Mauthausenkomitee Enns blickt auf erfolgreiche Versanstaltung zurück
ENNS. Premiere geglückt. Die erste Veranstaltung des vor kurzem in Enns gegründeten Mauthausenkomitees (MK) anlässlich der Erinnerung an die Opfer der Todesmärsche wurde von vielen Menschen besucht.

An die 20.000 jüdische Männer, Frauen und auch Kinder mussten im April 1945 unter schwerer Bewachung innerhalb von nur drei Tagen eine Strecke von Kilometer vom Konzentrationslager Mauthausen ins Anhaltelager in Gunskirchen zu Fuß zurücklegen. Der Großteil überlebte nicht, auch in Enns bei der Basilika St. Laurenz gab es ein Massengrab der Opfer. Seit der Gedenkfeier verweist nun eine Tafel beim Stiegenaufgang auf diese Geschichte.
Ziel und Aufgabe
„Wir möchten nicht über anonyme Jahres- und Opferzahlen berichten, sondern sind konkreten Lebensgeschichten von Menschen der NS-Zeit auf der Spur, weil dadurch Geschichte erlebbar und nachvollziehbarer wird“, sagte Gabriele Käferböck vom Mauthausenkomitee Enns in ihrer Begrüßung. Erinnern an konkrete Menschen mit ihren Geschichten, die Opfer nicht vergessen, ihnen ihre Geschichten zurückgeben, das sei Ziel und Aufgabe.
Unterstützung
Bürgermseister Franz Stefan Karlinger (SPÖ) wies in seiner Rede auf die Wichtigkeit der Erinnerungsarbeit in Enns hin und erzählte, dass gerade bei Geburtstagsgratulationen bei älteren Menschen die Rede immer wieder auch auf diesen Zeitabschnitt fällt und er schon viele Geschichten zu den Todesmärschen aus Zeitzeugensicht erzählt bekommen hat. Er werde die Veranstaltungen des MK Enns auch zukünftig gerne unterstützen.
Gedenkrede
„Erinnern ist daher kein bloßes Abspiegeln von dem, was war; es handelt sich vielmehr um einen Konstruktions- und Umbauprozess von Wahrnehmungs- und Erfahrungsrepräsentanzen im Licht neuer Wahrnehmungen, Erfahrungen und Wertungen“, formuliert Gerhard Riedl in der Gedenkrede 2018. „Mittlerweile steht auch außer Zweifel, dass KZ-Insassen Opfer des Nationalismus waren und deshalb 'Anspruch auf Anerkennung ihrer Leiden' durch eine moralische Gemeinschaft haben. Wie wir sehen, ist im Erinnern die Zeit verkettet. Je größer die zeitliche und räumliche Distanz, umso mehr gerät das wirklich Erlebte in das Abseits und es tritt eine Relativierung ein, mitunter auch eine Bagatellisierung. Das damit eine Nivellierung von Opfer und Täter stattfindet und historisches Unrecht entsteht, zeigen die vielen Kolonialkriege zwischen 1840 und 1970 - darunter die Ausrottung der wilden Indianer und weil es gerade passt, auch die Römer kämpften hier gegen die 'artfremden' Barbaren. Sie bezeichneten die nördlich der Donau lebenden als die Ungebildeten. Und im Blitzlicht der Werbestrategen empfindet hier kaum noch einer Empathie mit den Opfern.“ Gemeinsam sangen die Teilnehmer mit einem Ennser Ensemble das Lied „Sag nischt kejnmol“, eine Ermutigung für den jüdischen Widerstand: „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ – „Kommen wird noch unsere erträumte Stunde: Wir sind da!“
Zeitzeugen
Abschließend las Frau Anneliese Ziegler eine Passage aus dem Zeitzeuginneninterview mit Frau Maria Aigner, ihrer Mutter, das der Historiker Peter Kammerstätter Anfang der 70er Jahre im Rahmen von Interviews mit Zeitzeuginnen entlang der Todesmarschstrecke aufgenommen hatte.
Jährliche Tradition
Im Gedenken an die Opfer legten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung kleine Steine bei der Gedenktafel ab. Dass diese Gedenkfeier jährlich Tradition werden soll, wie Gabriele Käferböck einleitend ankündigte, kann man sich nach diesem berührenden Start nur allzu gut vorstellen.
Zeitgeschichte konkret
Die anschließende Lesung von Herma Kennel aus ihrem Buch über Bozena Skrabalkova, „Die Welt im Frühling verlassen“ gab einen berührenden Einblick in das Leben und die Widerstandsarbeit von Bozena, die in Enns aufgewachsen und in die Volksschule gegangen ist. Ihr Mut und ihre unbeugsame Haltung gegen das Naziregime kosteten der jungen Tschechin im April 1945 das Leben. Sie wurde mit vielen Männern und Frauen aus ihrer Widerstandsgruppe kaltblütig in Mauthausen ermordet. Zeitzeugen aus Enns ergänzten die Lesung mit Erfahrungsberichten. Mit ihnen soll es in absehbarer Zeit ein „Erzählkaffee“, veranstaltet vom Mauthausenkomitee, geben, wo Interessierte in gemütlicher Atmosphäre Zeitgeschichte aus erster Hand serviert bekommen können. Zeitgeschichte konkret – der Auftakt nach Maß macht Lust auf mehr.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.
Jetzt anmelden