Ernst Merkinger: Zu Fuß von Wien nach Marrakesch

Reinhard Leeb Reinhard Leeb, Tips Redaktion, 09.01.2018 18:05 Uhr

WEISTRACH/MARRAKESCH. Ernst Merkinger, 27, wuchs in Weistrach auf und hat sich im vergangenen Jahr dazu entschlossen von Wien nach Marrakesch in Marokko zu pilgern. Redakteur Reinhard Leeb konnte ihm zu dieser ungewöhnlichen Reise Fragen stellen.

Ernst Merkinger hat nach der Matura die Ausbildung zum medizinischen Masseur gemacht, Vorlesungen an der Universität Wien zu Psychologie, Philosophie und Sportwissenschaften besucht. Merkinger arbeitete an verschiedenen Theatern, einem Fotografen und einem privaten Fernsehsender. Tips hat der freundliche Pilger 2.0 einige Fragen beantwortet.

Tips: Lieber Ernst, Du bist im vergangenen Jahr zu Fuß von Wien nach Marrakesch in Marokko gegangen. Warum hast Du Dich zu dieser Pilgerschaft entschlossen? Gab es dafür einen konkreten Anlass?

Ernst: Mich hat meine erste Pilgerreise im Frühjahr 2016 von Pamplona nach Santiago de Compostella ähnlich begeistert wie die Reise zur Weihnachtszeit im selben Jahr nach Marokko, obendrein liebe ich es zu schreiben, Geschichten zu erzählen und mich zu Abenteuern aufzumachen. Und dieser Wunsch aus diesen zwei Abenteuerreisen eines zu kreieren, hat mich ergriffen und nicht mehr losgelassen. Der Prozess des Pilgerns, die Einfachheit, die Menschlichkeit, die man erfährt bzw. die marokkanische Wüstenlandschaft, die paradiesischen Gärten oder die Farbenpracht bei den Märkten haben mich verzaubert.

Tips: Du hast Deine Reise per Crowdfunding finanziert. Wie bist Du auf diese Idee gekommen und war das schwierig?

Ernst: Mein Hauptziel war es sorgenfrei aufzubrechen bzw. meine Reise genießen zu können. Und dies bedeutete für mich, dass ich zumindest ein Null-Summenspiel erreichen wollte, dass ich mir zumindest nach Rückkehr meiner Pilgerreise meine Kaution, Provision und meine Miete in Wien wieder leisten kann, dass aus dem Wahrwerden eines Traums kein finanzieller Albtraum wird. Da ich dieses Mindestziel erreicht habe, bin ich sehr zufrieden und dankbar.

In der Vorbereitungszeit habe ich schon oft gezweifelt und mir Sorgen gemacht, ob die „Crowd“ mich auch tatsächlich unterstützen wird, aber vom ersten Tag an des Gehens habe ich vertraut und dann ist dies mehr oder weniger zu einem Selbstläufer geworden, weil die Leute gespürt haben wie viel mir diese Reise bedeutet.

Tips: Wie waren Deine Tage „organisiert“, gab es so etwas wie einen Tagesplan?

Ernst: Ich bin aufgestanden, wann ich munter wurde, hab gegessen, wenn ich Hunger hatte und bin losgegangen, während dem Gehen sind mir in der Stille die besten „GEHdanken“ gekommen, die ich für bergwelten.com oder meinen Instagram- Account ernstJETZT sofort niedergeschrieben habe, je nachdem wo die nächste Ortschaft war Mittag gegessen, mit meinen Füßen weitergebeten/weitergepilgert, mich kurz vorm Finster werden auf die Suche nach einem passenden Schlafplatz gemacht und mir die Route für den kommenden Tag angesehen.

Ich habe meine Route in meiner Vorbereitungszeit schon grob geplant gehabt, um einschätzen zu können wieviele Tage ich in etwa benötigen werde, aber ich habe mir stets die Flexibilität behalten spontan einen Tag Pause einzulegen, wenn meine Waden keine Lust hatten oder Regengüsse und ein folgender Murenabgang ein Pilgern nicht möglich hat machen lassen. Insofern habe ich schon geplant, aber stets mit der Offenheit die Spontanität zuzulassen.

Tips: Dir war wichtig wirklich alles zu Fuß zu gehen und nicht zu „cheaten“. Wo gab es Momente, wo die Versuchung groß war, doch ein Fahrzeug zu nutzen?

Ernst: Es gab nur einen einzigen Moment kurz vor Marrakesch:

Nach der Autobahnabfahrt. Ich war an diesem Tag bereits 65 Kilometer auf Asphalt, bei glühender Hitze und monotoner Landschaft bereits seit 13 Uhr zu Fuß unterwegs. Es war 20 Uhr, finster, bellende Hunde und skeptische Blicke der Einheimischen haben mich nicht zwingend beflügelt im Gehen. Und dann ist auch noch ein herzlicher Franzose mit seinem Van stehen geblieben und hat mir angeboten mitzufahren. Nachdem er mir versichert hat, dass die Gegend halbwegs sicher sei und das nächste Hotel fünf Kilometer entfernt ist, habe ich dankend abgelehnt und bin tatsächlich, wegen eines „Pilger-Rauschs“ abwechselnd ein paar 100 Meter gelaufen und dann wieder gegangen, bis ich final beim Hotel angekommen bin.

Tips: Was war der schönste und was der schlimmste Abschnitt Deiner Pilgerschaft?

Ernst: Landschaftlich betrachtet war die Schweiz definitiv ein absolutes Highlight und der Abschnitt von Casablance nach Marrakesch die größte Herausforderung, weil, wie bereits erwähnt, die Hitze, das Gehen auf Asphalt und Umstände, dass ich in drei Tagen 170 Kilometer gehen musste, um entweder am Abend zumindest auf einer Raststätte auf Pappkartons am Boden oder im „Hotel“ Kaktus hinter aufgebrochenen Türen, ohne funktionierende Dusche und Straßenbanditen vor der Haustür übernachten zu können.

Tips: Bevorzugst Du in Gesellschaft oder alleine zu wandern/pilgern?

Ernst: Ich genieße das Kontrastprogramm. Im Alleinsein entspringen mir Gedanken aus der Stille, die durch Dialoge mit anderen Mitpilgern oder Freunden entfacht worden sind, und ich für meine Blogbeiträge verwerten kann. Und wenn ich mal Lust auf Hütten-Gaudi-Stimmung habe, dann kann„s in einer Pilgerschar auch schon mal Spaß machen.

Tips: Als Ziel hast Du den Anima Garten von Andre Heller gewählt. Warum? Was hat Dir dort dann am besten gefallen und hast Du am Ziel etwas bestimmtes erwartet?

Ernst: Jeder, der im Garten von André Heller einmal war, weiß wie besonders dieser paradiesische Kraftort ist und deswegen habe ich diesen Ort als Santiago de Compostela meiner Reise festgelegt.Ich habe am Ziel nichts bestimmtes erwartet, vielmehr habe ich mich gefreut, so ehrlich muss ich sein, nach 4,5 Monaten und über 3.000 Kilometer “endlich„ anzukommen.

Tips: Wie viele Paar Schuhe hast Du gebraucht?

Ernst: Zwei paar Schuhe - mein erstes Paar wurde nach über 2.000 Kilometer nachhause gesendet und hat seitdem einen Ehrenplatz in meinem Elternhaus und mein zweites Paar ist immer noch in Verwendung.

Tips: Was war das schönste Erlebnis auf Deiner Reise, was das schlimmste?

Ernst: Es gab so viele Erlebnisse, dass ich schwer sagen kann, welche die schönsten oder die schlimmsten waren.

Eine über 80jährige Frau hat mich in Werfen am Vorabend gesehen, wie ich mir gerade meinen Schlafplatz im Freien vorbereitet habe. Am nächsten Morgen kreuzt sie mit hart gekochten, noch warmen Eiern, Brot und Süßigkeiten auf. Diese liebenswerte Frau hat sich wahrlich die Mühe gemacht um 5.30 Uhr aufzustehen, mir ein Frühstück vorzubereiten und dann sich von ihrem Haus mit geschätzten 0,4 km/h und stock zu mir zu begeben. Das ist gelebte Nächstenliebe.

Das marokkanische Pflaster hat immer wieder Überraschungen und “Unterraschungen„ parat – so wie in Settat, wo mir pubertäre Jungs auf ihren Rädern bzw. Mopeds sitzend mit ihren Holzstecken auf meinen Allerwertesten schlagen, die Wasserflasche stehlen und mich beschimpfen. In jenem Momenten bin ich ruhig geblieben und mir ist nichts besseres in den Sinn gekommen als mal den Blick nach oben zu richten, meine Hände nach oben zu strecken und ein überzeugtes “Allah„+ “Shkra„ (“Danke„) auf die Jungs wirken zu lassen. Gegen sechs Jungs hätte ich nach 32 Kilometern sicher keine Kraft mehr gehabt anzukämpfen. Und dann haben sie mir sogar die Flasche wieder zurückgegeben und mich mit einem braunen Streifen im Unterhöschen weiterziehen lassen.

Tips: Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Du aus diesem Projekt gewonnen hast?

Ernst: Dass es seine Seelenwünsche nicht “nur„ zu träumen, sondern mit Herz und Hirn zu realisieren gilt.

Tips: Du hast jetzt per Crowdfunding die Finanzierung für Dein Buch organisiert. Wie sehen Deine hier Deine weiteren Pläne aus?

Ernst: Ich bin Mittendrin im Prozess des Schreibens. Nachdem ich gerne Schreibe und bereits mit 25 Jahren ein Buch für mich selbst geschrieben habe, kenne ich den Prozess, der viel Hingabe, aber auch Disziplin verlangt. In regelmäßigen Abständen kommen auch Anfragen rein bezüglich Vorträge, Interviews, Instagram- Kooperationen, etc. rein bzw. bin ich in der Planung mit ServusTV bzw. dem Bergwelten Magazin ähnliche Reisen bzw. alternativen zu den klassischen Pilgerrouten auf die Füße zu stellen. Wohin die Reise gehen wird, werdet ihr über meine Kanäle ernstjetzt.com, Facebook und Instagram zu gegebenen Anlass mitbekommen.

Tips: Sind in Niederösterreich bereits Vorträge geplant?

Ernst: Anfragen sind bis dato ein paar eingetrudelt, aber noch nicht fixiert worden. Aber selbstverständlich wäre es mir eine riesen Freude und Ehre, wenn ich als Niederösterreicher in Niederösterreich bzw. insbesondere im Raum Mostviertel Vorträge halten dürfte - ob in Haag, wo ich beim Theatersommer als Regieshospitant mit Gregor Bloeb und Co. das Theater für mich entdeckt habe oder im Stift Seitenstetten, wo ich zur Schule gegangen bin, bzw. in meinem Heimatort und meiner Wurzelwerkstatt Weistrach.

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