Freie Waldorfschule Linz: Wir werden leider oft als sektenähnliche Birkenstock-Fraktion bezeichnet

Freie Waldorfschule Linz: „Wir werden leider oft als sektenähnliche Birkenstock-Fraktion bezeichnet“

Valerie Himmelbauer Valerie Himmelbauer, Tips Redaktion, 19.07.2017 09:30 Uhr

In der Waldorfschule wird doch nur gesungen, der eigene Name vorgetanzt und Steine aneinandergeklopft? Falsch gedacht! Die oft als „Birkenstock-Fraktion“ bezeichnete Schulgemeinschaft feiert im nächsten Schuljahr ihr 40-jähriges Bestehen in Linz. Der ehemalige Waldorf-Schüler, Absolvent und heutige Marketingmanager Linus Pilar erzählte im Tips-Gespräch, wie er seine Schulzeit erlebte und welche Werte ihn geprägt haben.  

Fast von Anfang an, vor der Gründung vor 40 Jahren, ist die Freie Waldorfschule in Linz ein Fixpunkt in Linus Pilars Leben. Der Sohn eines Schriftstellers und einer Pädagogin durfte 13 Jahre lang die Waldorfschule in Linz erleben, musste aber auch deshalb mit vielen Vorurteilen kämpfen – bis jetzt. Denn heute sind seine drei Kinder selbst Waldorfschüler. „Wir werden oft als Birkenstockfraktion bezeichnet, und es geht die Meinung um, dass wir Waldorfschüler ohnehin nur unseren Namen in der Gegend herumtanzen und nichts lernen. Das klingt natürlich lustig. Wenn man es aber zum x-ten Mal hört, dann reicht es.“ Genau deshalb möchte Linus Pilar, der heute aktives Alumni-Club-Mitglied ist, die Waldorfschule „ins richtige Licht rücken und den Menschen die Scheu nehmen“ und zeigen, dass viel mehr hinter dieser öffentlich anerkannten, alternativen Schulform liegt.

Gemeinsame Instandhaltung

Die Freie Waldorfschule finanziert sich rein über Beiträge der Eltern bzw. Spenden und bekommt keine öffentliche Subvention, was eine große Herausforderung und einen finanziellen Kampf darstelle. Ein fixer Bestandteil des Waldorflebens, der oftmals Eltern abschrecke, ihre Kinder in die Waldorfschule zu schicken, sei es auch, dass die Eltern sich bereit erklären müssen, die Schule instandzuhalten und dabei selbst Hand anlegen und sich integrieren müssen. Durch diese gemeinsamen Instandhaltungstätigkeiten ergeben sich auch gemeinsame Kontakte und ein Zusammenhalt entstehe.

Begründer Rudolf Steiner

Seine drei Kinder hat Pilar derzeit selbst in der Linzer Waldorfschule untergebracht, die insgesamt 250 Schüler und 100 Kindergartenkinder im Sinne des Begründers Rudolf Steiner lehrt. Kosten von 900 Euro monatlich – den Höchstbeitrag – zahlt der Familienvater dafür als Beitrag ein. „Das ist es mir wert, das leiste ich mir. Ich will, dass die Gesellschaft auch von Persönlichkeiten, die mit der Waldorfschule aufgewachsen sind, profitieren kann.“ Natürlich sei ihm bewusst, dass sich nicht jeder diesen Luxus leisten könne. Dennoch sprechen für ihn die Vorteile klar dafür: „Wir treten uns mit Respekt und Wertschätzung gegenüber und wir lernen auch etwas anderes, als nur auf sich selbst zu schauen. Wir befinden uns ohnehin mitten in einer Leistungsgesellschaft und sind in einem Hamsterrad gefangen, fast niemand schaut nach rechts oder links, jeder will sich profilieren. Nach unserer Philosophie wird dem Kind aber Zeit gelassen, und es wird in die natürliche Umgebung integriert“, erzählt der Linzer.

Elementarer, epochaler Unterricht

Die weltweit ansässige Schule mit Öffentlichkeitsrecht verfügt selbstverständlich wie jede andere Schule auch über einen Lehrplan. Elementares wird unterrichtet – z.B. wie baue ich ein Haus. Epochaler Unterricht – alle drei Wochen widmet man sich einem anderen Thema –, Handwerk, Musik, Traditionelles, aber auch Brauchtümer werden gelebt. Auch die Eurythmie – eine Bewegungskunst, die durch den esoterischen Geisteswissenschaftler und Künstler Rudolf Steiner begründet wurde, hat einen großen Stellenwert. Das Ganzheitliche steht im Vordergrund, Sprache wird nicht als rein abstrakter Lerninhalt gesehen, sondern gesamtheitlich, und wird auch über die Bewegung miteinbezogen. „Trotzdem hat man als Waldorfschüler ständig das Gefühl, man muss sich behaupten, vor allem in Kontakt mit anderen. Manche leiden auch darunter. Aber man kann auch davon profitieren und stärker werden“, so Pilar.

„Weltoffene, normale Leute“

Von Pilars Abschlussklasse sind von 14 Schülern acht Akademiker, einer praktiziert als Allgemeinmediziner, einige sind im Gesundheitswesen tätig, andere sind erfolgreiche, selbstständige Geschäftsleute. Er selbst hat BWL studiert und als Marketingmanager Karriere gemacht. Alleine damit möchte er auch aufzeigen, dass nicht alles nur „alternativ“ wird, was in der Waldorfschule gedeiht: „Wir werden oft auch als sektenähnliche Fraktion bezeichnet. Vielleicht sollte sich jeder einmal an der Nase nehmen und die Vorurteile ausblenden“, wünscht sich Pilar und sagt: „Wir sind ganz normale Leute, was wir aber bestimmt erlernen ist eine Weltoffenheit. Wir bekommen aber auch alle Instrumente, Werkzeuge und Fähigkeiten mit, um für die Welt gewappnet zu sein“, so Pilar.

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