Interview mit Psychologin Michaela Hofer: „Mobbing hat viele Gesichter“

Interview mit Psychologin Michaela Hofer: „Mobbing hat viele Gesichter“

Michaela Aichinger Michaela Aichinger, Tips Redaktion, 28.10.2017 08:21 Uhr

MARKERSDORF. Unter dem Titel „Ich glaube, die mögen mich nicht“ lud die Psychologin Michaela Hofer zu einem Vortrag ein. Mit Tips sprach die Loosdorferin über Mobbing bei Kindern und Jugendlichen.

Tips: Was versteht man unter dem Begriff Mobbing?

Michaela Hofer: Schlagen, stoßen, beleidigen, auslachen, ausgrenzen, ignorieren, Gerüchte verbreiten, Sprüche und Bilder in digitalen Medien, Sachen beschädigen oder verstecken … Mobbing hat viele Erscheinungsformen und Gesichter – grob und offensichtlich aber auch subtil und versteckt – und beruht auf einer Eigendynamik, die überall und jederzeit entstehen kann.

Wie funktioniert Mobbing?

Mobbing ist ein aggressives Verhalten, das systematisch gegen eine Person oder eine Gruppe gerichtet ist. Es handelt sich um ein Gruppengeschehen sowie um eine über einen längeren Zeitraum wiederholt vorkommende Handlung mit Verletzungsabsicht – körperlich oder seelisch. Dies geschieht meist in einer stabilen Gruppe, die sich durch ungleiche Machtverhältnisse auszeichnet. Jeder kann betroffen sein. Die Mitwirkenden spielen unterschiedliche Rollen, jeder agiert im Mobbingprozess. Mobbing wird durch Zuschauende, die nicht reagieren, stabilisiert – also am Laufen gehalten. Sie signalisieren durch ihre passive Haltung, dass die Handlung in Ordnung ist. Meist sind es ein bis zwei Anführer, die das Mobbing initiieren und vorantreiben. Ihnen gesellen sich einige Mitläufer und Assistenten hinzu, die immer wieder das Opfer angreifen. Die Verstärker agieren, indem sie die Mobbenden ermutigen. Niemand möchte mehr Kontakt zum Betroffenen haben.

Wie groß ist die Rolle der „sozialen“ Medien? Ist Mobbing unter Kindern und Jugendlichen durch Facebook & Co gestiegen?

„Cyber-Mobbing“ ist mit traditionellem Mobbing verbunden. Mit dem sinkenden Alter der Handybenutzer tritt es auch schon in der Volksschule häufiger auf. Vorteil für Täter: Cyber-Mobbing gewährt ihnen Anonymität und das Opfer kann in kürzester Zeit vor großem Publikum bloßgestellt werden.

Welche Warnsignale sollten Eltern oder Lehrer beachten?

Warnsignale sind vorhanden, wenn sich das Kind aggressiv oder ängstlich verhält, oder auch Alpträume hat; wenn es Verletzungen hat, häufig Sachen verliert, oder Dinge beschädigt nach Hause bringt. Weiters, wenn das Kind nicht in die Schule gehen will, keine Freunde hat, nicht zu Festen eingeladen wird, sich oft krank fühlt oder negativ über sich selbst spricht.

Wie sollte man als Erwachsener auf derartige Warnsignale reagieren?

Eltern sollten fragen, was los ist und zuhören. Sie sollten Betroffenheit zeigen – Sensibilität ist gefragt. Zudem sollte die Schule informiert werden, damit gehandelt werden kann. Sehr wichtig ist auch, dem Opfer gegenüber keine unterschwelligen Schuldzuschreibungen und Vorwürfe zu machen. Lehrer sollten Mobbing auf keinen Fall ignorieren, sondern das Opfer schützen und unterstützen. Es muss null Toleranz gegenüber Gewalt herrschen. In der Klasse sollten die Folgen von Mobbing bewusst gemacht und Werte besprochen werden. Wichtig ist es, konstruktive Strategien zur Konfliktaustragung mit den Kindern zu erarbeiten. Denn ohne Stopp wird die Aggression in der Gruppe verstärkt.

Wie kann man sein Kind schützen?

Wichtig ist es, dem Kind grundlegende Werte zu vermitteln und vorzuleben, wertschätzend zu kommunizieren und den Selbstwert des Kindes zu heben, indem man Stärken und Ressourcen wahrnimmt. Man sollte sich klar machen, dass Schwächen und Fehler erst Fortschritte ermöglichen. Autonomie sollte gefördert werden. Selbstständigkeit ist eine Voraussetzung für ein positives Selbstbild. Man sollte seinem Kind auch das „Nein-Sagen“ beibringen und dessen Individualität bestätigen: Jeder Einzelne ist wertvoll. Zudem ist es unerlässlich, gegen Mobbing und Gewalt Stellung zu beziehen.

Zur Person

Michaela Hofer aus Loosdorf ist Diplompädagogin, Psychologin und diplomierte Erwachsenenbildnerin. Vor allem zu den Themen „Kinder fördern und stärken“, „Mobbing“, „Entwicklungspsychologie“, „Erziehungsfragen“ oder „Suchtvorbeugung“ gilt sie als gefragte Referentin.

Infos: 0676/3823779

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