Hausgeburt: Eine achtfache Mama erzählt

Katharina Vogl Katharina Vogl, Tips Redaktion, 12.09.2017 06:55 Uhr

ALLENTSTEIG. Es ist Freitag, der 23. Juni 2017, als gegen ein Uhr früh noch Licht in einem Wohnzimmer in Allentsteig brennt. Dort tanzt eine Frau gleichmäßig im Rhythmus der Musik. Es ist Eugenia Lackey und sie ist in freudiger Erwartung. Ihr achtes Kind kündigt sich an und sie wird es wieder zuhause bekommen.

Dabei sollte der kleine Alec eigentlich erst in einer Woche kommen. Aber Genia war beruhigt, denn alle Vorbereitungen waren soweit abgeschlossen, das Nesterl hergerichtet, Vorräte und Stoffwindel besorgt und alle Termine abgewickelt. „Ich hatte an diesem Freitagabend das Haus voller Kinder, mein Sohn hatte noch zwei Freunde eingeladen“, lacht die stolze Mama. Und eigentlich hätte sie gerne auf ihren Mann gewartet. Denn der Musiker befand sich gerade auf Tournee in Kopenhagen und würde erst am Sonntag heimkehren.

Es geht los: Alec kommt

Gegen 23 Uhr dann erstmals der Gedanke: Okay, es könnte bald etwas werden, noch einmal legt sich Genia aufs Ohr, verschläft die ersten leichten Wehen und wird dann gegen ein Uhr erneut wach. So legt sie erstmal ihre Lieblingsmusik auf, es ist die Matthäus-Passion von Bach und und kreist im Rhythmus der Musik. Die Kinder schlafen. „Noch wollte ich die Hebamme nicht aus dem Schlaf reißen, sondern erst sicher gehen, dass es wirklich los geht“, erzählt Genia, die ähnliche Vorwehen schon aus der Schwangerschaft kannte.

Doch dieses Mal ist es anders, die Wehen bleiben und werden häufiger. Gegen halb zwei meldet sie sich dann bei ihrer Hebamme Andrea Hanisch. Diese zeigt sich überrascht, hat sie doch so früh mit Alec noch nicht gerechnet. Duschen, packen und Anreise aus Waidhofen/Thaya - in einer Stunde könne sie da sein. „Lass dir Zeit“, meint Genia noch. Die Wehen kommen inzwischen alle fünf Minuten. „Doch ich pendelte hin und her und habe alles vertanzt, veratmet.“

Um halb drei Uhr morgens trifft Hebamme Andrea ein, sie begegnet der tanzenden Mama. „Es war nahezu ein magischer Anblick, als ich sie im Wohnzimmer angetroffen habe: Sie war so eins mit der Musik, total konzentriert auf ihren Körper, hat sich komplett auf das Ereignis Geburt eingelassen. Ich spürte, sie ist ganz bei sich, kommuniziert mit ihrem Kind, fühlt sich in den Moment ein und geht mit jeder Wehe mit“, erzählt Andrea von ihren Beobachtungen. Die Hebamme vermittelt ihr das Gefühl der Sicherheit, schaut, ob sie im Rhythmus der Geburt schwingt und in die nächste Phase eintreten kann, der Drang zu pressen wäre schon da.

„Lass dir noch zwei Wehen Zeit, atme sie durch“, hört Genia die Hebamme sagen. Sie kommt ganz zur Ruhe, entspannt sich, sammelt Energie und Kraft für den entscheidenden Moment. Dann kommt die dritte Wehe.

„Genia hat mit so einer gewaltigen Energie angeschoben und Alec kam mit einem Flutsch auf die Welt“, erinnert sich Andrea, die den Neuankömmling - Genia gebar stehend - empfing. Alle anderen acht Kinder im Haus schlafen noch.

Hausgeburt wird sorgfältig abgewogen

„Es war eine Ehre, hier dabei sein zu dürfen, bei Genia hatte ich keine Sekunde Bedenken“, meint Andrea Hanisch. Im Gegenteil, die achtfache Mama habe so viel Wissen, dass man eigentlich vielmehr von ihr lernen könne „Sie hat das erneut sehr selbstbewusst gemeistert, man merkt dass sie ihren Körper unglaublich gut kennt, wahrscheinlich hätte sie mich gar nicht gebraucht“, meint Hebamme Andrea mit einem Augenzwinkern.

Sie selbst betreut Gebärende zuhause, als auch im Landesklinikum Horn, kennt also beide Seiten. Vielfach steht man heute einer Hausgeburt kritisch gegenüber, da die Überwachungsmöglichkeiten des Kindes und der Mutter eingeschränkt sind und die intensivmedizinische Versorgung nicht in dem Ausmaß gegeben ist. Gerade aus diesen Gründen werden bei einer Hausgeburt alle Voraussetzungen und Beweggründe im Vorfeld ganz genau abgetastet.

In der Regel arbeitet Andrea Hanisch zuvor auch mental mit der Schwangeren, gemeinsam werden Ängste, Sorgen und Bedenken angesprochen. Ist die Mutter nicht nur gedanklich soweit, sondern wirklich auch bereit, sich auf eine Hausgeburt einzulassen? Steht der Partner dahinter? Stimmt die Chemie zwischen Hebamme und der werdenden Mutter? Verläuft die Schwangerschaft bislang komplikationslos? Ist das notwendige Körpergefühl vorhanden?

„Ich muss das Gefühl haben, dass die Mutter hundertprozentig dafür bereit ist“, so Andrea. Vertrauen ist zwar das Um und Auf in der Hausgeburtshilfe, dennoch muss man potentielle Gefahren im Vorfeld gut abchecken.

So kommt es mitunter vor, dass Hausgeburten abgebrochen und im Krankenhaus weitergeführt werden müssen. Andrea erinnert sich an einen Fall heuer, als sich nach einem Blasensprung einfach keine Wehen einstellen wollten. „Dann wurde im Krankenhaus ein bisschen nachgeholfen und das Kind kam gesund zur Welt.“

Geburtsrate zuhause niedrig

Rund 1,5 Prozent aller Entbindungen finden in den eigenen vier Wänden statt. Zum Vergleich: Holland ist mit einer Rate von rund 30 Prozent einsamer Spitzenreiter, was Hausgeburten betrifft. Dort wo Hebammen diesen Dienst anbieten, ist die Rate naturgemäß höher, berichtet Alexandra Böhm, Leiterin der Landesgeschäftsstelle Niederösterreich des Österreichischen Hebammengremiums.

Niederösterreichweit gibt es 26 Hebammen, die Entbindungen zuhause betreuen, darunter allerdings nur zehn Kassenhebammen, informiert Böhm. In naher Zukunft befürchtet man seitens des Gremiums nicht zuletzt aufgrund einer bevorstehenden Pensionierungswelle einen massiven Hebammenmangel. Zudem würden auch mehr Hebammen für Hausbesuche benötigt, da Frauen nach Geburten immer früher heimgeschickt würden, meint Präsidentin Petra Welskop.

Direkt im Bezirk Zwettl findet sich beispielsweise keine Hausgeburtshilfe, allerdings betreuen sechs Hebammen die Region mit, darunter auch Andrea Hanisch. Sie hat sich auf das „Abenteuer Hausgeburtshilfe“ wie sie selbst sagt, eingelassen. Es gehöre zu ihrem Job einfach dazu. Mittlerweile werde das auch in der Ausbildung wieder thematisiert, was lange Zeit nicht der Fall war, so Hanisch. Der Gedanke an eine natürliche Geburt in den eigenen vier Wänden werde jedoch häufiger, beobachtet die Hebamme. Oft komme es dann aber nicht zur tatsächlichen Ausführung. Nicht wenige Ärzte beäugen einen derartigen Wunsch aus den genannten Gründen eher kritisch. Die Verunsicherung der werdenden Mama folgt oft auf dem Fuße.

Klare Entscheidung

Für die achtfache Mama Genia, die sieben ihrer Schützlinge zuhause geboren hat, war es eine bewusste Entscheidung. „Im Krankenhaus ist man automatisch der Patient, der Leidende, als werdende Mutter fühle ich mich aber nicht so“, beschreibt Genia. Für sie werde der eigentlich natürliche Vorgang der Geburt heute vielfach entfremdet, technisiert und medizinisch einverleibt.

Bei der Wahl des Entbindungsortes spielen eigene Erfahrungen, die Erwartungshaltung oder die eigene Sexualität eine wichtige Rolle, ist Hebamme Andrea Hanisch überzeugt. So denkt Genia nur ungern an ihre erste Niederkunft, die ambulant in einem niederösterreichischen Krankenhaus erfolgte. Schnell, schmerzhaft und heftig erlebte sie diese wie in Trance. Die Kommunikation mit ihrer damaligen Hebamme war mühsam und von Ungereimtheiten geprägt. Während Genia im Vierfüßlerstand gebären wollte, zog die Hebamme die Rückenlage vor. Das vier Kilo schwere Kind samt großem Kopf zerriss die damals 22-Jährige, eine halbe Stunde lang musste sie genäht werden.

Glücklich zu zehnt

Nachdem ihr bei der ersten Geburt das Gefühl dafür fehlte, nahm sich Genia fest vor, die Schmerzen beschreiben zu können und kam auf das Resultat: Es fühlt sich an, wie Steine oder noch besser, wie Wassermelonen von sich zu geben.

Ab dem sechsten Kind erübrigen sich die schmerzvollen Phasen, lacht Genia, die eigentlich nie eine Großfamilie im Sinn hatte. Geplant war Karriere zu machen. Sie studierte Wirtschaft in Amerika sowie Sologesang.

Mit 43 Jahren ist sie nun stolze und vor allem gelassene („Jung“)Mama von acht Kindern, die alle in ihrem Wesen einzigartig sind, wie sie sagt. Als Leiterin der Waldviertler Integrativen und Ganzheitlichen Schulinitiative („WINGS“) in Allentsteig, bietet Genia jeden Donnerstag ab 15 Uhr einen Familientreffpunkt an, wo werdende, junge und erfahrene Eltern sich zu den Themen Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung austauschen können.

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Kommentare

  1. Gastuser 16.09.2017 22:46 Uhr

    Wenn es denn möglich ist... - Fein, wenn man es sich aussuchen darf, wo man gebären möchte. Jedoch gibt es auch einige Ausschlusskriterien und man wird dann direkt als Buhmann dargestellt, nur weil man im Spital entbinden MUSS. Denn selbst wenn sich eine Hebamme findet, die trotzdem eine Hausgeburt begleitet, riskiert sie damit ihre Lizenz, sollte deswegen etwas passieren.

    0   0 Antworten
  2. Gastuser 14.09.2017 08:22 Uhr

    Hausgeburt - Ich finde es ganz toll so einen Artikel zu lesen. Wir bekamen auch 5 unserer 6 Kinder Zu Hause und auch Nr 7 wird im Februar wieder zu Hause auf die Welt kommen. Wir verzichten auch dankend auf die ganzen Interventionen im Krankenhaus. Ich kann zu Hause ganz bei mir bleiben und so ist Geburt etwas ganz wunderbares????

    0   0 Antworten
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