Amstettner Frauenorganisationen berichten: Corona-Krise verstärkt Frauen-Armut
BEZIRK. Bereits vor der Corona-Krise verlangten die Herausforderungen des Alltags Frauen sehr viel ab. Die Pandemie macht nun bestehende Probleme und Benachteiligungen noch deutlicher sichtbar. Tips sprach mit Frauenorganisationen aus der Region.

Elisabeth M. lebt mit ihren drei Kindern, ihrer pflegebedürftige Mutter sowie ihrer pflegebedürftigen, dementen Großmutter im gleichen Haushalt. Sie ist mit Home-Schooling, Kinderbetreuung, eigener Arbeitssuche und Pflege mehr als belastet: „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich alles schaffen soll und bin schon bei der kleinsten Kleinigkeit am Ende meiner Kräfte.“
Was zwölf Monate Pandemie für Frauen bedeuten
Zwölf Monate Pandemie bedeutet für viele Frauen: wachsender finanzieller Druck, Ressourcen zur Krisenbewältigung mobilisieren, zusätzliche Sorgearbeit inklusive Homeschooling, oder beruflichen und privaten Alltag um- und auch immer wieder neu organisieren.
Gefahr: Abgleiten in Armut
Dieser Stress, nicht zuletzt bedingt durch Schul- und Kindergartenschließungen, hat bewirkt, dass Frauen, die schon vor Ausbruch der Pandemie in Teilzeit beschäftigt waren, ihre Arbeitsstunden weiter reduziert haben. Die bereits davor bestehende Gefahr, in die (Alters-) Armut abzugleiten, hat sich dadurch für Frauen verstärkt, berichtet das NÖ Armutsnetzwerk anlässlich des Internationalen Frauentages, der am 8. März begangen wurde.
Frauenberatung Mostviertel: „Thema Armut überproportional häufig“
Dies bestätigt auch Sonja Mille von der Frauenberatung Mostviertel: „Viele Klientinnen haben im Frühjahr 2020 das coronabedingte Angebot telefonischer Beratung angenommen. Die Themen Beziehungskonflikte, Überforderung, Kinderbetreuung, Rollenaufteilung, häusliche Gewalt und eben auch Armut beziehungsweise Armutsgefährdung waren überproportional häufig im Jahr 2020“.
Alleinerziehende Mütter besonders betroffen
Maria Reichartzeder vom Frauenhaus Amstetten hebt in diesem Zusammenhang die Auswirkungen der Corona-Krise auf Alleinerzieherinnen hervor.“Alleinerziehende Mütter gehören zu den ärmsten Mitgliedern unserer Gesellschaft. Sie leben besonders jetzt in Sorge um ihre und die materielle Absicherung ihrer Kinder. Kinder brauchen soziale Sicherheit, um ihre Persönlichkeit und ihre Neigungen sowie Talente entwickeln zu können. Eltern sollen diese Voraussetzungen bieten können. Besonders Alleinerzieherinnen sind oft nicht dazu in der Lage. Nach wie vor – und gerade jetzt durch die Kurzarbeit – werden unzureichende, verspätete, gekürzte, ausgefallene Unterhaltszahlungen zu einem oft existenziellen Problem für sie“.
Staatlicher Unterhaltsvorschuss fällt unterschiedlich aus
Es gebe zwar einen Unterhaltsvorschuss vom Staat, wenn der getrennt lebende Elternteil nicht zahlt. Da der Betrag jedoch am Gehalt von diesem Elternteil orientiert sei, falle der Vorschuss für jedes Kind unterschiedlich aus. „Wir fordern eine Kinderkostenanalyse, um die Frage zu klären, wie viel ein Kind im Jahr 2021 tatsächlich kostet. Nach dieser Analyse soll ein angemessener Unterhaltsgarantiebetrag festgelegt werden, der allen Kindern bei Zahlungsunwilligkeit des anderen Elternteils grundsätzlich zusteht“, so Reichartzeder.
Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte
Auch Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte trifft die Corona-Krise mit ganz besonderer Wucht, wie das NÖ Armutsnetzwerk berichtet: bereits vor der Krise bestehende Diskriminierungen werden nun verschärft, denn geflüchtete Frauen leben aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen oftmals in beengten Wohnverhältnissen. Sprachliche Barrieren und fehlende Kontaktmöglichkeiten erschweren den Zugang zu Gesundheits-, Bildungs- oder Gewaltschutzmaßnahmen.
Angstspirale der Krise
Hier beginnt sich die Angstspirale der Krise zu drehen: Ängste und Unsicherheiten, die alle in der Krise betreffen, werden durch fehlende oder unverständliche Informationen sowie Einsamkeit und soziale Isolation verstärkt. Ebenso stellt der Zugang zu digitalen Medien häufig eine Hürde dar. Eine Hürde, die es vielen Eltern erschwert oder verunmöglicht hat, ihre Kinder im Homeschooling zu unterstützen.
Herausfordernde digitale Antragsstellung für Hilfen
„Bei Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte sind unsere Erfahrungen, dass sie und ihre Familien sehr überfordert waren mit Homeschooling, beengten Wohnverhältnissen sowie keinem oder nicht ausreichendem Zugang zu technischen Hilfsmitteln und Informationen. Zudem war und ist für viele die finanzielle Krise bedrohlich. Der Zugang zu Hilfen ist durch digitale Antragsstellung nur in deutscher Sprache eine zu hohe Barriere und diskriminierend“, bestätigt auch Sonja Mille von der Frauenberatung Mostviertel.
Forderungen der Beratungsstellen
Die Forderungen der NÖ-Frauen- und Mädchenberatungsstellen liegen laut Mille klar auf der Hand: Anhebung der Lohnniveaus in „frauendominierten“ Bereichen, Überprüfung der Verteilung der Corona-Förderungen nach dem Prinzip des Gender-Budgetings, Stärkung der Frauen- und Mädchenberatungsstellen durch (wert-)gesicherte und planbare Finanzierungen sowie die Diversität als Grundprinzip bei der Etablierung von Arbeitsgruppen und Entscheidungsgremien in Bezug auf Corona-Maßnahmen.
„Nicht nur eine Gesundheitskrise“
„Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern eine langfristige gesellschafts- und demokratiepolitische Krise. Um sie abzuwenden, ist die Politik gefordert, die Lebensrealitäten von der Hälfte der Bevölkerung ernst zu nehmen und Maßnahmen unter Einbezug von Expertinnen zu entwickeln“, hebt Mille hervor.


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