Amstettner Frauenhaus-Leiterin: „Ich rufe alle Menschen auf, hellhörig zu sein und zu handeln“
BEZIRK. Das Ziel aller Frauenhäuser ist, dass niemand in Österreich in Angst leben muss. Elf Frauenmorde in diesem Jahr zeigen: es ist noch viel zu tun.

„Wir verzeichnen im Frauenhaus Amstetten heuer viele Anrufe von Frauen, die in ihren Beziehungen sehr gefährdet sind. Es bleibt jedoch bei den Anrufen. Nur wenige dieser Frauen kommen dann auch wirklich zu uns. Das heißt, sie befinden sich nach wie vor in einer für sie lebensbedrohlichen Situation. Wir sind daher in Sorge darüber, was noch alles passieren kann“, schildert Frauenhaus-Leiterin Maria Reichartzeder die aktuelle Lage.
„Männer sollen sich gegen Gewalt stellen“
Wichtig sei es ihr und ihren Kolleginnen zu betonen, dass Gewalt an Frauen kein Frauenproblem ist, sondern ein tabuisiertes Problem von Männern, dessen Folgen Frauen oft mit dem Leben bezahlen. „Daher ist es notwendig, dass jetzt auch Männer auftreten und sich sowohl öffentlich als auch privat – etwa beim Feierabendbier – gegen Gewalt an Frauen stellen“, erklärt Reichartzeder und meint weiter: „Sie sollen Gespräche über die Veränderung der Rollenbilder anstreben und lernen, Hilfe in Anspruch zu nehmen“.
Gewalt als Reaktion auf Machtverlust
Männer müssten auch mit Gefühlen wie Hilflosigkeit und Machtverlust zurechtkommen. „Es tut weh, Macht zu verlieren, aber Gewalt ist als Lösung nicht akzeptiert. Wir fordern, dass soziale, politische, kulturelle und religiöse Gruppen eindeutig Stellung beziehen! Wir appellieren an Vertreter von Sport-, Kultur- oder Nachbarschaftsvereinen: macht diese Gewaltbereitschaft zum Thema, schaut nicht weg! Nur so kann sich die Gesellschaft ändern!“, ruft Reichartzeder auf.
Antigewalttrainings & Beratungen
Männer mit Gewaltneigung sollen diese an sich erkennen und Beratungen oder Antigewalttrainings aufsuchen. Falls es bereits zu Gewalt, zu Polizeieinsätzen und Gerichtsverfahren gekommen ist, sollen diese verpflichtend sein. Meldungen über den Erfolg der Maßnahme sollen an das Gericht ergehen.
Geschulte Polizeibeamte
Die Polizei hat im Bereich häusliche Gewalt neben Opferschutzeinrichtungen eine wichtige Funktion. „Es braucht daher mehr gut geschulte Beamtinnen und Beamte, die Gefährlichkeitseinschätzungen öfters einsetzen“, so Reichartzeder. Dabei gehe es darum, genauere Erhebungen im sozialen Umfeld zu machen sowie Informationen zusammenzuführen und diese zu analysieren.
Verwendung von Fußfesseln
„Es braucht die Möglichkeit, spezielle Maßnahmen einzuleiten, die von einem aufklärenden Gespräch bis zur einer Wegweisung, Kontaktverbot oder einer Inhaftierung reichen können“, erklärt Reichartzeder. Es stehe auch die Frage im Raum, ob andere Maßnahmen eingeführt werden könnten, wie die Verwendung von Fußfesseln. „Die gefährdete Person könnte eine SMS bekommen, falls sich der Täter ihr nähert. Warum gibt es das bei uns nicht? Die Erfahrungen in anderen Ländern sind gut“, meint die Frauenhaus-Leiterin.
„Hass wird wieder salonreif“
Die NÖ Frauenhäuser treten seit Jahrzehnten immer wieder gegen Gewalt an Frauen und Kindern auf und es sei „erschütternd, wie Hass wieder um sich greift, wie er in sozialen Medien überhandnimmt, wie er wieder salonreif gemacht wird, statt gewaltfreie Kommunikation zu erlernen und zu trainieren“. „Dieser geschürte Hass kennt keine Grenzen, wie durch die erschreckenden Frauenmorde aufgezeigt wird“, so Reichartzeder, die auch unterstreicht, dass Morde an Frauen, an (ehemaligen) Partnerinnen kein „entglittener Ehestreit“ sind: „Es sind außerdem nicht „nur“ Morde, es sind Hinrichtungen, wie Adelheid Kastner am 3. Mai im ORF klargestellt hat“, unterstreicht Reichartzeder.
Verschärfung des Waffengesetzes
Auch die Verschärfung des österreichischen Waffengesetzes ist den Frauenhäusern ein Anliegen. Der Ankauf von Waffen habe in den letzten Jahren stark zugenommen, es seien mehr Waffen im Umlauf und diese würden eingesetzt, auch und besonders gegen Familienmitglieder.
Weitere Forderungen
Zudem seien Schutzmaßnahmen für betroffene Frauen und Kinder, ausreichende Finanzierungen der Opferschutzeinrichtungen, Förderungen von Gewaltpräventionsmaßnahmen und Aufklärungskampagnen oder etwa eine Verstärkung der Vernetzung zwischen den Einrichtungen unerlässlich. Auch eine verbesserte Vertretung bei Gericht sei absolut wichtig.
Viele Frauen vor „steinigem Weg“
„Frauen steht nach einer Trennung ein steiniger Weg mit oft mehreren Gerichtsverfahren bevor. Nichts ist schlimmer, als in Angst und Gewalt leben zu müssen; aber die Gesellschaft muss gefährdeten Frauen besonders nach der Trennung Unterstützung zukommen lassen. Viele Frauen in Gewaltbeziehungen fürchten sich zu Recht vor dem Schritt, als Alleinerzieherin zu leben“, so Reichartzeder.
„Frauen müssen sich Trennung leisten können“
Wichtig seien hier ein Unterhalt für Frauen und Kinder, damit sie ihr Leben bestreiten können, sowie Kinderbetreuungseinrichtungen, damit Berufstätigkeit überhaupt möglich wird. „Frauen müssen sich eine Trennung leisten können, ohne in Armut leben zu müssen“, betont Reichartzeder.
„Es kann jederzeit viel passieren“
Abschließend appelliere sie an die Zivilcourage und den Mut der Bevölkerung: „Es kann jederzeit viel passieren. Ich rufe alle auf, hellhörig zu sein, zu handeln und eine Gewaltsituation im Umfeld etwa durch einen Anruf oder durch ein Anklopfen an die Wohnungstür zu unterbrechen oder natürlich, die Polizei zu rufen“.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden