Klimawandel ändert Verhalten
ENNS. Herbstfärbung bis Ende November, Eidechsen, Frösche, Feldlerchen und Bekassinen in den Wintermonaten – wer mit offenen Augen durch die Natur geht, kann einige Dinge beobachten, die es vor einigen Jahren noch nicht gab.

Julia Kropfberger vom Naturschutzbund Österreich war sehr erstaunt: Ende November fand sie Kaulquappen in einem Gewässer. In den letzten Jahren kam es aber immer wieder zu außergewöhnlichen Naturphänomenen, die selbst erfahrene Biologen staunen ließen. Amphibien und Reptilien sind eigentlich bekannt dafür, dass sie ein der Jahreszeit angepasstes Verhalten an den Tag legen: Nach der Winterstarre von November bis März erfolgt im Frühjahr die Fortpflanzungsphase. Die Frösche wandern zu ihren Laichgewässern, in denen sich schließlich aus den Kaulquappen bis zum Sommer die fertigen Jungfrösche entwickeln. Durch die warmen Winter kam es in den letzten Jahren regelmäßig zu Abweichungen und die Amphibienwanderung erfolgte oft schon im Februar. Auch Laichablagen im Herbst konnten beobachtet werden. Beim Naturschutzbund und auf www.herpetofauna.at wurden in letzter Zeit immer wieder ungewöhnliche winterliche Naturbeobachtungen gemeldet. So werden Feuersalamander, Blindschleichen und Mauereidechsen mittlerweile an warmen Wintertagen im Freien angetroffen.
Wärmeliebende Arten
Auch der Ennser Biologe Harald Pfleger erzählt von besonderen Beobachtungen im Herbst und Winter: „Am 16. November konnte ich an den Ökoflächen in der Ennser Kronau die Paarung von Heidelibellen beobachten. Es ist mittlerweile nicht unüblich, dass noch im November abgelaicht wird.“ Auch zahlreiche wärmeliebende Arten haben sich in den letzten Jahren rund um Enns angesiedelt. Nachtigallen, Zwergdommeln und Bienenfresser können immer häufiger beobachtet werden. Die milden Winter sind dafür verantwortlich, dass sich seit ungefähr zehn Jahren größere Schwärme von Feldlerchen auf den großen Ackerflächen an der Unteren Enns einfinden. Insektenfresser wie die Bachstelze und der Hausrotschwanz verzichten auf die Reise in den Süden und überwintern in Österreich. Auch Störche finden es mittlerweile hier gemütlich und verbringen hier die Wintermonate.
Kranichzug über Enns
Die Verschiebung der Jahreszeiten bedingt auch eine Änderung der Flugrouten. Kiebitz und Goldregenpfeifer ziehen im Frühjahr ungefähr drei Wochen früher durch als noch vor 15 Jahren. Die Kraniche haben ihre Flugrouten generell verändert. Seit ein paar Jahren kann man den spektakulären Zug tausender Kraniche auch über Österreich beobachten. Aus bisher nicht geklärten Ursachen haben die Kraniche damit begonnen, von der in den Nahen Osten führenden Route auf halbem Weg abzuweichen und Richtung Westen zu ziehen. Bis vor einigen Jahren konnte man die 1,30 Meter großen Vögel bei ihrer Rast in Ungarn beobachten. Mittlerweile legen die Vögel immer häufiger eine Pause in Österreich ein und können im November im Seewinkel, im Waldviertel oder in den Mooren an der Grenze von Salzburg und Oberösterreich beobachtet werden. Ein Schwarm von ungefähr 300 Kranichen überquerte Anfang November Enns und zog weiter in Richtung Westen. Die Donauauen, die Seen und die Felder rund um Enns bieten in den Wintermonaten gute Beobachtungsmöglichkeiten für Vögel. Da die Gewässer nur mehr selten zufrieren, bieten sie optimale Beobachtungsmöglichkeiten.
Auswirkung auf den Wald
Wer heuer durch den Wald ging, konnte beobachten, dass viele Bäume noch im November belaubt waren. Es gab im Herbst keine Frostnächte, die den Laubabwurf beschleunigten. Beim ersten Schneefall im Dezember brachen die belaubten Bäume unter der Schneelast. Die milden Winter begünstigen auch die Ausbreitung der Borkenkäfer. Buchdrucker und Kupferstecher überwintern in allen Entwicklungsstadien in der Rinde befallener Bäume. Eier und junge Larvenstadien reagieren empfindlich auf Temperaturen unter –10 bis –15° C über mehrere Tage hinweg. Folgen auf den milden Winter trockene und warme Frühlingstage, wird die Ausbreitung der Borkenkäfer begünstigt. Aktuell verändert sich das Klima ungewöhnlich rasch. Einige Lebewesen sind durchaus in der Lage, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Wärmeliebende Arten können sich in Österreich ausbreiten, werden aber andere Arten verdrängen. Auf die Land- und Forstwirtschaft werden durch die geänderten Bedingungen allerdings große Herausforderungen zukommen.


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