Bestsellerautorin Zana Ramadani über die Unterdrückung der Frau in der muslimischen Welt

Bestsellerautorin Zana Ramadani über die Unterdrückung der Frau in der muslimischen Welt

Thomas Lettner Thomas Lettner, Tips Redaktion, 02.10.2017 07:44 Uhr

ST. PÖLTEN.  Zana Ramadani, Autorin des Bestsellers „Die verschleierte Gefahr“, nahm vergangene Woche an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Integration und Islam. Musliminnen zwischen Tradition und Moderne“ im Landhaus St. Pölten teil. Tips traf die 33-jährige Deutsche mit albanischen und mazedonischen Wurzeln zu einem Interview.

Tips: Können Sie sich und Ihr Buch kurz vorstellen?

Ramadani: Ich bin Albanerin aus Mazedonien und in Skopje geboren. Ich habe selbst einen muslimischen Hintergrund und habe jetzt das Integrationsbuch geschrieben inklusive eines Leitfadens, wie ich mir vorstelle, dass eine gute Integration funktionieren kann. Der Ansatz ist, Frauen zu stärken, dass durch sie direkt die nächsten Generationen mitintegriert werden. Wenn wir eine Mutter integrieren beziehungsweise sie sich emanzipiert und sich dadurch integriert, wird sie ihre Kinder gleichgestellt erziehen. Dann wird es keine Macho-Prinzen mehr geben und dann werden Mädchen auch nicht als Bedienstete erzogen.

Sind Sie selbst in einer patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen?

Ja, ich bin ja selbst in eine muslimische Familie hineingeboren und auch auf diese Art und Weise erzogen worden. Der Stellenwert ist bei Frauen klar, die Rollenbilder sind festgeschrieben: Jungs dürfen alles, die Mädchen nichts. Die Mädchen sind dazu da, um später Hausfrau und Mutter zu sein und als Gebärmaschine und als Bedienstete zu fungieren. Das gilt erst der eigenen Familie gegenüber, dann gegenüber dem Ehemann und dessen Familie. Die einzige Aufgabe der Männer ist, als Versorger zu dienen und sich sonst um nichts zu kümmern. Mein Buch heißt ja „Die verschleierte Gefahr, die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen“. Die Macht liegt darin, dass diese Frauen die Erziehung übernehmen müssen und der männliche Teil erst sehr spät dazu kommt, und wenn, dann meist in strafender Form. Da sind die Kinder vom Prinzip her schon sozialisiert. Wenn sich eine Frau dieser Opferrolle komplett hingibt - irgendwann gibt man ja auf zu kämpfen, wenn man nur bestraft wird - dann empfindet sie das ab einem Punkt als richtig und erzieht die nächste Generation genau so weiter. Das ist ein Teufelskreis, und es stellt sich die Frage, wie man aus diesem Teufelskreis raus kommt. Also können wir nur eins tun: an die Wurzeln gehen, und die Wurzeln sind die Frauen. Wir müssen schaffen, dass sie sich emanzipieren. Wenn eine erfolgreiche Integration gelingt, gibt es keine zweite, dritte oder vierte Generation mit deutschem oder österreichischem Pass, die identitätsgestört ist, wie es heute ja großteils zutrifft.

Wie sind Sie selbst aus diesem Teufelskreis ausgebrochen?

Ich bin schon mein ganzes Leben daraus ausgebrochen. Mit 18 ist es mir dann gelungen, weil ich gezwungenermaßen in ein Frauenhaus fliehen musste. Das war der einzige Weg, dieser Welt zu entkommen. Aus dem Frauenhaus heraus habe ich mir dann mein Leben aufgebaut.

Mit welchen Problemen waren Sie konfrontiert?

Die Probleme bestanden schon mein ganzes Leben lang. Ich habe mich schon in Mazedonien, wo wir vorher gelebt haben, dagegen aufgelehnt. Ich habe nie verstanden, warum ich nicht mit Jungs draußen spielen darf, obwohl ich noch ein Kind war. Ich habe es natürlich dann erst Recht gemacht, die Strafe kam immer sofort. So setzte es sich dann fort. In Deutschland bin ich in einem kleinen Dorf nur unter Deutschen aufgewachsen, daher auch mein Siegerländer Akzent. Ich wollte so sein wie meine deutschen Freundinnen auch. Wir haben nichts Verwerfliches getan. Wir haben Fahrradtouren gemacht im Sommer, Filmabende gemacht oder gezeltet. Das war schon schlimm, weil die beiden Geschlechter zusammen waren. Mein Vater hatte nie etwas zu sagen, er konnte also diesem muslimischen Rollenbild nie gerecht werden. Er ist selber Atheist und hat mit dem Glauben an sich nichts zu tun. Ich komme nicht aus einer konservativen Familie. Meine Mutter war in Mazedonien auch nicht so konservativ, obwohl sie versucht hat, mir diese Rollenbilder anzuerziehen. Als wir in Deutschland waren, hat sie sich verloren gefühlt. Es ist hier ja alles anders als in den Heimatländern. Damals im Jahr 1991, als wir nach Deutschland gekommen sind, gab es keine Integrationskurse. Wenn man diese Menschen alleine lässt, suchen die nach natürlich nach Halt und Sicherheit. Die Sicherheit sucht man im Vertrauten, und das Vertraute kannte sie von zuhause. Das Konservative kennt sie von Ihrer Familie, also hat sie sich selber unter Druck gefühlt. Ihre Brüder haben auch eine große Rolle gespielt. Dann kamen per Telefon immer die Hinweise „Lass Zana nicht so werden wie die Deutschen oder wie die!“. Somit befinden sich die Frauen und die Menschen unter einem extremen Druck. Das führt dazu, dass die Erziehung immer extremer und aggressiver wird. Für mich kam das nie infrage. Ich wollte nicht akzeptieren, dass Unterdrückung, Zwang und Misshandlung mit einer Religion gerechtfertigt wird – und das kann man mit fast allen monotheistischen Religionen. Im muslimischen Kulturkreis ist das noch sehr ausgeprägt, weil sie noch zurück liegen und es noch keine Emanzipation in der Religion gab. So führte eines zum anderen. Ich bin in einer Nacht und Nebel-Aktion in ein Frauenhaus geflohen, weil meine Onkels gekommen sind, und ich wusste nicht, was passiert. Das war der einzige Weg, abzuhauen.

Welche Nachteile haben muslimische Frauen, wenn sie sich nicht aus diesem patriarchalischen Rollenbild befreien?

Man kann keine selbstbestimmte Entscheidung treffen! Entscheidungen wie beispielsweise welchen Beruf man als Mädchen ergreift oder ob man sich mittags mit einer Freundin irgendwo auf einen Kaffee trifft.  In einer strengeren Familie muss man schon Angst haben, draußen beim Reden mit einem Klassenkollegen gesehen zu werden. Gerade in den Parallelgesellschaften in Deutschland, wo viele Migranten miteinander leben, sind die Kontrollfunktionen extrem ausgeprägt. Man ist gerade vor die Tür zum Einkaufen gegangen, kommt einem ein Schulkollege entgegen und der fragt vielleicht nach den Hausaufgaben. Wenn das irgendein Bekannter vom Onkel oder vom Vater sieht, wird schon zuhause angerufen. Somit steigt der Druck, weil man zusehen muss, dass man nichts falsch macht, sonst wird man auf irgendeine Art und Weise mindestens beschimpft. Man ist eigentlich nur gut und perfekt, wenn man zuhause bleibt als Frau, den Mann bedient und sich erst gar nicht vor die Tür traut. Das machen dann auch viele, weil man jedes Mal angeschrien oder misshandelt wird.

Sind die Frauen nicht auch selber schuld, wenn die patriarchalischen Rollenbilder weitergegeben werden? Manche muslimischen Männer verlangen gar nicht von ihnen, dass sie Kopftücher tragen, aber sie tun es trotzdem.

Die Männer müssen das ja gar nicht verlangen. Wenn die Mädchen mit diesem Rollenbildern von klein auf ergezogen worden sind, wenn die Mutter, die Schwester und die Tanten alle Kopftuch tragen und sie so sozialisiert worden sind, dann empfinden sie das durchgehend als richtig. Wenn sie kein Kopftuch tragen, fühlen sie sich schlecht, und dann heiraten sie in Familien hinein, die auch Kopftücher tragen. Man wird zwar akzeptiert, wenn man gläubige Muslimin ist, betet und sich ehrenhaft verhält, aber trotzdem ist man anders. Dann stellt sich die Frage, wie stark man selber ist und wie sehr das an einem abprallt. Andererseits ist es so, wenn sie schon mit neun Jahren oder jünger ein Kopftuch aufgesetzt kriegen, dann ist es irgendwann ein Teil von ihnen. Sie können dieses Stück Stoff nicht ablegen. Es macht die Mädchen aber erstens zu einer anderen Person, zweitens nimmt es ihnen auch sehr viel Kindheit und sehr viel Jugend. Ein Kopftuch-Mädchen werden Sie nie auf einem Spielplatz oder auf einen Baum klettern sehen oder gar Fahrradfahren. In Berlin sehe ich ständig immer mehr kleine Mädchen mit Kopftüchern. Man nimmt ihnen die Kindheit. Ich weiß nicht, wie das mit unseren Grundwerten und vor allem mit unseren Gesetzen vereinbar ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der Frauen in der muslimischen Welt? In Saudi Arabien ist ja dieser Tage beschlossen worden, dass die Frauen nächstes Jahr Auto fahren dürfen.

Na, das reicht doch jetzt für die nächsten Jahrzehnte (lacht). In Ländern wie Saudi Arabien, Iran und so weiter gibt es Frauenbewegungen, die sich gegen diese Behandlung auflehnen. Frauen rasieren sich die Köpfe, damit sie vor die Tür gehen können. Das Schlimme ist, dass wir hier in den westlichen Ländern eine Rückentwicklung in der zweiten und dritten Generation haben. Es gibt hier bei uns Frauen, die propagieren, dass das Kopftuch Freiheit bedeutet. Tatsache ist, dass aber nur eine Minderheit das frei entscheidet. Dann stellt sich noch die Frage, aus welchen Familien diese Frauen kommen. Wenn die ganze Familie schon Kopftuch trägt, wie frei ist man dann? Richtig frei entscheiden, ob sie Kopftuch tragen wollen oder nicht, können nur die zum Islam Konvertierten. Die sind nämlich frei von diesen Werten und Frauenbildern mit diesem „Halal“ und „Haram“ und was auch immer aufgewachsen. Ich verstehe nicht, warum es diese Rückkehr hier im Westen gibt. In den islamischen Ländern gibt es eine sehr große und starke feministische Bewegung. Statt dass die Frauen mit Migrationshintergrund hier ihre Schwestern unterstützen und sagen, „Unterdrückung von Frauen sollte nicht mit Religion begründbar sein“, propagieren sie hier genau das Gegenteil und liefern alle Frauen in der islamischen Welt aus.

Was sind die Gründe für diese Rückentwicklung?

Es gibt viele Faktoren. Einerseits die Identitätskrisen, weil die zweite und dritte Generation teilweise wirklich identitätsgestört sind. Sie sind hier und auch in den Heimatländern null integriert, das ist für mich aber auch keine Entschuldigung. Andererseits sind die Muslim-Verbände in Deutschland und in Österreich genauso sehr stark hofiert worden. Die Verbände haben sehr viel Macht und Einfluss gewonnen. Die Muslim-Verbände sind für mich keine spirituellen und religiösen Verbände, sondern Islamisten-Verbände. Sie propagieren keinen spirituellen Glauben, sondern es ist Politik, die da gemacht und die von außen gesteuert wird. Dadurch, dass unsere Politiker diese Verbände in den letzten Jahrzehnten extrem hofiert haben, sie als „die“ Vertreter der Muslime und Migranten betrachtet und unterstützt haben, haben sie die Islamisten sehr stark gemacht. Dadurch wurden Menschen, die Muslime und Andersgläubige gar nicht groß getrennt haben, immer wieder daran erinnert, dass sie Muslime sind und dass sie nie so sein dürfen wie die anderen. Dann fühle sich natürlich Menschen, die in Parallelgesellschaften wohnen und die sich hier nie heimisch gefühlt haben, zu den Verbänden hingezogen und hören darauf, was sie sagen. Das ist ein Teufelskreis. Wenn man da einmal drinnen ist, ist es schwer, wieder herauszufinden. Wenn sie nur in Parallelgesellschaften leben und keinen sozialen Kreis draußen haben, der sie immer wieder auf den Boden zurück holt und sagt „Nee, du bist einer von uns“, was will man dann machen? Die Menschen fügen sich irgendwann.

Sie leben dann wie in einer Sekte?

Ja.

Was ist, wenn Ihre kleine Tochter selbst einmal sagt, dass sie ein Kopftuch tragen möchte?

Sie wird wahrscheinlich sehr viel Unsinn machen im Leben, aber eines kann ich sagen: Dieses Mädchen wird verstehen, dass man sich nicht entweiblichen muss, um ernst genommen oder als ehrbar betrachtet zu werden. Das Mädchen wird verstehen, dass sie, auch wenn sie irgendwo komplett nackt steht, man ihr als Frau Respekt entgegenbringen muss – gerade als Frau. Wir Frauen leisten ja sehr viel (lacht). Wieso sollte man das nicht anerkennen? Daher mache ich mir über vieles Sorgen, aber nicht darüber, dass sie sich irgendwann einmal entweiblicht.

 

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