Schulinitiative WINGS: „Das Leben ist doch der beste Lehrer“
ALLENTSTEIG. Passend zu Schulbeginn besuchte Tips die „WINGSler“ in Allentsteig, eine Lerngemeinschaft, die jedoch mit einer Schule im herkömmlichen Sinne nicht zu vergleichen ist – glücklicherweise, sagt Genia Lackey, die Leiterin und Mutter von sieben Kindern.

Heute ist der 6. September, der zweite Schultag also. Angekommen in der Ottensteinerstraße 8, dem Vereinssitz von Wings, macht sich zuerst mal Verwunderung breit. Weit und breit keine Menschenseele, das „Schulgebäude“ wirkt verlassen. Heute steht nämlich ein „Waldtag“ am Programm und in der Tat, am Ufer des Stadtsees leuchten einem schon von Weitem die bunten Jacken der Kids entgegen.
Diese sind gerade eifrig dabei, einen eigenen Stock zu suchen. Tobias entscheidet sich wohl für den „größten und dicksten“, wie sein Vater Otmar schmunzelnd meint. Der Junge nimmt ein Taschenmesser zur Hand und schneidet den Ast unter Ratschlägen seines Vaters solange, bis er abfällt. Vielleicht würde an dieser Stelle so manch ein besorgter Elternteil – ob des Messers – aufschreien. „Ach so, aber nur wenn man damit anfängt zu hantieren, bekommt man auch ein Gefühl für den richtigen Umgang“, ist Vater Otmar überzeugt, so wäre es doch mit allem und jedem. „Im Fokus stehen immer und überall Kompetenzen, nur dadurch, dass man das Kind an gewisse Sachen heranführt, wächst es. Natürlich liegt es an uns, abzuschätzen, dass die Situation nicht zu gefährlich wird“, erläutert Leiterin Genia, die mit Rat und Tat zur Seite steht. Sie und die Kinder werden heute von Andrej Karimov begleitet, einem ausgebildeten Psychologen und Ethnologen, der zuvor ganz genau die Handhabung eines Messers erklärte. Bald ist jedes Kind im stolzen Besitz eines eigenen Stockes, dann geht es über eine Brücke zum anderen Ufer, denn dort wartet ein Feuerplatz.
„Am Leben lernen“
Auf dem Weg dorthin erzählt Papa Otmar, warum sie aus dem herkömmlichen Schulsystem ausgebrochen sind. Tobias ging zuletzt auf eine Montessori-Schule, bis die Eltern irgendwann merkten, dass das nicht das Richtige für ihren Sohn sei. „Er war von Montag bis Freitag die meiste Zeit in der Schule, am Wochenende musste er das Gehörte verarbeiten – gemeinsame Unternehmungen fielen flach und unsere Beziehung litt darunter. Und wir haben schnell gemerkt, dass dieses Trennen von Leben und Lernen durch die Institution Schule einfach eine Illusion ist, schließlich ist das Leben doch der beste Lehrer!“ Dem stimmt auch Pädagogin Genia zu: Im Volksschulalter gehe es nicht so sehr um theoretisches Wissen, sondern viel mehr darum, Erfahrungen zu sammeln, das abstrakte Denken werde erst ab zehn Jahren und mehr von Relevanz, ist sie überzeugt. Erst dann begreife man Mathematik beispielsweise als Disziplin.
Bis dahin bekommen die Kinder hier die Möglichkeit, im „Tun“ zu lernen und zu begreifen. So erfahren die kleinen „WINGSler“ Mathematik, Sprachen oder Naturwissenschaften durch ihre Anwendung bei praktischen und lebensnahen Aktivitäten. Mathe wird zum Beispiel beim Einkaufen (Geld wechseln) oder bei der Zubereitung des Mittagessens thematisiert und eine geometrische Form nach der theoretischen Abhandlung aus Holz kreiert.
Viel steht im heurigen Jahr auf dem Stundenplan, unter anderem wird der Begriff „Altruismus“ den Kindern bei der Ernte auf einem Bauernhof begreiflich gemacht oder erforscht, ob die Erde flach oder kugelförmig ist. Es ist wichtig, den Kindern zu zeigen, wie alles zusammenhängt, also das vernetzte systemische Denken“, so Genia.
Kleine „Prüfung“: Feuer machen
Am Feuerplatz angekommen, verdeutlicht Karimov das Element: „Ihr müsst für das Feuer denken, ihr müsst dem Feuer seine Grenzen aufzeigen, denn es kennt keine!“ Heute an diesem nasskalten Septembertag sind die Kinder besonders gefordert, der Wind macht die Sache nicht einfacher: Karimov zeigt den Kleinen ausführlich, wie man auch das meistert und mit einem Zündholz richtig umgeht. In kleinen Teams dürfen die Kids nun jeweils ihr eigenes kleines Feuer am Rande machen. Sie schwärmen aus, um trockenes Laub und kleine Stöckchen zu sammeln, dann werden die mitgebrachten Zündhölzer aus dem Rucksack gepackt.. „Halte die Zündhölzer weiter nach unten, nimm eine Rinde als Schutz gegen den Wind“, ist da und dort ein gut gemeinter Ratschlag zu hören. Karimov zu einem Kind: „Du hast dem Feuer zu viel in den Mund gestopft, das kann es nicht alles schlucken.“ Aber schließlich ist es geschafft und die wohlverdienten Würstchen können nun auf den gesuchten Stöcken gegrillt und genossen werden!
„Fehler sollten grün markiert werden“
„Hier im Wald hat das Kind Zeit sich auszuprobieren, zu spielen, denn mach die Fehler jetzt, verliere und gewinne im Spiel, und lerne wie man damit umgeht“, betont Leiterin Genia. Fehler sieht sie im Gegensatz zur Schule nicht negativ: „Eigentlich müssten Fehler grün markiert werden und gesagt werden, wow hier ist Potential zum Lernen da!“
Sie selbst beschreibt Wings als Lerngemeinschaft, als musisch-kreative und mehrsprachige Alternative zur Schule, woran die Kinder „Vollzeit“ oder „Teilzeit“ (Freilerner) teilnehmen können. Prüfungen werden an einer externen Schule abgelegt, Zeugnis gibt es (ganz konventionell) obendrauf.
Und zurück zu Tobias: Er wird nun von seinen Eltern unterrichtet und kommt immer wieder mal bei den WINGSlern vorbei. Dazwischen wird viel gereist und mit Land und Leuten gelebt. „Wir sind auch eine Schule für privilegierte Eltern, die ihre Kinder nicht an eine Institution abgeben, sondern das Privileg, die Kinder zu erziehen, auch behalten“, meint Genia abschließend.


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