Du kennst nur deines Nachbars Hund - Fazit nach einem halben Jahr New York City

Du kennst nur deines Nachbars Hund - Fazit nach einem halben Jahr New York City

Bernadette Aigner Bernadette Aigner, Tips Jugendredaktion, 02.06.2017 01:31 Uhr

Über sechs Monate ist es her, dass ich in ein Flugzeug gestiegen und in New York gelandet bin. Sechs Monate, in denen ich nicht nur die Metropole, sondern auch mich selbst (besser) kennen gelernt habe. Österreich hat 8,6 Millionen Einwohner – New York City auch. Der Kulturschock ist quasi vorprogrammiert.

Stellen Sie sich vor, diese 8,6 Millionen Einwohner gehen morgens zur Arbeit, nehmen die U-Bahn, das Auto oder ein Taxi. Das Bild das Sie nun vor Augen haben, ist jenes, das man aus Film und Fernsehen kennt. Ein Bild von vollgestopften Straßen zwischen engen Hochhausreihen und unzählige gelbe Taxis. Und genau dieses Bild ist Realität – natürlich. Aber wenn so viele Menschen im  Auto sitzen, haben Sie sich dann schon mal überlegt, wie viel mehr Menschen sich wohl in der U-Bahn befinden? Und welches U-Bahn System dahinter stecken muss, täglich so viele Menschen transportieren zu können? In Zahlen: über 4,9 Millionen Fahrgäste pro Tag – das heißt halb so viele Menschen, wie in ganz Österreich leben.

Die New York City Subway ist eines der ältesten U-Bahnnetze der Welt (sie wurde 1904 eröffnet) und mittlerweile auch eines der längsten und zugleich komplexesten. Und die Komplexität des  Systems wird mir auch nach über einem halben Jahr fast täglich bewusst. Während an Wochentagen die U-Bahn meistens geregelt fährt, verändern sich an Wochenenden die Haltestellen, Linien und folgedessen die Fahrzeiten. Und es beruhigt mich zu hören, dass sogar „eingeborene New Yorker“ Schwierigkeiten  haben, am Wochenende den richtigen Zug zu finden.

Obwohl „eingeborene New Yorker“ gefühlsmäßig genau so selten zu finden sind.  Die Bevölkerung New York Citys ist dynamisch, mehrere hundert tausend Menschen ziehen jährlich in und aus der Stadt. Und diese Umzüge machen die Stadt aus und spiegeln sich in ihrer Vielfältigkeit wieder. „This very vibrant picture is what makes New York City“s population extraordinary and different from most other places in the nation and, perhaps, the world„  (zu Deutsch:  “Dieses sehr lebendige Bild ist es, was die Bevölkerung von New York City außergewöhnlich macht und sich unterscheidet von den meisten anderen Orten in der Nation und vielleicht der ganzen Welt.„) – Diese Angabe fand ich auf der, von der Regierung eingerichteten, Website.  Big Apple Bewohner können sich auf dieser Website über alles Mögliche informieren: Feiertage, Schulen, Steuern, Strafen,… auch Müllentsorgung. Und Müllentsorgung ist ein Thema, bei dem die umweltbewusste Österreicherin in  New York die Krise bekommt. Zusammengefasst: Metall, Glas und Plastik in einen Container, Papier extra und Restmüll (inklusive Biomüll) in den dritten. Mir fehlen die richtigen Worte. Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass ich zumindest weiß, wie ich trennen muss, verstanden habe ich das System jedoch nicht.

Der Stadtplan Manhattans, wie man ihn heute kennt, geht zurück ins 19. Jahrhundert: the “Commissioners„ Plan of 1811. In diesem Plan wurde der Grundriss für Manhattan gelegt und die Straßen und Avenues geplant. Gassen, zwischen den Gebäudereihen waren nicht enthalten und gibt es dementsprechend bis heute nicht – die Gassen, in denen andere Metropolen ihren Müll entsorgen. Fazit: der Müll landet auf dem Gehsteig. An den Abenden bevor die Müllabfuhr kommt, stellen die Bewohner ihre Müllsäcke auf den Gehweg vor die Haustüre, die Müllabfuhr holt sie am nächsten Morgen ab (in der Gegend in der ich wohne, ist das montags, mittwochs und freitags), folgedessen liegt mindestens drei Mal massenhaft Hausmüll am Gehweg. Dass es in der Megastadt angeblich gleich viele  Ratten wie Menschen gibt, brauche ich hier wahrscheinlich nicht anzuführen. (Unglaublich jedoch, dass Studien zu finden sind, die aufzeigen dass “nur„ zwei Millionen Ratten in NYC leben.)

Die einzigen, die diese Art der Müllentsorgung wertschätzen, sind vermutlich die Hunde von New York. Und auch davon gibt es genug – nämlich etwa 600.000. Etwa jeder dritte Haushalt soll eine Katze oder einen Hund haben. Das bedeutet, mindestens einer deiner Anrainer, hat ein Haustier. Und zumindest bei den Hunden gilt: möglicherweise kennst du deinen Nachbarn nicht, aber deines Nachbars Hund.

Für mich, die in Österreich an Sommerabenden mehr Zeit auf der Terrasse ihrer Nachbarn verbringt, als Schlaf zu tanken, ist diese Anonymität Neuland. Doch merke ich diese  Anonymität kaum, wenn es um die Vierbeiner der Stadt geht, es scheint als würde sie sich hauptsächlich unter die Bevölkerung ausbreiten, nicht  aber unter den Hunden.  Bei einem Spaziergang im Central Park treffe ich nicht selten auf Sanchez, Copper, Brooklyn und Co. Ihre BesitzerInnen kenne ich bis heute nicht beim Namen.

Und trotz all der Schattenseiten, die ich nun erwähnt habe, kann ich nur bestätigen, dass die City ganz besonderes ist und einen in ihren Bann zieht – sie ist nicht umsonst bekannt als “the greatest city in the world„.

 

 

 

Über die Autorin:

Seit August 2016 lebe und arbeite ich als Au Pair in Manhattan. Mit meiner Gastfamilie wohne ich in einem sogenannten “Brownstone house„ an der Upper West Side und betreue meine drei Gastkinder, Thomas (14), Julia (13) und Caroline (9) sowie Lucy, den Hund. 

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