Privatinsolvenzen: „Alarmismus ist hier fehl am Platz“
NÖ. Der Gläubigerschutzverband Creditreform hat die endgültigen Zahlen der aktuellen Insolvenzentwicklung in Österreich im ersten Halbjahr 2023 erhoben: Insgesamt gab es in Österreich 7.642 Firmen- und Privatinsolvenzen (+6,8 Prozent).

Die Analyse von Creditreform zu den Privatinsolvenzen für das erste Halbjahr 2023 sieht folgendermaßen aus: Die Gesamtzahl der Privatinsolvenzen steigt angesichts der zahlreichen Krisen nur moderat um rund fünf Prozent auf knapp 5.000 Verfahren an. Das Vor-Pandemie-Niveau ist damit noch nicht erreicht.
„Ewiger Konkurs“
Die Zahl der eröffneten Schul-denregulierungsverfahren ist dabei um 4,5 Prozent auf rund 4.500, die mangels Vermögen abgewiesenen Insolvenzen um starke 16 Prozent auf 442 Verfahren angestiegen. In jedem zehnten Fall droht somit der „ewige Konkurs“ und den Gläubigern ein Totalausfall ihrer Forderungen.
Gerhard M. Weinhofer, Geschäftsführer des Gläubigerschutzverbandes Österreichischer Verband Creditreform, analysiert die Insolvenzentwicklung: „Bedenkt man die Kassandrarufe über die Verarmung des Mittelstandes, so zeigt der Trend bei den Privatinsolvenzen, dass Alarmismus fehl am Platz ist. Ein nach wie vor robuster Arbeitsmarkt, hohe Gehaltsabschlüsse und zahlreiche finanzielle Unterstützungen des Staates und der Länder haben den Inflationsdruck gemildert. Es sind daher auch keine anderen Personengruppen verstärkt insolvent geworden, als es schon früher der Fall war.“
Gründe für Privatinsolvenz
Die Gründe für eine Privatinsolvenz bestehen aus einer toxischen Mischung vieler Probleme, die sich über eine längere Zeit aufgebaut haben: Verlust des Arbeitsplatzes, gescheiterte Selbständigkeit, Krankheit. Gemeinsam ist den meisten Insolvenzfällen aber der generell sorglose Umgang mit Geld.
Ein Drittel der Schuldner sind gescheiterte Selbständige. Die Durchschnittsverschuldung liegt bei rund 61.000 Euro.
Bundesländer-Vergleich
Insgesamt gab es in Österreich im ersten Halbjahr 2023 4.981 Privatinsolvenzen (+5,4 Prozent). Der Bundesländer-Vergleich zeigt den stärksten Zuwachs in Vorarlberg (+37,1 Prozent), gefolgt von Salzburg (+24,2 Prozent) und Kärnten (+22,7 Prozent). In einem einzigen Bundesland sinken die Insolvenzen, in der Steiermark um 12,2 Prozent.
Traditionell ereignet sich ein Drittel aller Privatinsolvenzen in der Bundeshauptstadt. Wien ist sowohl Spitzenreiter bei der absoluten Zahl an Insolvenzen (1.629 Fälle) als auch bei der relativen Insolvenzbetroffenheit: Zwölf von 10.000 erwachsenen Wienern schreiten zum Insolvenzgericht.
Aber Wien verzeichnet neben Niederösterreich (+0,6 Prozent) den zweitgeringsten Anstieg (+1,5 Prozent). Österreichweit sind in etwa acht von 10.000 Erwachsenen zahlungsunfähig.
Lage in Niederösterreich und im Bezirk Amstetten
In Niederösterreich gab es im ersten Halbjahr 2023 728 Privatinsolvenzen, wie gesagt ein minimaler Anstieg um +0,6 Prozent. Sechs von 10.000 Erwachsenen sind hier insolvent.
Im Bezirk Amstetten wurden im ersten Halbjahr 2023 23 Privatinsolvenzen verzeichnet, was im Vergleich zum ersten Halbjahr 2022 einen Rückgang um 30,3 Prozent bedeutet.
Fazit und Ausblick
Stiegen die Privatinsolvenzen 2022 um 19 Prozent, so hat sich dieser Trend aktuell stark abgeschwächt, wie Weinhofer berichtet. Der Fachkräftemangel und der stabile Arbeitsmarkt würden die größte Insolvenzursache verhindern: den Verlust des Jobs und die dadurch bedingte Zahlungsunfähigkeit.
Die Inflation treffe viele, werde aber auch breitflächig durch Gehaltserhöhungen, Energiekostenzuschuss & Co. abgefedert. Zudem würden immer mehr Menschen sparen, beim Stromverbrauch, im Gasthaus oder bei allgemeinen Konsumausgaben.
Weiterhin moderater Anstieg ist zu erwarten
Zu erwarten sei daher ein weiterhin moderater Anstieg der Privatinsolvenzen, sodass das Vor-Pandemie-Niveau von 2019 wahrscheinlich knapp verfehlt werde. Dazu Weinhofer: „Für das Gesamtjahr 2023 ist mit 9.000 bis 10.000 Privatinsolvenzen zu rechnen. Selbst im Fall einer Rezession wird die Zahl der Arbeitslosen und der dadurch von einer Insolvenz bedrohten Personen nicht stark ansteigen, da der Fachkräftemangel ein langfristiges, weil demographisches Problem ist.“


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