Zero Waste-Initiativen: „Wir trotzen der Verschwendung“

Zero Waste-Initiativen: „Wir trotzen der Verschwendung“

Katharina Vogl Katharina Vogl, Tips Redaktion, 12.04.2018 19:10 Uhr

ZWETTL/GMÜND. 577.000 Tonnen an vermeidbaren Lebensmittelabfällen landen österreichweit jährlich im Müll (laut WWF). Eine unglaubliche Zahl. Da und dort wachsen bereits Initiativen in der Region, die der Verschwendung trotzen und versuchen, einen nachhaltigeren Weg zu gehen. Wir haben uns umgehört.

„Heute zu verarbeiten: vier Kisten Karfiol, zwei Kisten Salat, eine halbe Kiste Petersilienwurzen, eine kleine Kiste Stangensellerie, zwei Tassen Champions, eine kleine Kiste Tomaten, 14 Bananen, zehn Gurken, drei Tassen Rucola und Petersilie“, schreibt Wolfgang in die WhatsApp-Gruppe der „Flotten Lotte – Waldviertlerinnen machen Sinn“.

Es ist Mittwoch und wie immer an diesem Wochentag holt er jene Lebensmittel von der Firmengruppe Kastner ab, die bald in der Tonne landen würden, weil sie aus optischen Gründen für den konventionellen Handel ungeeignet („krumme Gurke“) oder ablaufgefährdet sind. Über die weitere Verarbeitung wird gemeinsam im Chat beraten.

An vier Kochtagen in der Woche entstehen dann in liebevoller Handarbeit Currys, Chutneys, Frucht- und Gemüseaufstriche, Suppen oder Sugos. Heute Freitag ist besonders viel los in der Vereinszentrale der Flotten Lotte – eine Kräuterseitling-Kartoffelsuppe sowie ein Aloo Gobi-Curry und ein Kartoffel-Linsen-Curry stehen am Kochplan. Die 67-jährige Elfriede hat Currys durch den Verein Flotte Lotte kennen und lieben gelernt. „Die Suppen, die wir hier kochen bekommt man sonst nirgends und sind perfekt für den Single-Haushalt“, schwärmt Beate, während sie eifrig Tomaten schneidet. (siehe Fotos)

Seit 2015 werden Lebensmittel vor der Tonne bewahrt

Den Verein, der die Lebensmittel vor der Tonne bewahrt, gibt es bereits seit November 2015, im Juni 2016 wurde zum ersten Mal in der ehemaligen Molkerei in Zwettl ausgekocht, seitdem hat sich viel getan. „Mittlerweile haben wir rund 35 ehrenamtliche Mitglieder, dazu drei Frauen, die über die Beschäftigungsaktion 20.000 eingestiegen sind“, freut sich die Obfrau Elisabeth Mittendorfer.

Wird wenig zugekauft

Vertriebspartner wurden dazugewonnen, die Abläufe haben sich optimiert, die Infrastruktur wurde ausgebaut, die Rezepte ausgeweitet und die Produktionsmenge gewaltig vergrößert - monatlich werden rund 900 Gläser an verschiedensten Produkten eingekocht und zum Verkauf (Mittwoch und Freitag) angeboten. Nach wie vor wird großer Wert darauf gelegt, so wenig wie möglich zuzukaufen. „Natürlich ist es auch eine Herausforderung, weil wir ja nie genau wissen, welche Ware wir jede Woche bekommen“, aber auch das habe sich dank der vielen Rezepte und des reichen Erfahrungsschatzes mittlerweile gut eingependelt. Am Ende sind die Gerichte stets glutenfrei, laktosefrei und vegan. Gekocht wird nach der 5-Elemente-Lehre.

Die „Flotte Lotte - Waldviertlerinnen machen Sinn“ ist heute zu einem sinnvollen und sozialen Unternehmen herangewachsen, das nicht nur Langzeitarbeitslosen eine Perspektive bietet sondern auch Flüchtlinge miteinbezieht, so wie Dana. „In einer Gesellschaft ist es ganz wichtig, zusammen zu helfen. Und ich möchte in dem Land, in dem ich lebe, auch etwas beitragen, außerdem liebe ich Kochen“, lacht die junge Frau.

Die Mitarbeit prägt

Den eigenen Konsum zu überdenken, den Wert der Lebensmittel zu erkennen – das ist den Vereinsmitgliedern gemein. „Durch die Arbeit hier hat sich mein Bewusstsein total verändert, ich habe das Einkaufen auf die Hälfte reduziert und überlege zweimal, ob ich das wirklich brauche“, erzählt Elisabeth Mittendorfer. Dem stimmen auch die gerade kochenden Mitglieder zu, so werde privat noch mehr darauf geachtet, möglichst alles einer Verwertung zukommen zu lassen.

Manuela lässt sich im Geschäft frische Wurst und Käse in die eigens mitgebrachten Dosen geben, unnötige Verpackung lässt sie gleich im Laden. „Seit wir Hennen im Garten haben, verkommt so gut wie gar nichts mehr“, freut sich Manuela, die für das gemeinsame Kochen extra aus Göpfritz/Wild anreist.

Elisabeth aus Vitis greift bei Milch und Co nur mehr auf Glasflaschen zurück, dank ihres großen Gemüsegartens braucht sie kaum etwas zuzukaufen.

Und Elfriede ist der Meinung, dass wieder viel mehr offen angeboten werden sollte, so wie früher. „Ich hätte mir vorgenommen, Lebensmittel so weit wie möglich aus der Region zu beziehen, also innerhalb von maximal 50 bis 60 Kilometer Luftlinie“, erzählt Obfrau Elisabeth, aber das stellt vor allem eine zeitliche Herausforderung dar. „Dafür bräuchte es idealerweise in Zwettl eine Anlaufstelle, wo alles an regionalen Produkten zusammenläuft, das fehlt hier.“

Unverpackt beziehen

Eine solche regionale Anlaufstelle gibt es beispielsweise in Weitra: Als einer der ersten in der Region eröffnete der „WaLaLa“, der Waldviertler Landladen 2009. Dort laufen Produkte von rund 30 Produzenten aus der Umgebung zusammen, informiert Inhaberin Kerstin Gall. Derzeit ist die Übersiedlung in einen größeren Laden im Gange, ab Juni wird das Geschäft um einen verpackungsarmen Nahversorger erweitert.

„Ich wollte neulich in einem Supermarkt ein Sonnenblumenöl in einer Glasflasche beziehen, das war mir nicht möglich“, ist Kerstin Gall verärgert über die Müllberge, die hier anfallen. In ihrem Geschäft findet man keine einzige Plastikflasche. „Oft sind die frischen Bio-Produkte noch einmal zusätzlich in Plastik verpackt, das ist doch ein Widerspruch in sich.“ Dem möchte Gall entgegensetzen, so können bei ihr Mehl, Nudeln, oder Gemüse selber eingewogen werden, ab Juni soll es auch vermehrt Kosmetikprodukte im Glas auf natürlicher Basis geben. Zudem finden sich zu jedem Produkt im Regal Kilometerangaben. Die Nachfrage und das Interesse der Kunden sind steigend, wie sie selbst sagt. Besonders beliebt ist das Natureis, dass mittels Kühlbox aufgefüllt werden kann.

Denselben Ansatz verfolgt auch Evas Naturkostladen in Gmünd. Auch dort setzt man vielfach auf offene Lebensmittel, die in mitgebrachte Behältnisse eingewogen werden, von Getreide und Hülsenfrüchte, bis hin zu Käse und Butter. Wasch- und Putzmittel werden im Sinne der Müllvermeidung ebenso nachgefüllt.

„Zero Waste“ auf Facebook

Dem Thema hat sich auch Sabine Nagl aus Großschönau verschrieben, sie gründete die Facebook-Gruppe „Zero Waste Oberes Waldviertel“. Ihre Motivation: „Der Ärger über viel unnötige Verpackung“. Sabine holt Hintergrundinformationen ein und klappert Einkaufsmöglichkeiten (zum Beispiel Bauernmärkte) in der Nähe ab. Ihre Erfahrungen gibt sie dann in der Gruppe weiter - Feedback, Tipps und Ergänzungen durch die Mitglieder sind erwünscht.

Team Österreich Tafel Ottenschlag

Ein weiteres Vorzeigeprojekt, ganz nach dem Motto: „Verwenden statt Verschwenden“ ist die Team Österreich Tafel in Ottenschlag. Überschüssige, einwandfreie Lebensmittel von Lebensmittelgeschäften oder Bäckern werden von freiwilligen Helfern eingesammelt und einmal wöchentlich kostenlos an anspruchsberechtigte Personen mit geringem Einkommen verteilt.

Flotten Lotte: Tag der offenen Tür

Zurück zur Flotten Lotte: Der Verein lädt am 21. April (10 bis 17 Uhr, Pater-Werner-Deibl-Straße 5) zum Tag der offenen Tür, neben Wissenswertem gibt es auch allerlei zu Verkosten.

Und vielleicht gibt es ja auch in Zwettl bald eine regionale Lebensmittel-Anlaufstelle: „Unser Ziel wäre eine Suppenküche in der Innenstadt mit einem kleinen, kunterbunten, regionalen Laden“, verrät Elisabeth Mittendorfer.

Alle Infos zur Flotten Lotte: www.flottelottezwettl.at

 

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