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AMSTETTEN. Rund um den Weltfrauentag am 8. März rückt auch das Thema „Frauen & Berufsleben“ verstärkt in den Vordergrund. Im Frauenberufszentrum Amstetten, „Frau&Arbeit“, bietet Geschäftsführerin Monika Gleiß mit ihrem Team eine breite Palette an Unterstützungsmaßnahmen an. Tips bat sie zum Interview.

Monika Gleiß ist Geschäftsführerin des Frauenberufszentrums Amstetten (FBZ). (Foto: mai)
  1 / 2   Monika Gleiß ist Geschäftsführerin des Frauenberufszentrums Amstetten (FBZ). (Foto: mai)

Tips: Frau Gleiß, mit welchen Anliegen wenden sich Frauen hauptsächlich an das Berufszentrum?

Monika Gleiß: Frauen aller Altersstufen kommen zu uns, wenn sie offene Fragen zu ihrer aktuellen beruflichen Lebensgestaltung haben. Unsere Hauptaufgabenfelder sind: Unterstützung bei Bewerbungen, Beratung und Unterstützung von Frauen mit gesundheitlichen Einschränkungen; Unterstützung beim Wiedereinstieg nach Karenz und Familienpause; Beratung von Frauen nach persönlichen und beruflichen Rückschlägen und von Frauen mit Anliegen zur beruflichen Weiterentwicklung.

Tips: Das ist ein breites Spektrum an Aufgaben. Wie genau kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Gleiß: Im Grunde genommen besteht unsere Aufgabe darin, Frauen auf dem Weg in die Berufstätigkeit und die finanzielle Unabhängigkeit zu begleiten und zu unterstützen. Orientierung, die Suche nach Qualifizierung, Hilfe zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Stärkung und Stabilisierung nach Rückschlägen jeder Art sind unsere Hauptinhalte. Dabei wird großes Augenmerk auf Individualität gelegt – jede Frau braucht etwas Anderes, auf sie Zugeschnittenes. Die erste Säule unserer Tätigkeit ist die klassische Einzelberatung, bei der sich je eine Beraterin einer Klientin widmet. Die zweite Säule ist das umfassende Workshop-Programm, bei dem Frauen in Gruppen Input zu interessanten Inhalten bekommen. Hier ist neben dem Thema des Workshops auch der Faktor Gruppe und Beziehung wichtig und sehr nützlich! Nach den vier Wochen gibt es die Gelegenheit, ein zweiwöchiges Praktikum zu absolvieren. Das ist für den Praktikumsgeber kostenlos und unverbindlich. Trotz Corona fanden 2021 etwa 25 Prozent der Teilnehmerinnen eine Praktikumsstelle. Langjährig üblich war, dass ein Drittel der Teilnehmerinnen eine Praktikumsstelle fand.

Tips: Wie kommen Frauen zum Berufszentrum?

Gleiß: Wir sind zu 100 Prozent vom AMS Niederösterreich gefördert, das ist auch der hauptsächliche Zugang zum Frauenberufszentrum (FBZ). Die AMS-Berater informieren ihre Kundinnen, für die sie sich einen Nutzen durch unsere Beratung erwarten. Die Frauen werden zugebucht und kommen zu einem Informationsgespräch zu einer Mitarbeiterin des FBZ. Genauso ist es auch möglich, dass interessierte Frauen von ehemaligen Teilnehmerinnen über unsere Angebote erfahren, das heißt über Empfehlung. Natürlich kennen uns nach 30 Jahren viele Frauen von einer früheren Beratung und nehmen wieder Kontakt auf, wenn der Bedarf entsteht.

Tips: Wie viele Frauen wurden im Vorjahr beraten/unterstützt - und von wie vielen Mitarbeiterinnen?

Gleiß: 2021 suchten 365 Frauen Rat bei uns. 143 nahmen am Workshop-Programm teil. Dieses dauert in der Regel 30 Tage (vier Wochen plus zwei Tage) und umfasst die Teilnahme an 16 Stunden Gruppenaktivitäten pro Woche. Zusätzlich gibt es für jede Teilnehmerin einige Einzelgespräche mit ihrer zuständigen Beraterin bei uns. Die übrigen 222 Frauen nahmen ausschließlich Einzelberatungsstunden in Anspruch. Wir sind ein Team aus sieben Beraterinnen, einer Sekretärin und einer Reinigungskraft. An unserem neuen Standort in der Anzengruberstraße 3 in Amstetten stehen uns großzügige, barrierefrei erreichbare Räumlichkeiten zur Verfügung.

Tips: Nun zu einem speziellen Thema: Die Geburt eines Kindes mit anschließender Karenz ist ein großer Einschnitt im Berufsleben von Frauen. Wie schwierig ist der Wiedereinstieg für sie?

Gleiß: Zu uns kommen natürlich nicht die Mütter, bei denen eh alles glatt gegangen ist. Also Karenz, Wiedereinstieg beim früheren Dienstgeber und perfekt geregelte Kinderbetreuung. Wir sehen jene Frauen, die die gleiche Arbeit, die gleichen Arbeitszeiten und Bedingungen wie vor der Karenz nicht mehr machen können oder wollen. Manchmal wurde eine kurze Karenzgeld-Variante gewählt und die Realität mit dem kleinen Kind ist anders, als man es sich vorgestellt hat. Für manche unserer Kundinnen ist der Wiedereinstieg daher schwer.

Tips: Was bräuchte es, um Vereinbarkeit von Beruf und Familie leichter zu ermöglichen?

Gleiß: Die Kinderbetreuungsmöglichkeiten sind bei uns sensationell besser geworden. Krabbelgruppen, Kleinkindgruppen im Kindergarten für Kinder ab 2,5 Jahren, Nachmittagsbetreuung für Kindergartenkinder und Volksschulkinder, und auch Tagesmütter – all das gab es vor 30 Jahren kaum. Dieser Zeitraum zeigt aber auch, dass Veränderungen nicht von heute auf morgen möglich waren. Es braucht einerseits den politischen Willen und andererseits auch das Selbstverständnis der Mütter, ihr Berufsleben gut weiterführen zu wollen. Trotz aller Verbesserungen gibt es noch immer viele Berufe, bei denen Kinderbetreuung und Berufstätigkeit schwer vereinbar sind. Ich denke da etwa an Schichtarbeit in Produktionsbetrieben. Diese Arbeit wäre auch für viele Frauen interessant und vor allem existenzsichernd.

Tips: Warum hat man das Gefühl, dass das alles nur ein Thema von Frauen ist? Wo sind die Männer? Stichwort: Väterkarenz, …

Gleiß: Auch hier gilt: Veränderungen brauchen Zeit und Bewusstseinsbildung. Das patriarchale Familienmodell war sehr lange gültig. Trotzdem muss man sagen, dass es Weiterentwicklungen gegeben hat.

Tips: Wie oft ist in Ihren Beratungen eigentlich Burnout ein Thema?

Gleiß: Es ist ein großes Thema und wir widmen uns diesem Bereich intensiv sowohl in der Einzelberatung als auch in Workshops. Es kommen auch immer wieder Frauen nach einer Psycho-Reha zu uns und es freut uns, nach einigen Wochen echte Fortschritte zu sehen! Hier ist es besonders wichtig, den Druck, den die Frauen sich auch selber machen, zu reduzieren. Der schnelle Erfolg wäre nicht immer nachhaltig. Stärken und Stabilisierung sowie eine langsame Herangehensweise an den beruflichen Wiedereinstieg sind wesentlich.Tips: Mit welchen Herausforderungen und Hürden sind Arbeitnehmerinnen 50+ konfrontiert? Wo sollte hier angesetzt werden?

Gleiß: Da sind zum einen natürlich die gesundheitlichen Gegebenheiten, die mit dem Alter nicht immer optimal sind. Derzeit scheint aber die Jahreszahl allein weniger Rolle zu spielen als früher.

Tips: Typische Frauenberufe sind oft schlecht bezahlt – beraten Sie Frauen auch in Richtung Berufe, die noch männerdominiert sind?

Gleiß: Das AMS NÖ setzt durch das FIT-Programm („Frauen in Handwerk und Technik“) auf die Eröffnung von Wegen in Nicht-Traditionelle-Frauenberufe. Es gibt eine eigene FIT-Beratungsstelle in Amstetten und das FBZ Amstetten bietet seinen Teilnehmerinnen regelmäßig Workshops bei FIT an. Ein wichtiger Hebel ist das Bewusstmachen von Einkommensunterschieden und die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt nach etwa technischen Berufen. Ein wichtiges Kriterium für das Erreichen dieses Ziels sind familienfreundliche Arbeitszeiten.

Tips: Wie können ungleiche Bedingungen für Frauen und Männer in der Arbeitswelt abgebaut werden?Gleiß: In erster Linie schärfen wir das Bewusstsein unserer Klientinnen für Rollenklischees, die immer noch stark in der Gesellschaft wirken. Der Mann als „Ernährer“ und die Frau als „Hüterin des Heims“ haben in der Realität ausgedient – partnerschaftliche Aufteilung in allen Bereichen muss aber nach wie vor von vielen Frauen aktiv eingefordert werden.

Tips: Wie können gesellschaftlich geprägte Ungleichheiten und Benachteiligungen von Frauen nachhaltig beseitigt werden? Wie kann man vielleicht bereits in der Erziehung bei Mädchen und Jungen ansetzen?

Gleiß: In unserem Gesellschaftssystem gibt es immer noch die Idee von der „Rabenmutter“, wenn eine Frau mit (kleinen) Kindern berufstätig ist. Diese Zuschreibung gibt es z.b. in Frankreich schon lange nicht, hier gilt es als vollkommen normal, dass Frauen außer Haus arbeiten und Kinder eine gute Betreuung außer Haus brauchen. Es gilt, konstant und ausdauernd gute Rollenmodelle für die Vereinbarkeit von Mutterschaft und beruflicher Selbstverwirklichung bzw. Existenzsicherung anzubieten und das auch zum Thema zu machen. Auch die Aufklärung über Verdienstchancen in verschiedenen Berufsfeldern betrachten wir als eine vielversprechende Aufgabe. Und zu Ihrer Frage der Erziehung: Man kann nicht früh genug damit anfangen!

Frauenberufszentrum Amstetten - Frau&Arbeit

Anzengruberstraße 3, Amstetten

Tel. 07472/23 407

info@frauundarbeit.or.at

www.frauundarbeit.or.at


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