Lehrerfortbildung und alternative Pädagogik

Lehrerfortbildung und alternative Pädagogik

Jasmin Schmidt, Leserartikel, 14.09.2015 16:12 Uhr

Schule ist ein lebendiges System, in das sich Lehrer, Schüler und auch Eltern mit ihrer Persönlichkeit einbringen. Eine erfolgreiche Schule lebt davon, dass vor allem die Lehrer immer wieder ihre Lehrmethoden und Prinzipien reflektieren und bereit sind, sich weiterzuentwickeln. Wesentlich sind hierbei auch gezielte Fort- und Weiterbildungen. Die Bereitschaft zum berufsbegleitenden Lernen ist ein Schlüsselwort der Wissens- und Informationsgesellschaft unserer Zeit.  

Fortbildungen für Lehrer und PädagogenDie Pädagogische Hochschule Tirol bietet ein umfangreiches Seminarprogramm für alle Lehrenden und pädagogisch Tätigen. Zu Beginn des neuen Schuljahres heißt es, schnell entschlossen sein. Denn die Anmeldefrist für das aktuelle Studienjahr 2015/2016 endet am Freitag, 18. September. Das Gesamtprogramm steht im Internet zum Download bereit unter folgender Adresse: http://ph-tirol.ac.at/jahresprogramm.

Wachsender Einfluss reformpädagogischer StrömungenEs lohnt sich, einen Blick ins Seminarprogramm zu werfen, das sich spürbar an modernen pädagogischen Tendenzen orientiert. So ist ein deutlicher Einfluss von reformpädagogischen Strömungen zu vermerken, die auch im Schulalltag eine immer größere Rolle spielen, und zwar nicht nur an alternativpädagogischen Privatschulen, sondern auch an den staatlichen Schulen in Österreich. Zur ersten Orientierung die wichtigsten Reformkonzepte von Montessori bis Waldorf im Überblick:

MontessoriDie Pädagogik nach der Ärztin Dr. Maria Montessori ist über 100 Jahre alt, feiert aber heute ein großartiges Comeback. Montessori-Schulen und Montessori-Kindergärten schießen seit einigen Jahren im gesamten deutschsprachigen Raum aus dem Boden. Das erklärte Ziel von Einrichtungen mit Montessori-Konzept ist Bildung durch Freude an Leistung, durch Motivation, Eigeninitiative und individualisiertes Lernen.

An einer Montessori-Schule arbeiten Kinder und Lehrer ohne Notendruck, ohne Frontalunterricht und Gleichschritt, dafür mit Achtsamkeit und Respekt für den persönlichen Entwicklungsstand eines jeden Schülers. Den Kindern stehen Lernmaterialien zur Verfügung, die zur Eigenbeschäftigung anregen und Selbstkontrolle ermöglichen. Jeder Schüler folgt dabei seinem eigenen Lerntempo. In jahrgangsdurchmischten Klassen lernen die Kinder nicht nur im fachlichen, sondern besonders auch im sozialen Bereich voneinander. Die Entwicklung von Selbstständigkeit, Mut und Eigenverantwortung der Kinder steht im Zentrum der Bildung in Montessori-Schulen.

Montessori-Schulen arbeiten ohne Zensuren. Als Zeugnisse erhalten die Schüler zum Halbjahr sowie zum Jahresende  Leistungsberichte in  Schriftform. Zudem wird für jeden Schüler ein so genannter IzEL-Bogen geführt, der den individuellen Entwicklungs- und Lernprozess dokumentiert. Dieser bildet den Lernfortschritt sowie das Sozial- und Arbeitsverhalten der Schüler sehr detailliert ab, ohne ihn in Schulnoten zu verpacken.

Auch im Montessori-Kindergarten oder -Kinderhaus steht die Ausbildung von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung ganz oben. Auch hier bestimmen die Kinder selbst, womit sie sich beschäftigen und über welchen Zeitraum sie das tun. Sie lernen ihre persönlichen Fähigkeiten (ein-)schätzen, werden in ihrer Selbstständigkeit gefördert und gefordert und lernen, Entscheidungen zu treffen. Sie werden als Menschen ganzheitlich wahrgenommen, akzeptiert und geachtet. Die vorhandenen Materialien im Montessori-Kindergarten regen zum Erforschen an und bieten den Kindern altersgerechte Bewegungsanreize.

WaldorfGrundlage der Waldorfpädagogik ist eine ganzheitliche Entwicklung von Körper, Geist und Seele. Die Anthroposophie ihres Begründers Rudolf Steiner (1861 – 1925) geht von einer Dreigliedrigkeit des Menschen aus: das Denken, das Fühlen und das Wollen. In der Waldorfschule oder Rudolf-Steiner-Schule und im Waldorfkindergarten werden handwerklich-künstlerische Fähigkeiten besonders gefördert.

Der Unterricht in der Waldorfschule umfasst im Wesentlichen zwei Blöcke. Der je nach Schule etwa zweistündige Hauptunterricht konzentriert sich als so genannter Epochen-Unterricht jeweils für mehrere Wochen auf ein Schulfach wie beispielsweise Mathematik oder Schreiben. Im zweiten Block, dem Fachunterricht, werden Fremdsprachen und künstlerische Fächer wie Gymnastik, Handarbeit, Musik sowie die Tanz- und Bewegungskunst Eurythmie gelehrt. Waldorfschulen arbeiten ohne Zensuren. Die Schüler können folglich auch nicht „sitzen bleiben“ oder eine Klasse wiederholen. Der Lehrplan einer Waldorfschule oder Rudolf-Steiner-Schule sieht vor, den Unterricht weitestgehend auf den kindlichen Reifeprozess abzustimmen. Das heißt, in den ersten Schuljahren wird viel Wert auf Bildhaftigkeit und Anschaulichkeit im Vermitteln der Lerninhalte gelegt. In der Mittelstufe, etwa ab der neunten Klasse, rückt dann der wissenschaftliche Unterricht mehr in den Mittelpunkt.

Im Waldorfkindergarten werden das soziale Miteinander, das kreative und zweckfreie Spiel mit (Natur-)Materialien sowie Rollenspiele besonders gefördert. Dem Kind soll Raum und Zeit zur eigenen Entfaltung geboten werden. Große Bedeutung kommt Waldorfkindergarten dem Tagesrhythmus, dem Jahreskalender und den Festtagen zu. Dem Miteinander liegt in Kindergarten und Schule und bestenfalls auch im Elternhaus das Menschenbild der von Rudolf Steiner entwickelten Antroposophie („Weisheit vom Menschen“) zugrunde.

An Waldorfschulen gibt es – zumindest bis zur zehnten Klasse – keine klassischen Zensuren. In Zeugnissen werden der individuelle Lernfortschritt und das Bemühen des Schülers möglichst detailliert abgebildet. In jährlichen Berichtszeugnissen in Wortform erhalten die Eltern einen ausführlichen Einblick in die verschiedenen Unterrichtsinhalte und die individuellen Entwicklungsschritte ihres Kindes. „Sitzenbleiben“ ist in der Waldorfschule nicht möglich.

FreinetFreinet-Schulen sind vor allem im romanischen Raum verbreitet. Freinet-Pädagogik verfolgt vier zentrale Ziele: freie Persönlichkeitsentfaltung, Selbstverantwortlichkeit, Zusammenarbeit und kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Klassen oder Gruppen werden von Erwachsenen und Kindern als selbstverwaltete Kooperative geführt, Entscheidungen trifft die Gemeinschaft. Zwar hat der französische Pädagoge Célestin Freinet sein Konzept ursprünglich für Schulen entwickelt. Aber mittlerweile arbeiten auch immer mehr Kindergärten und Tagesstätten im deutschsprachigen Raum nach dem Freinet-Ansatz.

Unterricht an Freinet-Schulen verläuft nicht lehrergelenkt, sondern von den Schülern selbstbestimmt. Das Vertrauen in die Kinder ist eine wichtige Grundlage der Freinet-Pädagogik. Die Schüler bestimmen weitgehend selbst, womit und wie lange sie sich beschäftigen. Individuelle sowie klasseninterne Tages- und Wochenpläne spielen ebenso wie Projektwochen und Feierlichkeiten der Schulgemeinschaft eine große Rolle. Das Klassenzimmer ist – ähnlich wie an Montessorischulen – in einzelne Arbeitsbereiche, so genannte Alteliers, aufgeteilt. Ihre Ergebnisse stellen sie anschließend der – meist jahrgangsgemischten – Klassengemeinschaft vor. Eine typische Einrichtung an Freinet-Schulen ist die Schuldruckerei. Freinet-Schulen setzen nicht auf Noten und Zeugnisse, sondern auf individuelle Arbeitspläne und Wochen- bzw. Jahresbilanzen.

Auch im Freinet-Kindergarten ist die aktive Beteiligung an der Tagesgestaltung zentrales Element. Die Kinder entscheiden gemeinsam mit den Erwachsenen, was die Gruppe am jeweiligen Tag unternimmt. In einer Morgenkonferenz werden Vorschläge zum Programm diskutiert und der Tagesablauf entschieden.

SudburyDemokratie, Recht, Freiheit und Verantwortung sind die großen Werte, die Sudbury-Schulen hochhalten. Weltweit bestehen derzeit knapp 40 Schulen, die sich am Sudbury-Modell orientieren. Dieses geht zurück auf die 1968 in Massachusetts gegründete Sudbury Valley School.

Sudbury-Schulen sind demokratisch organisiert. Das heißt, herkömmliche Unterrichtsmethoden werden durch Selbstbestimmung der Schüler ersetzt. Es gibt keine Noten und keinen Zwang, weder feste Klassen noch Pausenzeiten. Denn man ist davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche, die von Natur aus neugierig seien, auf selbstbestimmte Weise am effektivsten lernen. Das Lernen erfordere ein Umfeld ohne Druck und Angst, dafür mit umso mehr Freiheit und Fehlerakzeptanz. In altersgemischten Gruppen lernen die Schüler miteinander und voneinander, überwiegend, indem sie spielen, sich unterhalten, anderen zusehen oder lesen.

Auch in der Schulorganisation wird Demokratie in Form von Mitbestimmung groß geschrieben. Auf Vollversammlungen entscheiden Kinder, Eltern und Lehrer gemeinsam über alle schulrelevanten Belange.

JenaplanSelbstständiges, spielerisches Lernen und gemeinschaftliches Zusammenarbeiten und -leben in einem jahrgangsgemischten Gruppenverbund sind Kernelemente der Jenaplan-Pädagogik. Der Unterricht an Jenaplan-Schulen erfolgt schülermitbestimmt, fächerübergreifend und zum Teil epochal, das heißt, über einen bestimmten Zeitraum hinweg wird jeweils ein Themengebiet intensiv bearbeitet.

Der Schulalltag an Jenaplan-Schulen gliedert sich in fächerübergreifenden Kernunterricht (mindestens 100 Minuten täglich), Freiarbeit und Fachunterricht in Kursform. In Grundschulen sollen Schüler in so genannten Schulwohnstuben spielerisch an Lerninhalte herangeführt werden. Innerhalb des Gruppenverbunds soll eine familienähnliche Situation geschaffen werden. Die Zusammenarbeit mit dem Elternhaus ist eine Grundvoraussetzung der Jenaplan-Pädagogik. Daher stehen die Schulstuben Familienangehörigen jederzeit offen. Eltern werden als Mitarbeiter am Bildungsprozess begriffen, die sich in den Schulalltag einbringen sollen.

Ein typisches Element ist das Gespräch im großen Kreis unter der Leitung der Schüler selbst. Zu Wochenbeginn und –ende sollen im Idealfall gemeinsame Feste stattfinden. Im Grundkonzept von Peter Petersen gehen das Gespräch, das Feiern, das Spielen und das Arbeiten Hand in Hand. Jenaplan-Schulen verzichten auf Zensuren. An deren Stelle tritt ein Leistungsbericht, in den auch die Eigenwahrnehmung des Schülers und die Beurteilung durch Gruppenkameraden mit einfließen.

Jenaplan-Schulen sind überwiegend als Ganztagsschulen angelegt. Zwar zieht sich die Unterrichtszeit mitunter bis in die späten Nachmittagsstunden hinein. Diese wird aber – unter anderem durch ein gemeinsames spätes Frühstück und ein gemeinsames Mittagessen – immer wieder aufgelockert und unterbrochen.

Mehr Informationen zum Thema Bildung, Schule, Familie und Erziehung finden Sie auch auf der Internetseite von besser-bilden. Dort können Sie sich umfangreich in Ratgebern und Blogs zu der Frage „Welche Schule ist die richtige für mein Kind?“ informieren.

 

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