Sechs Wochen am Jakobsweg

Sechs Wochen am Jakobsweg

WAIDHOFEN/THAYA. Alex Hunger hat sich im Sommer einen Traum erfüllt. Er war einige Wochen zu Fuß am Jakobsweg in Spanien unterwegs. Tips traf sich mit dem Weitwanderer und hat interessante Geschichten gehört. Von ERICH SCHACHERL

Alex Hunger hat jede Stelle seiner Fußsohlen intensiv gespürt, jeder Muskel, jede Sehne seiner Beine wurden ziemlich beansprucht. Knöchel und Knie waren einige Male kurz davor, schlapp zu machen, Rücken und Schultern haben oft geschmerzt, da kamen dann natürlich auch die Gedanken, warum tue ich mir das an, wozu das Ganze, aber er hat durchgehalten. Die beachtliche Strecke von 955 Kilometern legte der Waidhofner von Mitte Mai bis Ende Juni 2017 am „Camino del Norte“, besser bekannt als die Küstenroute der Jakobswege in Nordspanien, zu Fuß zurück. Am Ende der Welt, in Finisterre, dort wo die Wellen des Atlantiks an den Klippen des spanischen Festlandes brechen, ist er dann eines Tages mit Erleichterung angekommen und alle Mühsal, alle Schmerzen und schweren Gedanken waren vorüber, sein Herz leicht, glücklich und frei. „Ich bin auf einem kleinen Hügel in der Nähe des Leuchtturmes gesessen und mit Tränen der Freude habe ich erkannt, ich habe den Weg, den ich gehen wollte, geschafft, ich bin am Ziel. Das war der ergreifendste Moment des ganzen Weges“, erinnert er sich mit einem Lächeln im Gesicht.

Finisterre, Anfang am Ende der Welt

Ein langjähriger Traum ist damit in Erfüllung gegangen. Und wie vielen anderen Wanderern am Jakobsweg hat auch ihn die Begeisterung gepackt. So hat Alex bereits mit der Planung für seine zweite große Tour im nächsten Jahr begonnen. Denn auch wenn Finisterre das Ende der Welt bedeutet, für ihn ging es dann doch noch knappe 50 Kilometer weiter, Richtung Norden, zum kleinen spanischen Ort Muxia, seinem endgültigen Ziel dieser Reise. „Finisterre war für mich der Abschluss des Jakobswegs in diesem Jahr. Als Start in meinen nächsten Weg bin ich dann aber noch nach Muxia gewandert“, erklärt er. Wohin ihn seine Füße im nächsten Jahr tragen werden, weiß er noch nicht, aber symbolisch hat er die ersten Etappen bereits hinter sich gebracht. Irgendwie ist er also bereits jetzt schon wieder unterwegs.

Ruhe finden am Camino del Norte

Den „Camino del Norte“ hat er aus gutem Grund dem klassischen Jakobsweg „Camino Francés“ vorgezogen. „Ich wollte Ruhe und Stille auf meinem Weg haben, wollte nicht mit Hunderten anderen Pilgern unterwegs sein. Laut Statistik gehen 70 Prozent aller Pilger in Spanien den “Camino Francés„. Das heißt, da bist du ständig mit 500 bis 700 Wanderern am Weg. Auf meinem Weg waren es pro Tag zwischen 30 und 35 peregrinos, wie die Pilger in Spanien genannt werden“. Ruhe hat Alex gefunden, im Außen wie in seinem Inneren, das ist auch noch Wochen nach seiner Rückkehr ins Waldviertel beim Interview an einem zauberhaften Platz im Kamptal südlich von Zwettl zu spüren. Damit hat er auch das Ziel erreicht, das ihn dazu veranlasst hat, sich auf das Abenteuer Jakobsweg einzulassen. „Ich hatte viel Stress und hab` gemerkt, so kann es nicht weitergehen. Ich brauche etwas, um mein Leben zu entschleunigen. Ich habe die Ruhe und auch zu mir gefunden. Sechs Wochen ohne Handy, Computer, Radio oder Fernsehen, das war genial. Ich habe mich verändert und das tut mir gut“.

Mühsamer Start in Irun

In der am Atlantik liegenden französisch-spanischen Grenzstadt Irun hat seine Reise Mitte Mai begonnen. Alex erinnert sich gut an die erste Etappe: „ Frohen Mutes habe ich mich in der Früh nach der ersten Nacht in einer Herberge auf den Weg gemacht, hab` dann voller Freude die erste Wegmarkierung, eine stilisierte Jakobsmuschel auf einem Stein, gefunden und dann musste ich feststellen, dass der Weg gleich mal 300 Höhenmeter steil einen Hügel hinauf führt, ein schmaler Pfad mit vielen Steinen. Da muss ich jetzt wirklich hinauf, hab` ich mich gefragt“, erzählt er. Ein wenig verzweifelt sei er schon gewesen, kommt ergänzend hinzu. Als er dann schließlich auf der Hügelkuppe mit einem fantastischen Ausblick belohnt wurde, war das „ein tolles Gefühl“.

Die Pilgerroute am Jakobsweg

Von Irun ging es über San Sebastian nach Bilbao, weiter über Santander nach Santillana del Mar, dann Gijon, Aviles und Luarca und schließlich über Ribadeo, Sobrado dos Monxes, Arzua und Monte do Gonzo nach Santiago de Compostela. Und noch weiter bis Finisterre und Muxia.

Pilger aus aller Welt

Er hat Pilger aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Australien, Amerika, Kanada, Südkorea, Brasilien, Chile und Peru getroffen. Freundschaft schloss er mit Flemming, einem Dänen, mit dem Alex die letzten zwei Wochen des Weges gemeinsam ging. Und mit Hiteki, einem Japaner, der ihn drei Tage lang begleitete. Unterhalten hat er sich mit allen in Englisch, wie das unter den Wanderern üblich ist. Eine besonders erfreuliche Begegnung hatte er in einem Kaffeehaus in Finisterre, wo die Besitzerin, eine Wienerin, ihn bei seiner Bestellung in Englisch eindeutig als Waldviertler entlarvte. Von ihr erhielt er einen richtigen „Melange“, wie er sonst am Weg nicht zu kriegen war.

Herbergen am Jakobsweg

Schauergeschichten über verschmutzte oder heruntergekommene Unterkünfte – die sogenannten Pilgerherbergen - entlang des Jakobsweges haben sich für ihn nicht bestätigt. Im Gegenteil: „Es war überall sehr sauber, in jeder Herberge ausreichend Duschen und Toiletten vorhanden, toll gepflegt und geputzt“. Mehrbettzimmer mit Stockbetten sind üblich, der eigene Schlafsack Pflicht, Verpflegung gibt es nur in ganz wenigen Herbergen, aber in jedem Ort gibt es zumindest ein Restaurant. Wer da was anderes will, muss sich eine Pension oder ein Hotel suchen.

Compostela

In jeder Herberge hat sich Alex einen Stempel für seinen Pilgerausweis, den „Credencial del Peregrino“ geholt. In Santiago hat er dafür die „Compostela“ erhalten, die offizielle Bescheinigung, dass er den Jakobsweg gegangen ist. „Das ist ein schönes Souvenir für mich“, sagt er mit Stolz.

Santiago de Compostela

Das Ziel aller Pilger am Jakobsweg ist die Kathedrale in der spanischen Stadt Santiago de Compostela. Auch für Alex Hunger ein wichtiges Etappenziel seiner Wanderung. Er hat die Messe besucht, bei der der berühmte Räucherkessel „Botafumeiso“ geschwungen wird, „das gehörte für mich dazu, allein schon aus der Tradition heraus“, erklärt er. Und er hat sich seine Compostela geholt. Ansonsten war die mit Tausenden von Pilgern und Touristen überfüllte Stadt das komplette Gegenteil von dem, was Alex wollte: „Dort herrscht eine Geräuschkulisse sondergleichen, du findest keinen einzigen ruhigen Platz“. Entspannt wie er zu diesem Zeitpunkt bereits war, hat ihn das nicht weiter gestört. Und allzu lange blieb er nicht in der Stadt.

Buen Camino

Geblieben sind ihm viele Erinnerungen, in seinem Kopf, in seinem Herzen und auf zahlreichen Fotos. Besonders auch der Gruß „Buen Camino“, wie die Pilger sagen. Dieser möge ihn auch auf seiner nächsten Pilgerschaft begleiten.

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