Corona-Pandemie: Wie die seelische Gesundheit leidet
MAUER. Die Pandemie hinterlässt ihre Spuren in vielen Bereichen. Über ihre Auswirkungen auf die seelische Gesundheit der Menschen sprach Karlheinz Christian Korbel, Ärztlicher Direktor des Landesklinikums Mauer.

„Wir alle haben eine schwere Zeit hinter uns. Die Folgen der psychischen Belastung durch die Pandemie werden jetzt erst im Vollbild bemerkbar werden und wir rechnen mit einer vermehrten Nachfrage nach psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfe“, so Korbel.
Alkoholkonsum gestiegen
EU-weite Untersuchungen im und nach dem ersten Lockdown hätten ergeben, dass der Drogenkonsum – vor allem von Kokain und Ecstasy – zurückgegangen, der Alkoholkonsum jedoch gestiegen sei. „Unsere Erfahrungen decken sich mit diesen Ergebnissen: Der Rückgang beim Drogenkonsum lässt sich auf die geschlossene Nachtgastronomie zurückführen. Bei Cannabis gibt es bisher ein uneinheitliches Bild. Ein coronabedingter Heroin-Engpass führte zu mehr Therapienachfragen und Opioid-Substitutionstherapie [Anm.d.Red.: medikamentöser Ersatz einer Droge durch eine nicht abhängig machende Ersatzdroge““, so Korbel, der auch auf einen Anstieg von verschriebenen Medikamenten aus der Gruppe der Beruhigungsmittel verweist.
Familienmitglieder suchen Hilfe
Der Alkoholkonsum habe sich aufgrund der Pandemie vom öffentlichen Raum und von der Gastronomie in den privaten Raum verlagert. „Angehörige bemerkten dann erst das volle Ausmaß der Alkoholproblematik. Hilfesuchende Familienmitglieder vermittelten Therapien für Betroffene“, erklärt Korbel. Am Landesklinikum soll aufgrund der steigenden Problematik das Therapieangebot für Menschen mit Alkoholabhängigkeit ausgebaut werden. Angedacht werde eine ambulante Tagesbetreuung.
Angst und Depressionen
Die Pandemie habe außerdem vermehrt zu Angstzuständen und depressiver Verstimmung geführt. Hier könne man die Angst vor Arbeitsverlust und Arbeitslosigkeit, finanzielle Belastungen, die Unterbrechung der Ausbildung oder allgemeine Zukunftsängste als Auslöser anführen. „Depressionen und Ängste können vorübergehend sein, aber auch zu einer bleibenden Erkrankung führen. Stärker betroffen davon sind sozial schwache Menschen, alleinerziehende Frauen sowie vulnerable Personengruppen“, informiert Korbel. Menschen mit einer bestehenden psychiatrischen Erkrankung seien ebenfalls stärker von der Pandemie betroffen.
Ältere Menschen kamen besser durch die Krise
„Ältere Menschen haben die Zeit besser überstanden als erwartet. Meine Theorie: Durch ihre vielleicht ohnehin zurückgezogenere Lebensweise war die Einschränkung nicht so belastend. Zudem war ihre Lebenserfahrung sicherlich hilfreich. Viele ältere Menschen mussten schon Schlimmeres als die Pandemie überstehen“, meint Korbel. Bei jungen Menschen und Jugendlichen wurde/wird die natürliche Entwicklung durch die Pandemie behindert und verzögert. Loslösung von den Eltern, Reisen, Ausgehen, Arbeitssuche, Einstieg ins Berufsleben und Ausbildung waren oft nicht möglich.
Notwendigkeit der psychischen Beratung steigt
„Fakt ist: Die Notwendigkeit der psychiatrischen Beratung nimmt immer mehr zu. In Österreich sterben immer noch mehr Menschen durch Suizid als bei Verkehrsunfällen“, verdeutlicht Korbel.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden