Die Chancen und Risiken von Bitcoin und anderen Kryptowährungen

Die Chancen und Risiken von Bitcoin und anderen Kryptowährungen

Thomas Lettner Thomas Lettner, Tips Redaktion, 21.02.2018 12:00 Uhr

ST. PÖLTEN. Ach, was muss man oft von diesen, Bitcoins hören oder lesen - so ähnlich würde wohl der verstorbene deutsche Schriftsteller Wilhelm Busch ein Gedicht über Kryptowährungen beginnen. Welche Chancen aber auch welche Risiken die digitalen Währungen mit sich bringen, verraten Zoran Babic, Gründer von Mycryptodojo.com (E-Learning Plattform für Kryptowährungen und Blockchaintechnik) und Thomas Kern, selbstständiger Wertpapiervermittler und Experte für den Bereich Kryptowährungen.

Tips: Warum sind Kryptowährungen entstanden?

Kern: Ich habe schon als ich noch für eine Bank gearbeitet habe gemerkt, dass manche Leute behaupten, dass unser derzeitiges Fiat-Geldsystem (Euro, Dollar, Yen,…) nicht optimal aufgebaut ist und einige Probleme mit sich bringt. Es wird durch den Zinseszins-Effekt und die zentrale Steuerung der Geldmenge der Wohlstand von den sozial Schwächeren zu den Vermögenden transferiert. Die Geldmenge kann beliebig vermehrt werden, da diese nur mit Schulden gedeckt sind. In Diskussionen über Kryptowährungen kommen oft Vorwürfe, dass diese ja nur digital seien und keinen inneren Wert haben. Cryptonauten - wie wir sie im Dojo nennen - sehen diesbezüglich wenig Unterschied zu unserem ungedeckten Papiergeldsystem, denn 95 Prozent der Fiat-Währungen sind digital, die anderen fünf Prozent sind die Geldscheine in unseren Geldbörsen. 1971 hat der ehemalige US-Präsident Nixon die Golddeckung aufgehoben. Seitdem sind alle Fiat-Währungen nicht mehr mit Gold gedeckt, sondern nur mit einem zukünftigen Zahlungsversprechen – einem Schuldschein. Die Zentralbanken müssen immer mehr Geld drucken, um die Zinsen der Schulden im Geldsystem zu bezahlen. Irgendwann wird dies zu einem massiven Problem werden. Satoshi Nakamoto (Pseudonym der oder des Bitcoin-Erfinder/s) hat im Jahr 2009 als mögliche Lösung auf die Finanzkrise ein öffentliches Kassenbuch erstellt, in dem die Geldmenge nicht beliebig vermehrt werden kann und es somit auch keinen Zinseszins-Effekt gibt, der den Wert von den Armen zu den Reichen transferiert. Der Zinseszins-Effekt ist meiner Meinung nach der einzige Grund, warum wahrscheinlich weniger als ein Prozent der Erdbevölkerung über 50 Prozent des Vermögens besitzt.

Tips: Kryptowährungen haben also einen sozialen Hintergrund sozusagen?

Kern: Sie können zumindest eine Lösung für einige Probleme in unserem Geldsystem sein.

Tips: Wie regulieren sich Kryptowährungen?

Kern: Sie regulieren sich von selbst, das ist das Praktische. Man braucht nur die Personen A und B, zwischen denen die Währung hin- und hergeschickt wird. Die Kontrolle ist der mathematische Algorithmus, womit man keiner zentralen Stelle vertrauen muss.

Babic: Der Unterschied ist, Bitcoin gehört den Menschen, also den Teilnehmern des Bitcoin- Netzwerks. Die Fiat-Währungen gehören den Banken.

Tips: Kryptowährungen bergen auch viele Risiken. Es hat schon viele Hacker-Angriffe auf Bitcoin-Börsen gegeben. Wie sicher sind Kryptowährungen?

Kern: Die Blockchain ist bisher noch nie gehackt worden und ist sehr sicher, weil sie dezentral ist und alle Nodes/Knotenpunkte (Smartphone, Tablet, PC,…) einzeln gehackt werden müssten. Was gehackt werden kann, sind viel mehr die Wallets, die eigenen Zugänge oder Geldbörsen der Blockchain, mit denen man seine Coins abruft. Wenn man den Code auf der Straße verliert, kann die Kryptowährung genauso leicht gestohlen werden, wie wenn man seine Geldtasche in einem Lokal liegen lässt. Man muss sein eigenes Wallet also extrem gut schützen. Wenn man dies mit USB-Sticks oder Paperwallets macht, ist die Sicherheit sehr hoch.

Babic: Eine Blockchain kann man nicht hacken oder fälschen, sondern nur die Zugänge. Börsen, sogenannte „Crypto Exchanges“ haben auch ihre Software. Man kann sich das wie bei einem Computer vorstellen – nichts ist hundertprozentig sicher, aber manche Dinge sind sicherer als andere. Das hängt beim Computer ab vom Betriebssystem, von der Anti-Virensoftware, von der digitalen Wallet, wie man die Dinge aufbewahrt et cetera. Das Thema Sicherheit ist in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung und ist auch eines des wichtigeren Themen in unseren folgenden Seminaren.

Kern: Es hat immer mit höchster Eigenverantwortung zu tun. Man muss selber aufpassen, wie man seine Coins und seinen Private Key schützt. Man muss sich gut informieren darüber. Es gibt ein Online-Wallet, ein Desktop-Wallet, USB-Sticks und so weiter. Wenn man die Coins nicht sichert und man formatiert die Festplatte, sind sie weg.

Babic: Es gibt einen Public Key – einen öffentlichen Schlüssel -, dieser ist wie der Name schon sagt öffentlich. Alles was mit dem Public Key verschlüsselt ist, kann nur mit dem Private Key entschlüsselt werden. Den Private Key sollte man aus diesem Grund mit niemandem teilen und immer gut aufbewahren. Mit diesem hat man im Notfall die Möglichkeit von Backups und Wiederherstellung von digitalen Wallets.

Tips: Es hat schon öfter Pyramidenspiele gegeben, wo manche auf die Nase gefallen sind wie im Fall Bitconnect oder Optioment. Wie groß ist die Gefahr, in solche Fallen zu treten?

Kern: Sehr hoch. Der Markt ist derzeit noch unreguliert und damit wird viel Schindluder getrieben vor allem über sogenannte Schneeballsysteme. Man muss gut recherchieren, wie man sein Vermögen streuen will oder Experten in diesem Gebiet folgen. Ich würde allgemein niemandem empfehlen, sein ganzes Vermögen in Kryptowährungen zu investieren, da es ein hohes Risikokapital darstellt. Rückgänge von bis zu 90 Prozent musste man schon öfters hinnehmen. Man soll nur so viel investieren, was man bereit ist zu verlieren. Jedoch gilt: umso höher das Risiko umso höher ist auch der mögliche Ertrag.

Babic: Man kann es vergleichen mit dem Internetboom. In der Entstehungszeit des Internets hat es auch sehr viele schwarze Schafe gegeben. Die gibt es hier genauso. Es gibt zwei Alarmglocken: Die erste sollte läuten, wenn man auf einen Verkäufer trifft, der einem eine bestimmte Kryptowährung verkaufen will. Sobald jemand etwas verkauft, dafür Provision kassiert und verspricht, dass man rasend schnell mit der besten Kryptowährung Millionär wird, dann sollte die zweite Alarmglocke läuten.

Kern: Wenn übertriebene Kursprognosen dabei sind, kann es auch gefährlich werden. Es ist nicht leicht Kursentwicklungen zu prognostizieren, da Angebot und Nachfrage den Markt regeln. Es geht um das Vertrauen der Menschen wie auch bei allen Zahlungsmitteln in der Geschichte.

Tips: Wie geht man am besten vor, wenn man gewinnbringend in Kryptowährungen investieren will?

Kern: Aufgrund der Tatsache, dass der Markt so schwankungsfreudig ist, empfiehlt es sich, einen kleinen Betrag zu investieren, den man verlieren kann. Den sollte man aber nicht auf einmal investieren, sondern stufenweise. Wenn man bei einem hohen Kurs kauft und der Kurs fällt, kann man noch einmal nachkaufen. So erhält man einen Mischkurs und reduziert das Risiko. Das soll man nicht nur bei einer, sondern auf mehrere Währungen aufgeteilt machen. Wenn man sich nicht so gut auskennt, ist es gut, einfach die Top 20-Währungen zu kaufen.

Babic: Es ist auch wichtig, mit Menschen zu sprechen, die das Knowhow haben. Man braucht keinen Top-Experten, aber jemanden, der bei den ersten Schritten hilft. Viele Leute reagieren auf Hypes. Viele haben deshalb Bitcoin sehr teuer gekauft und bei einer Kurskorrektur dann in Angst (Panic Sell) verkauft, weil sie nicht das nötige Wissen gehabt haben oder sich gedacht haben, die Währung erholt sich nicht mehr. Einsteigen soll man nach einem Hype, wenn sich der Kurs wieder beruhigt. Es wird empfohlen, nicht mit einer Gesamtsumme einzusteigen, sondern schrittweise. Das Wichtigste ist aber, dass man immer nur die Summe investieren sollte, deren Verlust man ohne jegliche finanziellen Schwierigkeiten bewältigen kann.

Kern: Es geht darum, bei einem Hype zu verkaufen, und wenn die Menschen Panik haben und die Medien negativ über Kursentwicklungen berichten, muss man mutig werden und kaufen - man sollte also antizyklisch investieren. 95 Prozent der Standard-Anleger machen jedoch genau das Gegenteil. Man soll in Panik kaufen und bei Hysterie, wenn jeder die Coins haben will, verkaufen. Das hört sich logisch an, aber ist psychologisch sehr schwer.

Tips: Werden Kryptowährungen die Standard-Währungen irgendwann ersetzen?

Kern: Ich persönlich glaube, dass sich die nächsten Jahre ein Zweitmarkt bilden wird. Das gilt besonders für Personen, die keinen Zugriff auf Bankkonten haben, was Schätzungen zufolge ein Drittel der Weltbevölkerung sein soll. Es haben heute schon mehr Menschen einen Internet- oder Smartphone-Zugang als Zugang zu einem Bankkonto. Während der Hyperinflation 2008 in Simbabwe wurde nach dem Zusammenbruch auf USD und dann auf Bitcoin umgestellt, sonst würde die Wirtschaft dort nicht funktionieren. Indien hat ebenso von einem Tag auf den anderen eine Bargeldreform durchgeführt. Vor allem für solche Länder kann sich ein Markt bilden. Umso mehr Fiat-Währungen wie in Simbabwe oder auch in Venezuela Probleme bekommen, umso mehr wird auf Alternativwährungen wie Gold, Silber oder Kryptowährungen ausgewichen werden.

Babic: Einem Krypto- und Bitcoin-Experten zufolge, Andreas M. Antonopoulos, werden sich Kryptowährungen genauso entwickeln wie das Internet. In seinem Buch „The Internet of Money“ spricht er davon, dass Bitcoin mit seiner Bezahl-Funktion nur eine erste Applikationen sei, genauso wie früher E-Mails eine der ersten Applikationen des Internets waren. Ich bin auch der Meinung, dass sich die Blockchain weiterentwickeln wird. So wie das Internet heute wird auch die Blockchain zukünftig unseren Alltag beeinflussen.

Kern: Die Frage ist, ob sich Bitcoin oder eine andere Kryptowährung durchsetzen kann. Es gibt auch einige Probleme wie zum Beispiel die kurzfristig viel zu hohen Transaktionskosten und Sendedauer von Bitcoins. Das ging an der Idee von Bitcoin vorbei, jedoch soll dies über die Implementierung des Lightning-Netzwerks gelöst werden und somit den gesamten Prozess wieder schneller und günstiger machen. Es wird sich also alles weiterentwickeln, weniger Strom benötigen, schneller und günstiger funktionieren. Blockchain wird meiner Meinung nach bleiben, denn es gibt auch andere dezentrale Funktionsweisen wie Datenspeicher in der Medizin, Grundbüchereinträge, Wahlen abhalten, Mietautobezahlung mit automatischer Verriegelung. Für Investoren stellt sich die Frage, wie können die Amazons, Facebooks und Googles auf Blockchain-Basis gestaltet werden - diesbezüglich möchten wir behilflich sein. Facebook und Google waren im Grunde vorerst auch nur ein mathematischer Algorithmus und nun haben sie zusammen einen Marktwert von über 600 Milliarden Euro. Welche Kryptowährung sich durchsetzt, kann man aber noch nicht sagen. Ich glaube, dass die nächsten Jahre noch ein Hype stattfinden wird und somit das frische Geld, das in die Blockchain Technologie fließt, alle Kryptowährungen steigen lassen kann. Am Schluss wird ausgesiebt und vielleicht verschwinden 95 Prozent der Währungen. Die bestehenden haben meiner Meinung nach jedoch hohes Potential, da der gesamte Kryptomarkt verglichen mit anderen Märkten noch einen kleinen Bruchteil ausmacht.

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