Drushba!- Freundschaft! Eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn

Lisa Hackl Lisa Hackl , Tips Jugendredaktion, 01.09.2016 11:03 Uhr

Sieben Tage, 120 Bahnhöfe und 9288km. Jugendredakteurin Lisa Hackl ist auf der längsten Eisenbahnstrecke der Welt gereist.  

Das Thermometer zeigt minus zehn Grad Celsius an diesem Novemberabend am Jaroslawler Bahnhof mitten in Moskau. Genau in dem Moment, in dem die schwere russische Lokomotive in den Bahnhof einfährt, fallen die ersten Schneeflocken in Moskau.

Die Vorbereitung auf die Reise ist stressig, der Trip wurde spontan und ohne Reisebüro gebucht, was die Visabeschaffung erschwert. Eine Organisation muss für jeden Tag der Reise Haftung für den Reisenden übernehmen. Gar nicht so leicht bei einem übers Internet selbstgebuchten Trip (siehe unten) Und hier offenbart sich die erste, im Laufe der Reise viel bestätigte Weisheit: Die Russen sind sehr, sehr freundlich und hilfsbereit -solange sie nicht arbeiten-. Deshalb sollte man bei Orientierungslosigkeit eher die vorbeikommenden Passanten um Rat fragen und nicht die Angestellten der Infocentren, die oft großen Wert auf Russisch Kenntnisse legen. Und: Je jünger die Befragten sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch Englisch sprechen. Nach zahlreichen emails und verzweifelten Telefonaten mit der Visabehörde und dem Konsulat, gelingt es über den Tipp einer Freundin genau einen Tag vor Abreise doch noch unsere Pässe mit bestätigtem Visa zu bekommen.

Alles einsteigen!

Drei Tage später um 00:35 wird der Zug bestiegen, um die längste Zugstrecke der Welt zu bereisen. 3 Klassen gab es zur Auswahl, 1.Klasse Abteile sind aber selten. Die Entscheidung fiel auf „Kupeny“, die 2. Klasse mit 2 Stockbetten pro Abteil, die authentischere und daher aufregendere Wahl wäre aber sicher „platzkartny“, die 3. Klasse gewesen. Gemeinsam mit 49 anderen in einem durchgehenden Waggon. Das klingt laut und unsicher, ist aber tatsächlich das komplette Gegenteil. Andere Touristen oder fließendes Englisch findet man hier nur selten, was einen nicht davon abhalten sollte mit den russischen Mitfahrenden auf die Gesundheit (zdorov'ye) oder die Freundschaft (Drushba) anzustoßen

Ein Tag im Zug

Zur täglichen Routine im Zug gehören Kartenspiele, gute Lektüre, mitgebrachte Tees und Tütensuppen am ständig betriebenen Thermowar (ein mit Holz beheizter, rießiger Wasserboiler) zu genießen. Dazwischen immer der verträumte Blick aus dem Fenster auf die schneebedeckte Winterlandschaft, die niemals eintönig zu werden scheint. Industriestätte und Seen, die sich komplett gefroren bis an den Horizont erstrecken. Dazwischen führt die Zugstrecke durch die winterliche Tundra, die so still und geheimnisvoll wirkt, als hätte sie nie ein Mensch betreten. Auch die Gegenzüge sind es wert, bestaunt zu werden. Bis zu 35 Waggons an einer Zugmaschine rattern manchmal am eigenen Zug vorbei.

Mehr als 400 Zughaltestellen (der Begriff Bahnhof setzt hier zu viel voraus) gibt es zwischen Moskau und Vladivostok. An welchen davon der Zug hält variiert aber je nach Zug. Der „Rossyia“ Zug braucht etwa 144 Stunden nach Vladivostok, der günstigere und bescheidenere „99“- oder „100“ Zug über 160 und hält auf ca 120 Stationen. Die Aufenthalte an den Bahnhöfen schwanken zwischen fünf und 45 Minuten. Das gibt genügend Zeit um auszusteigen und den extra angereisten „Babuschkas“, älteren Frauen, warme Speisen abzukaufen. Diese müssen dann allerdings schnell in den Zug gebracht werden, um bei minus 30° Außentemperatur nicht zu schnell abzukühlen. Der Blick auf die Bahnhofsuhren ist oft verwirrend, durchquert die Transsib doch 7 Zeitzonen, während gleichzeitig an allen russischen Bahnhöfen Moskauer Uhrzeit angezeigt wird, um Verwirrungen zu vermeiden. Diese kleinen Spaziergänge werden zu den absoluten Highlights des Tages. Endlich die Beine vertreten zu können, ohne im Zug auf und ab laufen zu müssen. Bei derartigen tiefen Temperaturen wird selbst der Bierkauf am Bahnhof zur Herausforderung, einmal fallengelassen und aufgeplatzt, ist das Bier schneller am Boden gefroren als man sich bücken kann.

Körperpflege

Das große Rätselraten im Bekanntenkreis, wie man sich denn während der siebentägigen Zugfahrt wäscht, wird kurz nach Einstieg beendet: Gar nicht! Für 50 Leute pro Waggon stehen zwei Toiletten zur Verfügung. Die darin angebrachten Waschbecken haben ca. 25cm Durchmesser und reichen nur für eine kurze Katzenwäsche und Abreiben mit einem nassen Handtuch. Sehr gelenkige Mitreisende schaffen es auch den Kopf für eine kurze Haarwäsche unter den Wasserhahn zu tauchen. Im Winter ist die mangelnde Hygiene aufgrund der Außentemperaturen nicht sehr unangenehm, im Sommer empfiehlt sich eventuell die Reise auf mehrere Etappen zu planen. Generell bringen mehrere längere Aufenthalte (z.B. am Baikalsee!) angenehme Abwechslung in den Zugalltag, doch auch 7 Tage durchzufahren kann ein überaus interessantes Erlebnis werden.

Endstation: Das andere Ende der Welt

Endlich ist es soweit, das andere Ende des Kontinents ist erreicht. Am frühen Morgen erreicht die Transsibirische Eisenbahn Vladivostok. Der Endbahnhof ist übrigens ein Zwillingsgebäude zum Jaroslawler Bahnhof, wo die Reise beginnt. Die Architektur russischer Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen ist absolut beeindruckend. Schönere Bahnhofshallen und Wartebereiche sucht man wahrscheinlich vergebens. Was von außen wirkt wie eine gewöhnliche, wenn auch größere mitteleuropäische U-Bahnstation, überrascht beim Eintreten mit hohen Sälen, wunderschönen Wandmalereien und ausladenden Treppen, wie man sie sonst nur aus dem Schloss Schönbrunn kennt.

Vladivostok, das „San Francisco Russlands“ übersteigt bei weitem unsere Erwartungen und besticht mit imposanten Brückenbauten und wunderschönen Sonnenuntergängen. Auf den Hügeln rund um die Stadt lässt sich der traumhafte Ausblick genießen und auch die Temperaturen sind bei ca minus fünf Grad wieder wesentlich erträglicher geworden. Hier stehen noch einige Tage Entspannung auf dem Programm, bevor der Sturz in den Strudel der Zeitzonen erneut beginnt und ein Flugzeug für die wesentlich schnellere Heimreise verantwortlich ist. Eines ist die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn sicher nicht, eine fade Touristenattraktion. Neue Abenteuer und Herausforderungen finden sich ständig und gleichzeitig führt die Reise durch die abwechslungsreichsten Landschaften des Kontinents. Ein „Must-Do“ für jeden Abenteurer und Russlandbegeisterten.

 

Reisetipps von Jugendredakteurin Lisa Hackl:

  • Russisches Visa: am besten für den benötigten Zeitraum ein Ansuchen ans Reisebüro schreiben (z.B. Ganesha-Reisen GmbH, Wien), Kostenpunkt ca €120, auch Express Erledigung möglich.
  • Russischen Kaffee nach Möglichkeit meiden, meist billiger Ersatz und mit Zitrone serviert.
  • Reichlich Instant Speisen in den Zug mitnehmen. (Tütensuppen, Instant-Haferschleim, Tee,…)
  • Sieben Tage im Zug können lang werden. Eventuell Zwischenetappen einplanen, ist aber teurer.Zugtickets entweder auf authentischen Zugseiten oder vor Ort buchen (nur mit Russisch Kenntnissen empfehlenswert)Ticketbuchung unter:
  • http://www.transsiberianexpress.net/siberian-train.html
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