Berufssoldatinnen: "Bekommen keine Sonderbehandlung"
ALLENTSTEIG. Vor 20 Jahren rückten die ersten Frauen zum Bundesheer ein, heute gibt es rund 150 Soldatinnen in Niederösterreich, unter ihnen auch Michelle, Isabell und Bianca von der Liechtenstein-Kaserne in Allentsteig. Tips hat ihnen einen Besuch abgestattet.

Wachtmeister Michelle Nowak übernimmt gerade die letzten Handgriffe rund um die bevorstehende Übungsvorbereitung. Das Panzerfahrzeug, das sie nachher steuern wird, wird mit der erforderlichen Ausrüstung beladen. Tagwache war heute schon um fünf Uhr morgens, jeden Moment erwartet sie den Befehl zum Aufsitzen. Dann heißt es rausfahren in das „Camp Mannshalm“ – wo die Übung, die die Nacht und den ganzen nächsten Tag in Anspruch nehmen wird, von statten gehen wird.
Im April 2010 rückte Michelle ein, das Bundesheer war ihr durch ihre Familie bereits vertraut, zudem „wollte ich schon immer etwas Handwerkliches machen“. Ob Berufssoldatin oder Berufssoldat - im Grunde werden „an beide dieselben Anforderungen gestellt“, resümiert Michelle. Sie ist als einzige Unteroffizierin derzeit die ranghöchste Frau in der Liechtenstein-Kaserne.
Keine Sonderbehandlung
„Eine Sonderbehandlung hat es nie gegeben, aber ich versuche, mit meinen Kollegen mithalten zu können oder dann und wann sogar besser zu sein als die Männer, das verschafft Respekt und gibt mir Ansporn“, schmunzelt die 26-Jährige.
Natürlich stoße man ab und zu auch auf seine (körperlichen) Grenzen: Der „Husar“, ein geschütztes Mehrzweckfahrzeug, verfügt über ein überschweres Maschinengewehr mit 38 Kilogramm. „Das kann ich nicht so einfach nehmen und auf das Dach hieven, hier brauche ich Unterstützung durch einen Zweiten“, meint Michelle. Aber der Zusammenhalt ist gegeben, denn das Arbeiten im Team zählt zu den wichtigsten Komponenten, „ein Soldat kämpft nie alleine“, weiß Michelle.
„Man muss sich durchbeißen“
„Man muss durchbeißen und mitunter auch viel einstecken, man lernt hier viel über sich selber und über das Ausloten seiner Grenzen.“ Spätestens an der Unteroffiziersakademie, wo man eine Belastungsübung über 120 Kilometer mit schwerem Gepäck begeht – ein Gegenstand im Rucksack an der falschen Stelle und man spürt Muskeln, die man zuvor nie vermutet hätte.
Michelle fühlt sich im überwiegend männlichen Verbund sehr gut aufgehoben, „ich bin ein Mensch, der nicht gleich beleidigt ist, klopfe auch mal ein paar Sprüche und bin bei jedem Spaß dabei“, fühlt sich Michelle als gleichwertiges Mitglied in der Gruppe.
Rekruten Isabell und Bianca
Am anderen Ende der Kaserne üben die Rekruten Isabell Reisinger und Bianca Medek gerade den Umgang mit ihrer StG 77 – Waffe zusammensetzen und auseinandernehmen– steht am Programm. Die Aneignung des soldatischen Handwerks steht stets zu Beginn der beruflichen Laufbahn beim Bundesheer. „Ich bin seit 3. April hier in der Kaserne“, erzählt Isabell Reisinger.
Die Eignungsprüfung
Die 20-Jährige hat mit der Eignungsprüfung im Februar die erste Hürde bereits genommen. „Ich habe zwei Monate zuvor mit Lauftraining und täglichen Liegestützen begonnen“, letztere müssen perfekt sitzen, eine saubere Ausführung entspricht einer geraden Körperlinie, die Nasenspitze sollte den Boden nahezu berühren, acht Liegestützen sind bei weiblichen Anwärtern gefordert (Männer: mindestens 15). Des Weiteren stehen etwa sechs Klimmzüge im Schräghang (Männer: 10), ein 2400-Meter-Lauf innerhalb 14:51 Minuten (Männer: 13:45 Minuten), ein Standhochsprung oder die Überprüfung der Schwimmfertigkeit am Programm.
„Wenn man zuvor schon trainiert und sich darauf einstellt, ist die Prüfung leicht zu schaffen“, ist Isabell überzeugt. Zwischen den physischen Tests gilt es während des 24-stündigen Verfahrens auch psychologische Aufgaben zu bewältigen, etwa eine Schüssel von Schrauben auf Zeit und nach Größe zu sortieren. „Aber allen Überprüfungen geht eine ausführliche Erklärung und ein gemeinsamer Versuch voraus, man wird also nicht vor vollendete Tatsachen gestellt“, so Isabell.
Ihre Eltern waren beide beim Bundesheer, dementsprechend vertraut ist ihr die Organisation. Als nach der Beendigung ihres Lehrverhältnisses die Behaltepflicht nicht mehr verlängert wurde, beschloss sie, die Eignungsprüfung beim Heer zu versuchen. Das Ausbildungsspektrum ist breit, Isabell's Ziel ist es, die Ausbildung zum Artilleriebeobachter zu absolvieren und später einmal als Hundeführer tätig zu werden.
„Hätte mir die Basisausbildung schlimmer vorgestellt“
Die sechsmonatige Basisausbildung auf dem Weg zur Soldatin hätte sie sich aktuell schlimmer vorgestellt. „Es wird einem alles ausführlich erklärt. Der Umgangston ist nicht so harsch, wie oft vermutet, es schreit hier auch keiner herum.“ Eben wurde bei der Waffenausbildung auf den erforderlichen Sandsack, der als Unterlage für Kleinteile dient, vergessen. „Diesen heißt es dann innerhalb einer Minute zu holen und anzutreten“. Dauert es unerheblich länger, entschuldigt man sich, „nur faul darf man halt nicht werden“.
Sport, Exerzieren, Waffen- und Schießdienst, Gefechtsdienst, Selbst- und Kameradenhilfe stehen während der ersten Monate am Programm. Gerade am Anfang kann ob des straffen Dienstplans so manchmal Verzweiflung aufkommen. Das erlebte auch Isabell, aber „ein Aufgeben gibt es für mich nicht, wenn man etwas anfängt, beendet man es auch - so bin ich erzogen worden.“
Gleicher Lohn für Mann und Frau
Dass noch eine weitere Kollegin, die 30-jährige Bianca Medek mit ihr die Ausbildung absolviert, ist ein schöner Zufall. Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen teilen sie sich Schlafraum und Waschgelegenheit. Und auch Isabell bestätigt: „Es wird kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht, alle werden gleich behandelt.“ Dies gilt übrigens auch für die Entlohnung: angehende Berufssoldaten, egal ob Mann oder Frau, bekommen anfangs rund 1000 Euro netto, Kost und Logis inklusive.
Soldatinnen gesucht
„Im April 2018 rückten 74 Rekruten in die Kaserne ein, darunter Isabell und Bianca“, informiert Stabswachtmeister Gerald Grestenberger. Insgesamt sei die Zahl der Grundwehrdiener aber rückgängig.
Im April 1998 kamen österreichweit die ersten Frauen zum Bundesheer, 2005 wurde die erste Soldatin im Aufklärungs- und Artilleriebataillon 4 (AAB 4) in Allentsteig ausgebildet. Zwar scheint das Interesse zu steigen, aber auch heute noch sind Frauen beim Bundesheer eine kleine Minderheit, über 600 dienen aktuell in den unterschiedlichen Waffengattungen. Fünf davon sind in der Liechtenstein-Kaserne Allentsteig anzutreffen.
Girls Camp Ende Juni
Damit sich das ändert und der Frauenanteil steigt, wird von 29. Juni bis 1. Juli ein „Girls Camp“ in der Kaserne abgehalten. „Es ist ein Erlebniscamp, wo Frauen über drei Tage lang einen Einblick in das Bundesheer bekommen“, lädt Grestenberger ein.
Die Plätze sind begrenzt, mehr Informationen zum Camp beim Heerespersonalamt: hpa.wien2@bmlv.gv.at


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