Marko Feingold: „Die Frauen sind wie Trauben an den deutschen Soldaten gehängt“
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Marko Feingold: „Die Frauen sind wie Trauben an den deutschen Soldaten gehängt“

Thomas Lettner Thomas Lettner, Tips Redaktion, 08.03.2018 13:07 Uhr

ST. PÖLTEN. Im Museum Niederösterreich fand gestern im Rahmen der Vortragsreihe „Erzählte Geschichte“ ein Gespräch mit Marko Feingold, dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und dem mit 104 Jahren ältesten Holocaust-Überlebenden Österreichs, statt. Trotz seines hohen Alters und der schlimmen Erfahrungen zeigte sich Feingold sehr redselig und brachte mit seinen Anekdoten das Publikum sowohl zum Nachdenken als auch zum Lachen.

Es ist kaum zu glauben, dass der Mann, der vorne am Podium sitzt und frisch aus dem Nähkästchen plaudert, ein Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs das Licht erblickt hat. Feingold wirkt viel jünger, auch wenn manche seiner Sätze akustisch nicht leicht zu verstehen sind und er manchmal nachfragen muss, wenn er eine Frage des Moderators nicht verstanden hat. Junggeblieben sind auch seine Erinnerungen, die er sehr lebhaft und detailgetreu schildert und die es leichter machen, sich in eine schwer nachzuvollziehende Epoche der österreichischen und deutschen Geschichte hineinzuversetzen.

Überschwängliche Freude beim Anschluss

Feingold kam mit seinem Bruder Ernst im Februar 1938 nach Wien, um seine Pässe verlängern zu lassen. Von der Ankunft der deutschen Truppen im März war er völlig überrascht, genauso wie von der überschwänglichen Freude der Österreicher. „Die Frauen sind wie Trauben an den deutschen Soldaten gehängt. Der Anschluss war also kein Überfall. Jeder, der das behauptet, dem gehört die Zunge abgeschnitten“, erzählte Feingold emotional. Sofort hätten Bürger angefangen, jüdische Wohnungen zu stürmen, in denen sie Geld und Wertgegenstände vermuteten. Polizisten kamen den Opfern keine zu Hilfe.

Schikane für Juden

In Wien beobachtete Feingold, wie Juden – darunter Schulprofessoren und Ärzte – mit Zahnbürsten den Dreck vom Boden kratzen mussten, während die Umstehenden eher belustigt zusahen als Mitleid zu haben. Dabei hätten vor 150 Jahren aus Polen ausgewanderte Juden die Literatur Österreichs bereichert, und auch medizinisch sei man damals weltweit aufgrund der jüdischen Mitbürger an erster Stelle gewesen.

Transport nach Auschwitz

1938 ging Feingold mit seinem Bruder nach Prag, wo er erwischt und nach Polen abgeschoben wurde. Dort kam er in Kontakt mit „Ganoven“ und besorgte sich in Warschau Papiere, bei denen es sich aber leider um polnische handelte. Das fiel auf, da die Feingolds noch keinen Militärdienst abgeleistet hatten. Zurück in der Tschechoslowakei wurden die Gebrüder Feingold wieder erwischt und arbeiteten für einen Deutschen, für den sie von Juden verlassene, geplünderte Wohnungen bewerten sollten. Da sie in der Hoffnung auf spätere Wiedergutmachung der Wohnungen den Wert von Möbeln zu hoch ansetzten, was bei der Kontrolle der Unterlagen auffiel, wurden sie von sechs SS-Männern zusammengeschlagen. Diese wollten erfahren, welches tschechoslowakische Institut sie zur Fälschung angestiftet hatte. Darauf wurde Marko Feingold nach Auschwitz deportiert.

Unfassbares Morden in den KZs

Manchmal scheint die Stimme des 104-Jährigen fast zu versagen, wenn er vom Leben in den KZs erzählt, von denen Feingold vier erlebt hat. Schnell fasst er sich aber wieder und erzählt munter weiter. Das Morden in den KZs sei etwas, dass man sich gar nicht vorstellen kann, so Feingold. „Die Tiere haben ihren Schutzverein, für die Menschen aber gibt es nichts. Man glaubt nicht, was Menschen einander antun können“, sagt er. Dass Feingold überlebte, bezeichnet er als puren Zufall. In Österreich habe es 1938 200.000 Juden gegeben, von denen 135.000 geflüchtet und 65.000 – hauptsächlich Ältere, Intellektuelle oder im Ersten Weltkrieg Ausgezeichnete – geblieben seien. Diese habe man unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Österreich hinaus gelockt.

Knapp dem Tod entronnen

Sechs Jahre lang litt Feingold ständigen Hunger und wog irgendwann nur mehr 30 Kilogramm. Zeitweise war er nicht mehr arbeitsfähig. Erholen konnte er sich nur auf den Transporten zwischen den Lagern. 1942 wurde er im KZ Buchenwald Maurer, obwohl ihn ein Blockältester vorerst nicht aufnehmen wollte. Im Oktober desselben Jahres hielt Reichsführer der SS Heinrich Himmler eine Rede, dass alle Juden auf deutschem Boden außer den Bauhandwerkern nach Auschwitz deportiert werden sollten. Somit entging Feingold der Ermordung wieder um Haaresbreite.

Befreiung durch Amerikaner

Hart war nicht nur die Behandlung durch die SS, sondern auch der Umgang unter den Häftlingen. „Es herrschte die Mentalität “Jeder gegen Jeden„. Für ein Stück Brot konnte einer den anderen umbringen“, erzählt Feingold, der aber auch erwähnt, dass sich die Häftlinge untereinander halfen. Einzig die Illusion, dass irgendwann alles besser wird, hielt ihn am Leben. 1945 wurden die kleineren Nebenlager aufgelöst und die Juden entweder liquidiert oder in die bald hoffnungslos überfüllten Hauptlager gebracht. Die amerikanischen Truppen kamen über die Tschechoslowakei nach Thüringen und befreiten das KZ Buchenwald und seine 30.000 Insassen. Am Tag der Befreiung kam ein Rabbiner amerikanischer Abstammung mit einem Jeep im KZ an, riss die Türen der Baracken auf und rief: „Ihr seid befreit!“ „Wir hatten keine Freude, wir wussten gar nicht, dass wir befreit sind“, erzählt Feingold von diesen schicksalshaften Tagen. Die Häftlinge besetzten aus Angst, die SS könnte zurückkommen, die Wachtürme. Diese war vorher zur Verstärkung der Front abgezogen worden. Zum Schluss befanden sich nur mehr 30 SS-Männer im Lager, sodass die Häftlinge den Lagerbetrieb so gut wie alleine führten. Nach dem Krieg blieb Marko Feingold in Salzburg, wo er bis heute lebt.

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