Erstes Interview als Ehrenbürger von Enns: Gottfried Kneifel steht Rede und Antwort
ENNS. Die Ehrenbürgerschaft ist die höchste Auszeichnung, die die Stadtgemeinde Enns zu vergeben hat. Nun wurde sie Gottfried Kneifel zuteil, der sich seit vielen Jahren mit großem Engagement für seine Heimatstadt einsetzt und stets ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger offen hält. Wir baten ihn zum Interview.

Tips:Herr Kneifel, seit 1945 haben 16 Personen die Ehrenbürgerschaft der Stadt Enns erhalten. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie persönlich?
Kneifel: Sie bedeutet vor allem Freude aber auch Motivation, weiterhin für die Stadt zu arbeiten, die mir sehr am Herzen liegt. Allerdings gibt es einem schon zu denken, wenn man sich die Liste der Ehrenbürger so anschaut.
Tips: Wie meinen Sie das?
Kneifel: Ich sehe da nur männliche Ehrenbürger in den letzten 150 Jahren. Da muss man sich schon fragen, ob das gerecht ist. Oder glauben Sie, dass in diesem Zeitraum keine einzige Frau diese Auszeichnung verdient hätte?
Tips:Nein das glaube ich nicht. Glauben Sie, dass Sie die Auszeichnung verdient haben?
Kneifel: Das kann ich nicht beurteilen. Mein Engagement für die Stadt, vor allem aber für die Bürger, liegt nicht in irgendwelchen Auszeichnungen begründet. Das ist eine Herzensangelegenheit, der ich auch weiterhin nachgehen werde. Zwar nicht mehr politisch, dafür aber in Vereinen, für die Kultur und für die Menschen im Allgemeinen. Die Netzwerke, die ich mir über Jahre hinweg aufgebaut habe, sind vielseitig einsetzbar.
Tips:Woher nehmen Sie seit so vielen Jahren die Motivation, sich in diesem Ausmaß zu engagieren.
Kneifel: Meine Mutter war karitativ engagiert, mein Vater politisch und kulturell, da habe ich bestimmt viel von zuhause mitbekommen. Es war immer wichtig, für die Allgemeinheit tätig zu sein. Das habe ich weitergelebt
Tips:Und dabei viele große Projekte realisiert, beziehungsweise an den Umsetzungen mitgearbeitet.
Kneifel: Das ist richtig. Aber auch an vielen kleinen, woran ich persönlich immer eine noch größere Freude hatte.
Tips: Ein Beispiel?
Kneifel: Vor einigen Jahren bekam ich einen Anruf von einem älteren Herrn, es war zirka 7 Uhr morgens. Er hatte drei eitrige Zähne und offenbar so große Angst vor dem Zahnarzt, dass er mich bat, bei der Gebietskrankenkasse zu intervenieren, ihm eine Vollnarkose zu verabreichen.
Tips:Und das haben Sie getan?
Kneifel: Selbstverständlich. Er bekam eine Vollnarkose und ich von ihm jedes Jahr ein Dankesschreiben.
Tips:Es hat sich also für beide Seiten ausgezahlt?
Kneifel: Ja, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass ich immer gerne für die Anliegen der Menschen da bin, dass ich mir die Probleme anhöre und soweit es mir möglich ist, zu helfen. Das hat viel mit Wertschätzung und Respekt zu tun. Es waren stets die Menschen in Enns, weshalb ich mich mit meiner Heimatstadt so verbunden fühle, es waren nie die Mauern.
Tips:Bleiben wir in Enns. Was muss die Stadt Ihrer Meinung nach tun, um den Schwung aus der Landesausstellung mit in die Zukunft zu nehmen?
Kneifel: Das ist tatsächlich eine große Herausforderung. Man muss den Schwung mitnehmen und sich auf den nächsten Höhepunkt konzentrieren. In diesem Fall die Ernennung des Donau Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe. Hier muss man gemeinsam mit der Bevölkerung arbeiten und Strategien entwickeln, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu transportieren. Und das können nur die Ennser selbst tun, mithilfe des Landes OÖ selbstverständlich. Auch ich kann mir vorstellen, dabei zu helfen.
Tips:Haben Sie Sorgen, wenn Sie in die Zukunft blicken?
Kneifel: Meine größte Sorge ist die Zukunft der Demokratie. Umfragen in der Bevölkerung bestätigen einen Trend hin zu einem 'starken Mann'. Und das ist gefährlich. Da muss man etwas dagegen tun.
Tips:Worin sehen sie die Ursache für diese Entwicklung?
Kneifel: Zum einen werden die Zusammenhänge in der Gesellschaft komplexer. Die Menschen können die Zusammenhänge nicht mehr erkennen, was vor allem dem Populismus geschuldet ist und den vielen unterschiedlichen Nachrichten im Allgemeinen. Und zum anderen trägt auch unser Wohlstand zu diesem Denken bei. Wir jammern auf hohem Niveau und bleiben eher im gemütlichen Wohnzimmer, als uns für Vereine und die Demokratie zu engagieren, weil der Frieden und die Demokratie selbstverständlich geworden sind. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Erinnerung an dunklere Zeiten verblasst.
Tips:Was müsste getan werden, damit genau das nicht passiert?
Kneifel: Vereinfacht ausgedrückt muss den Menschen mehr erklärt und gleichzeitig weniger von ihnen vorausgesetzt werden. Abgeordnete müssen politisch-wirtschaftliche Zusammenhänge erklären. Da gäbe es viele Punkte, bei denen man ansetzen kann. Man muss nur damit anfangen.


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