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AMSTETTEN. Der Amstettner Kaplan Franz Sieder nimmt in einem Leserbrief zum Terroranschlag in Wien, der am 2. November verübt wurde, Stellung.

Kaplan Franz Sieder Foto: Privat/zVg Alois Reisenbichler
Kaplan Franz Sieder Foto: Privat/zVg Alois Reisenbichler

Ein junger Mann hat vier unschuldige Menschen erschossen. Er musste rechnen, dass er selbst erschossen wird oder zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Er ließ sich dennoch nicht abhalten von dieser abscheulichen Tat, die er länger geplant hatte, weil er sich ja Gewehr und Munition besorgen musste.

Was war die Motivation?

Was in diesem Jungen vor sich gegangen ist, das können wir nur schwer ergründen. Er hat sich damit ja auch selbst geschadet. Aus welcher Motivation hat er gehandelt? Er hat nicht Menschen erschossen, auf die er eine Wut gehabt hat, sondern unschuldige Menschen. Plötzlich ausgerastet ist er auch nicht, denn er hat ja diese Tat vorbereitet. Was hat ihn wirklich bewogen? Wir können hier nur rätseln. Es kann  ein verblendeter religiöser Fanatismus sein, so wie bei manchen Selbstmordattentätern, dass er glaubt, dass Gott diese Tat will und dass er gerade dadurch in den Himmel kommt. Seine Verblendung sagt ihm, dass Gott will, dass er ein solches Zeichen setzt.

Im Leben zu kurz gekommen?

Eine weitere Motivation könnte sein, das er ein im Leben Zukurzgekommener ist und dass er einen unbändigen Hass auf seine Umwelt in sich spürt, so wie es im Lied von Kurt Sowinetz heißt: „Olle Menschen samma z'wida, i mecht's in de Gosch'n hau'n.“ Er hat selbst irgendwie mit seinem Leben abgeschlossen – er ist verbittert – er hat keine Lebensfreude mehr – er hat auch keine Hoffnung mehr, dass sich die Situation verändert – er glaubt nicht an ein Leben nach dem Tod – bevor sein Leben zu Ende geht und ins Nichts versinkt, möchte er sich noch an den Menschen rächen.

Menschenverachtende Ideologie 

Als dritte Version könnte ich mir vorstellen, dass er sehr stark von außen beeinflusst wurde und dadurch sein persönliches Gewissen abgetötet wurde – das ihm eine menschenverachtende Ideologie infiltriert wurde, die dann zu seiner eigenen Ideologie geworden ist. Diese Ideologie wurde dann sogar noch religiös verbrämt, so wie der Attentäter von Paris noch laut gerufen hat: „Gott – Allah ist groß“ Diese Gehirnwäsche kann bei labilen Menschen den freien Willen fast ausschalten und sie zu willigen Werkzeugen terroristischer Organisationen machen. Das haben wir ja in der nationalsozialistischen Ära erlebt.

Menschen als Marionetten

Andreas Gruber hat den Film „Mühlviertler Hasenjagd“ gemacht. In diesem Film wird gezeigt, wie die einfachen, religiösen Bauern von Pregarten, die aus dem KZ Mauthausen ausgebrochenen jungen Russen wie Hasen bei der Treibjagd erschossen haben. Andreas Gruber sagte nach seiner Recherche, dass ihr eigenes Leben ganz sicher nicht  auf dem Spiel gestanden wäre, wenn sie nicht mitgemacht hätten. Sie haben letztlich freiwillig mitgemacht. Die Umwelt und die Indoktrinierung diktatorischer Ideologien können die Menschen zu bloßen Marionetten dieser Ideologie machen. Wir müssen uns da mit dem Phänomen der Massenpsychologie auseinandersetzen.

Es gibt auch das Böse in der Welt

Beim Gottesdienst betet der Priester jedes Mal zu Gott: „Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde.“ Es ist damit gemeint, dass Gott uns helfen soll, dass unser Gewissen nicht getötet und von falschen menschenverachtenden Ideologien beeinflusst wird. Es gibt auch das Böse in der Welt und manche Menschen werden eben zur Inkarnation des Bösen.

Die politische Dimension von Religionen 

Der Islam ist grundsätzlich eine friedliche Religion. Es gibt aber fundamentalistische Kreise im Islam, die das Töten bejahen und sogar dazu aufrufen. Die sogenannten „Ehrenmorde“ sind auch religiös motiviert. Dass es im Islam auch die politische Dimension gibt, das kann und darf nicht negativ sein. Auch im Christentum gibt es die politische Dimension. Wenn das Ziel von Jesus eine menschlichere und gerechtere Welt ist, dann kann dieses Ziel nur durch Politik verwirklicht werden.

Religion darf nie auf Beten und Frommsein reduziert werden

Eine Religion darf niemals nur auf Beten und Frommsein reduziert werden. Die Religion soll die Menschen auch motivieren, für Frieden und Gerechtigkeit zu kämpfen. Unsere christliche Religion lehnt aber die Gewalt und das Töten ab. Martin Buber sagt: „Der primitive Krieg beginnt immer dort, wo die Sprache aufhört.“ Konflikte sollen mit Dialog und  nicht durch Waffen gelöst werden.

Wenn Religion instrumentalisiert wird

Jede Religion ist in Gefahr, dass Gott instrumentalisiert wird für eigene Interessen und Ideologien. Das ist ein Verrat an der Religion. Gott muss immer an erster Stelle stehen und darf niemals instrumentalisiert werden. Sowohl der Gott der Christen und Christinnen wie auch der Gott der Muslime und Musliminnen – es gibt nur einen Gott – ist ein Gott, der Friede und Gerechtigkeit für alle Menschen will und der Gewalt, in welcher Form auch immer, ablehnt.

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