Zwischen Kirche und Richter: Das lange Warten auf den Asylbescheid
AMSTETTEN/WIEN. Nuri S. (Name von der Redaktion geändert) ist afghanischer Staatsbürger und seit fast vier Jahren in Österreich. Ob er auch bleiben darf, weiß der 29-jährige Asylwerber noch nicht.

Nuri S. besucht jeden Sonntag gemeinsam mit anderen Afghanen die St. Stephan-Kirche in Amstetten. Vor einem Jahr ließ er sich in Linz taufen. Er arbeitet ehrenamtlich im SOMA Amstetten und hat in Österreich den Staplerschein gemacht. Später will er bei einer Holzfirma anfangen, bei der auch sein Schwager und zwei weitere Afghanen arbeiten.
Vorwurf Scheinchrist
Dass Nuri S. nun Christ ist und kein Moslem mehr wie seine Eltern und Geschwister, brachte ihm den Vorwurf ein, er sei ein Scheinchrist, der sich durch den Übertritt zum Christentum einen positiven Asylbescheid erschwindeln wolle. Vergangene Woche musste er zum dritten und letzten Mal zum Interview ins Bundesverwaltungsgericht nach Wien. Tips-Redakteur Thomas Lettner begleitete ihn dabei.
Check wie am Flughafen
Schon bei der Abfahrt zeitig in der Früh am Bahnhof Amstetten ist Nuri sichtlich nervös. Rechtzeitig kommen wir kurz vor neun Uhr in Wien Erdberg an. Beim Anblick der vielen Menschen mit Migrationshintergrund in dieser Stadt wundere ich mich, warum wegen eines Afghanen so ein Aufwand betrieben wird. Am Eingang zum Bundesverwaltungsgericht werden wir durchgecheckt wie auf einem Flughafen. Dann fahren wir in den zweiten Stock, wo das Interview stattfinden wird. Kurz darauf erscheint die für Nuri zuständige Rechtsberaterin der Diakonie. Sie gibt ihm Tipps und versucht ihn zu beruhigen. Auch ich tausche mich kurz mit ihr aus. Dann werden beide zum Interview geladen. Ich als Zeuge muss vorerst draußen bleiben.
Todesstrafe auf Konversion
Nach etwa einer Stunde ist Pause. Anscheinend ist es bisher nicht ganz optimal gelaufen. Nuri hat oft die Fragen nicht ganz richtig verstanden und tut sich beim Antworten schwer. Immer noch ist er sehr aufgeregt, aber um einiges gesprächiger als am Anfang. Er sagt uns, dass er auf keinen Fall nach Afghanistan zurückkehren will. Prügel für kleinste Vergehen sind dort an der Tagesordnung. Frauen würden, wenn sie wie in Österreich in Röcken herumlaufen würden, sofort gesteinigt werden. Arbeitsplätze gibt es keine. Die afghanische Kultur wolle er komplett abstreifen. Sein Herz schlage für Österreich. Aber auch bei uns hat er Angst, dass er oder seine Familie wegen seines Glaubenswechsels Probleme bekommen könnten. Auf Konversion steht in Afghanistan nämlich die Todesstrafe.
Monatelange Wartezeit
Nach der Pause darf ich aussagen. Die Rechtsberaterin stellt mir einige Fragen über Nuri. Langsam, damit die Protokollschreiberin mittippen kann, erzähle ich dem Richter, dass ich ihn von den Sonntagsmessen in St. Stephan kenne und dass ich ihn schon mehrmals dort gesehen habe. Eine Weile später werde ich wieder reingeholt, um meine Aussage zu unterschreiben. Dann verlasse ich das Gebäude. Bei der U3 treffe ich Nuri und die Rechtsberaterin nach dem Interview. Nuri sagt, dass er kein gutes Gefühl hat, und die Rechtsberaterin meint, dass es noch Monate dauern kann, bis Nuri die endgültige Entscheidung bekommt.
Fach für positiven Asylbescheid reserviert
Im Zug nach Amstetten plaudern Nuri und ich miteinander. Er erzählt mir von Afghanistan und davon, dass er unbedingt besser Deutsch lernen will. Auf seinem Handy hat er Apps installiert, um die Grammatik zu verbessern. Dann zeigt er mir noch seine Brieftasche, in der er seinen afghanischen Führerschein und den Staplerschein hat. Zwei kleine Fächer darunter sind noch leer. Eines ist für den österreichischen B-Führerschein reserviert, das andere für den positiven Asylbescheid.


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