Hundertjährige zu Gast im Pfarrsaal
ENNS. Der Pfarrsaal in Lorch war bis auf den letzten Platz gefüllt. An die 100 Besucher waren in das vom Mauthausen-Komitee organisierte Erzählcafe gekommen, um 100 Jahre Zeitgeschichte hautnah zu erleben.

Als Karoline Podlaha 1924 geboren wurde, wurde Adolf Hitler aus der Haft entlassen und der Schilling als Währung eingeführt. Podlahas Vater war Kriegsinvalide, wurde vom Schuster zum Patschenmacher umgeschult und bekam 1930 eine Trafik in der Ennser Mauthausner Straße.
Dort verbrachte Karoline Podlaha ihre Kindheit, spielte auf der Straße mit Holzreifen, die mit dem Stecken angetrieben wurden, und fuhr mit dem Holzroller. Disziplin herrschte in der Volksschule. Die Schüler mussten sich in Zweierreihen bis zum Ausgang anstellen und beim Hinausgehen mussten sie die Order „Seid einig“ sagen. „Mit wem man geredet hat, war wichtig im Krieg. Man musste schon aufpassen, wem man was sagen konnte“, erzählt die rüstige Dame, die den Einmarsch Hitlers als Kind miterlebt hatte und die eine Zeit erlebte, in der keine Meinungsfreiheit herrschte.
Jugendzeit in der Altstadt
Podlaha kam 1938 aus der Schule und begann im Handarbeitsgeschäft Czermak zu arbeiten. 1943 wurde sie als Arbeiterin in die Firma Eisenbeiss einberufen, die als Zulieferer für die Rüstungsproduktion in den Hermann-Göring-Werken, der heutigen VÖEST, diente. Beim Eisenbeiss und in der Zuckerfabrik arbeiteten auch kriegsgefangene Italiener, Franzosen und Belgier. Frauen waren vor allem in der Präzisionsarbeit gefragt, was ihnen ein Einrücken in den Arbeitsdienst ersparte. Arbeiter, die damals schwere Arbeit leisteten, bekamen zusätzliche Lebensmittelmarken in der Firma. Die Lebensmittelmarken haben meist nicht gereicht, erzählt sie. „Um schwarz zu kaufen, hat man schon gewusst, wo man hingehen musste“, so Podlaha. Zusammen mit anderen jungen Frauen wurde sie im Krieg zum Feuerwehrdienst einberufen. Die Ennser Innenstadt hat sich seit dieser Zeit viel verändert. Das alte Feuerwehrauto war am Hauptplatz im Feuerwehrdepot, im heutigen Museum Lauriacum. Die Gendarmerie war beim Bodingbauer untergebracht, dort wo sich jetzt das Turmcafé befindet. Das Gericht befand sich im Gebäude des heutigen Museums. Die Frau von Gerichtsdiener Danner musste damals die Gefängnisinsassen mitversorgen.
Schmuggel und Naturalien
Nach dem Krieg zogen in die Gebäude der Firmen Riegler und Mayer die Amerikaner ein. „Wir bekamen von den Amerikanern immer den alten Kaffeesud, den wir dann noch einmal aufkochten“, erzählt Podlaha. Während dieser Zeit gab es ein Versammlungsverbot, es durften nicht mehr als drei Leute beisammenstehen. „Ein Russe hat mir nach dem Krieg einen 1-Dollar-Schein geschickt in einem Brief. Den habe ich heute noch“, erzählt Karoline Podlaha weiter. „Und von einem anderen haben wir einen Topf mit Schweineschmalz bekommen.“ Auch aus den Reihen des Publikums kam so manche Anekdote aus vergangenen Zeiten: So wurde einmal ein lebendes Schwein über die Demarkationslinie geschmuggelt. Damit das Schwein sich ruhig verhielt, wurde es vorher mit Alkohol betäubt.


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