch den Leichnam zu verstecken, über die Geschichte nicht zu reden seien große Fehler: „Das ist der Anfang, dass es wieder passiert." Predappio wolle für die Botschaft stehen, aus der Vergangenheit zu lernen, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Und: „Es ist wichtig, dass wir die Botschaft des Friedens unseren Kindern mitteilen."
Starke Verbündete
Die drei größten Feinde Predappios seien die Vorurteile, die Isolation und die Banalisierung der Geschichte. Frassineti: „Diese Feinde können wir nur überwinden, wenn wir starke Verbündete haben." Er spricht sich für ein Netzwerk der Orte wie Braunau, Gori und Predappio aus.
Damit trifft er bei Andreas Maislinger, dem wissenschaftlichen Leiter der Zeitgeschichtetage, auf offene Ohren: „Die Stimmung dieses Abends in Braunau kann eine ganz konkrete Fortsetzung von europäischer Dimension haben."
BRAUNAU. Die Zeitgeschichtetage luden die Vertreter von Braunau, Gori und Predappio auf das Podium: „Schließlich haben alle drei das gleiche Leiden, aus einem Ort zu stammen, der mit einem Verbrecher in Verbindung...
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