„Den nur abgrundtief bösen Menschen gibt es nicht“

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Angelika Mitterhauser Angelika Mitterhauser, Tips Redaktion, 11.08.2020 09:14 Uhr

GARSTEN. Mehr als 380 Insassen zählt die Garstner Justizanstalt (JA). Mit sehr vielen davon kommen Jonathan Werner (45) und Eugen Schweiger (39) regelmäßig ins Gespräch. Tips gaben die beiden Theologen und Seelsorger Berufseinblicke.

Tips: Wie kam es, dass Sie Seelsorger in der JA Garsten wurden?

Eugen Schweiger: Bei mir war es ein Praktikum hier in Garsten im Zuge des Theologiestudiums. Die klassische Arbeit in einer Pfarre reizte mich weniger, da wurde mir die Stelle in der JA angeboten. Seit gut sechs Jahren bin ich im Haus.

Jonathan Werner: Ich komme aus der Pfarrarbeit. Irgendwann kam für mich dort die Seelsorge neben dem Organisatorischen zu kurz. Ich habe dann beim Roten Kreuz Krisenintervention gemacht und wurde vom Bischof gefragt, ob ich auch im Gefängnis arbeiten möchte. Das hat mich sofort angesprochen. Seit vier Jahren bin ich u. a. in Garsten hauptberuflich Seelsorger.

Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Werner: Im Grunde geht es um Begleitung. Jeder Mensch hat einen Lebensweg, man geht ein Stück miteinander. Wir im Gefängnis gehen mit Menschen, die aufgrund eines Verbrechens aus der Gesellschaft rausfallen und mit denen niemand oder nur noch wenige gehen möchten.

Wie läuft das genau ab?

Werner: Der Insasse hat das Recht auf Seelsorge. Formal stellt er ein Ansuchen. Praktisch passiert jedoch vieles über Begegnungen, über spontane Gespräche. Das Gefängnis ist ein kleiner Mikrokosmos, ein eigener Lebensraum – es gibt einen Alltag. Die Insassen gehen von der Zelle zum Arbeitsplatz, zu Betreuungsdiensten, zum Spazierhof, zum Sport. Hier kommen wir mit ihnen ins Gespräch.

Schweiger: Grundsätzlich ist der Tagesablauf eines Insassen ganz klar durchstrukturiert. Die Seelsorge ist sozusagen ein kleines Freiheitsmoment: Mit dem Sozialarbeiter, dem Psychologen, dem Beamten muss der Insasse sprechen, mit uns kann er sprechen. Dieses „Kann“ ist im Gefängnisalltag selten.

Welche Themen beschäftigen die Insassen?

Schweiger: Ich dachte zu Beginn meiner Tätigkeit, die Probleme von Insassen seien völlig andere als draußen. In Wahrheit geht es aber drinnen wie draußen um das Wachsen und Scheitern an Beziehungen. In der JA ist es nur ein wenig plakativer – eben, weil eine schlimme Tat passiert ist und es dadurch schneller zur Sprache kommt. Viele Insassen kommen aus einem sehr schwierigen Beziehungsgeflecht, aus dem heraus es auch zur Straftat gekommen ist.

Werner: Großes Thema ist aus meiner Erfahrung der Weg zu einem persönlichen Willen. Im Leben werden viele Fehlentscheidungen getroffen, weil Menschen nicht die Kraft haben, für sich zu erkennen oder zu erreichen, was sie im Leben wirklich wollen. Die Haft macht dem Insassen bewusst, was er nicht wollte. Die meisten Mörder, denen ich als Seelsorger bisher begegnet bin, wussten in der Früh noch nicht, dass sie am selben Tag eine solche Tat begehen würden. Es geht also um die Frage, wie es zur fatalen Fehlentscheidung kam.

Wie sehr geht es um Schuld?

Werner: Das Thema Schuld kommt oft erst spät, das ist eine Frage des Vertrauens.

Schweiger: Entscheidend bei uns ist, dass wir an die Gespräche mit den Insassen keine Erwartungen knüpfen. Das bedeutet für sie eine enorme Entlastung. Ich denke, es geht bei der Seelsorge darum, eine Spur von Wahrheit zu ermöglichen. Dass der Mensch hinter der Tat zur Sprache kommt. Verdrängung führt ja zu Aggression und zu dem Hass auf die Welt, der man scheinbar egal ist. Einem Verbrechen geht vielfach voran, dass sich der Täter emotional massiv in die Ecke gedrängt fühlte. Die Seelsorge schafft Gefühlen und der inneren Wahrheit des Menschen ein wenig Raum.

Inwiefern spielt Religion in der Haft und Seelsorge eine Rolle?

Werner: Religiöse Selbstbestimmung ist im Strafvollzug eine der wenigen Freiheiten, die dem Insassen bleiben. Wer im Gefängnis ist, ist extrem abhängig von anderen – da ist der Richter, der Anwalt oder der Besuch, der nicht kommt. Da passieren auch viele Enttäuschungen. Der Glaube hingegen ist eine Sicherheit und die braucht der Mensch. Mir geht es darum, dem Menschen zu begegnen. Dabei muss gar nicht über Gott geredet werden. Es reicht, wenn der Gesprächspartner merkt, dass er als „Du“ abseits von Zuschreibungen wie Gut und Böse wahrgenommen wird. Wesentlicher Teil unserer Arbeit ist es aber auch einfach, das Leben zu teilen.

Sie geben auch etwas von sich preis?

Werner: Das muss man als Seelsorger immer. Ich dachte lange, Insassen von meinem Urlaub zu erzählen, wäre unpassend. Das komplette Gegenteil war der Fall: Sie baten darum, um am Leben draußen Anteil zu haben.

Welche gängige Meinung über Häftlinge wollten Sie schon immer richtigstellen?

Werner: Diese einseitige Sicht auf den Häftling – das jemand nur schlecht ist und sonst nichts. Medien interviewen nach Verbrechen die Nachbarn, die oft sagen, sowas hätten sie diesem unauffälligen, netten Menschen niemals zugetraut. Das trifft es für mich sehr gut. Jeder Mensch hat viele Facetten. Die Idee vom abgrundtief bösen Menschen ist falsch und nicht real. Real ist vielmehr die Frage, wie geht es mit einem Menschen, der Strafbares getan hat, weiter? Was können wir tun, damit er in Zukunft Entscheidungen ohne dramatische Folgen trifft.

Schweiger: Man hört schon oft Menschen sagen, diese Verbrecher sollen ruhig für immer drinbleiben. Die Gesellschaft projiziert nicht selten die eigenen Unzulänglichkeiten auf den Häftling und fühlt Genugtuung, wenn dieses eigene aggressive Potenzial möglichst für immer weggesperrt bleibt. Der Insasse ist vielleicht ein verurteilter Mörder, ja – aber nicht nur. Geht dieser Mensch einmal wieder in die Freiheit, weiß er, dass er sein Verbrechen niemals gänzlich abstreifen kann. Lernt er aber, diese bleibende Schuld zu tragen, fühlt er sich nicht mehr so schnell in die Ecke gedrängt. Das ist dann freilich auch Prävention.

Was nehmen Sie für Ihr eigenes Leben aus dieser besonderen Arbeit mit?

Schweiger: Man lernt in der Seelsorge viel über sich selbst. Das Glück und Privileg, ausreichend Möglichkeiten zu haben, mit Gefühlen wie Wut und Hass umzugehen, hat nicht jeder.

Werner: Jeder Fall bringt mich zum Nachdenken: Wie hätte ich gehandelt? Diese Unterscheidung – ein Mensch ist nur gut oder nur böse – die ist in meinem Leben völlig weggebrochen. Ich sehe es fast als eine Art Geschenk, ständig mit Menschen umgeben zu sein, die mich über mich selbst nachdenken lassen. Das macht geistiges Wachstum möglich.

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