Anfragen an Caritas stark gestiegen
AMSTETTEN. Die Corona-Pandemie hat – mit allen ihren Begleiterscheinungen wie Home-Schooling & Co – in Familien einige Probleme aufgeworfen. Diese Situation schlägt sich in einer steigenden Anzahl an Anfragen bei der Caritas-Familienberatungsstelle nieder. Tips bat die Mostviertler Regionalleiterin Michaela Fischer sowie Sozialarbeiterin Petra Oberbichler zum Gespräch.

Tips: Frau Fischer, die Caritas baut derzeit ihr Beratungs-Angebot für Kinder und Jugendliche aus. Warum war dies nötig?
Michaela Fischer: Wir verzeichnen seit Beginn der Corona-Pandemie deutlich mehr Anfragen von Familien oder Jugendlichen – sicher die Hälfte mehr als üblich. Daher war auch eine personelle Aufstockung nötig: Seit März unterstützt uns Sozialarbeiterin Petra Oberbichler, deren Schwerpunkt die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist. Wir wollen minderjährige Kinder und deren Eltern dort abholen, wo sie gerade stehen. Die Corona-Pandemie hat mit Home-Office und Home-Schooling viele Probleme, Konflikte und Erziehungsfragen aufgeworfen. Durch Lockdowns und Quarantäne musste man oft zu Hause bleiben – eine ungewohnte Situation.
Tips: Mit welchen konkreten Themen wenden sich Menschen an die Caritas-Familienberatungsstelle?
Fischer: Es geht derzeit verstärkt um das Thema Partnerschaft, um Ehe, Trennung, Scheidung, aber auch um Erziehung. Eltern fragen, wie sie am besten mit ihrem Kind zu Hause lernen können. Dann geht es auch um den Umgang miteinander und wie man wieder als Familie zusammenwachsen kann. Hier spielen auch Gewaltthemen oder finanzielle Nöte eine Rolle. Dann gibt es auch Menschen, die große Angst vor einer Corona-Erkrankung haben und die immer noch das Bedürfnis haben, sich zu Hause einsperren zu müssen. Aber unser Schwerpunkt liegt definitiv auf den Themen Familie, Erziehung, Kinder und Jugendliche.
Tips: Gibt es diesbezüglich Caritas-Gruppen zum Austausch?
Fischer: Ja, wir haben unser Gruppen-Angebot ausgebaut. So bieten wir eine Hybrid-Gruppe als Austausch für Eltern unter professioneller Anleitung an. Hybrid heißt, dass die Gruppe persönlich oder per Zoom besucht werden kann. Themen sind neben dem Erfahrungsaustausch der tägliche Machtkampf, Erwartungen der Eltern an die Kinder, Überforderung von Kindern und Eltern oder Wege zu einem entspannten Miteinander.
Tips: Ein entspanntes Miteinander – das klingt gut, aber wie können Eltern und ihre Kinder das erreichen, Frau Oberbichler?
Petra Oberbichler: Hier tut es Eltern gut, einmal ihre eigene Erziehung zu reflektieren und nachzufühlen, welche Erziehungsmuster sie weitergeben. Ich bin eine Verfechterin der „Neuen Autorität“. Dabei handelt es sich um ein Erziehungsprinzip, das den Fokus auf Beziehung statt auf Erziehung richtet. Kinder brauchen starke Eltern und wollen Grenzen gesetzt bekommen. Wichtig ist, den Kindern auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen, sie als gleichwertig zu sehen. Gelingt Eltern ein guter Beziehungsaufbau zum Kind, dann kann es auch gut gelenkt werden. Es ist auch gut, über das eigene Kind zu reflektieren, dessen Ressourcen zu erkennen und zu sagen: So wie du bist, bist du okay!
Tips: Ich denke mir, dass eine vollkommen harmonische Eltern-Kind-Beziehung eine Utopie ist – vor allem wenn die Pubertät vor der Tür steht. Sich professionelle Hilfe zu holen, ist aber sicherlich für viele Eltern ein großer Schritt, der mit Hemmungen verbunden ist. Wann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem sich Eltern wirklich professionelle Beratung holen sollten?
Oberbichler: Man sollte etwas unternehmen, wenn eine Entfremdung passiert zum Kind, also wenn die Verbindung zum Kind verloren geht und das Ohnmachtsgefühl bei den Eltern zunimmt. Die Alarmglocken läuten, wenn sich das Kind zurückzieht und spezielle Verhaltensweisen zeigt. Und wenn Eltern das Gefühl haben, das Kind zu verlieren; Konflikte häufen sich, die Familie kommt nicht mehr zur Ruhe. Hier können auch der mediale Konsum, Alkohol oder Drogen eine Rolle spielen.
Tips: Also lieber rechtzeitig Hilfe holen als zu spät …
Fischer: Ja! Die Pandemie hat vieles aufgezeigt. Jugendliche mussten viel einstecken, soziale Kontakte sind weggefallen. Ein neues Angebot hat die Männerberatung mit „gewaltpräventiver Burschenarbeit“ in der Schule. Hier bieten wir Workshops für 12- bis 15-Jährige in der Klasse an. Schulen können sich gerne an uns wenden. Weiters gibt es in Amstetten die „erlebnisorientierte Burschengruppe“ − ein soziales Kompetenztraining in der Natur. Ein zusätzliches Angebot, bei dem Jugendliche andere junge Menschen online beraten, ist „open2chat.at“. Allgemeine Beratungen führen wir telefonisch, per Zoom oder persönlich durch. Seitens der Caritas gibt es auf www.caritas-stpoelten.at/fap die Möglichkeit einer anonymen Online-Beratung.
Tips: Inwieweit ist der Ukraine-Krieg Thema?
Fischer: Jene Flüchtlinge, die in den vergangenen Wochen nach Österreich gekommen sind, sind gerade dabei, ihren Alltag zu organisieren. Im Herbst rechnen wir aber mit steigenden Anfragen zum Thema „Traumaberatung“.


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