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Bürgermeister Franz Stefan Karlinger: "Ich halte das Zusperren des Krankenhauses immer noch für einen Fehler"

Thomas Lettner, 21.07.2020 15:00

ENNS. Seit 1997 ist Franz Stefan Karlinger Bürgermeister der Stadt Enns. Bei der nächsten Gemeinderatswahl will er nicht mehr kandidieren. Tips traf Karlinger zum Interview.

Bürgermeister Franz Stefan Karlinger in seinem Büro im Stadtamt Enns. Foto: Thomas Lettner
Bürgermeister Franz Stefan Karlinger in seinem Büro im Stadtamt Enns. Foto: Thomas Lettner

Tips:Sie werden bei der nächsten Gemeinderatswahl nicht mehr für das Bürgermeisteramt kandidieren. Wollen Sie sich mehr auf Ihr Privatleben und die Familie konzentrieren?

Karlinger: Das Bedürfnis nach einer geregelten Arbeitszeit und somit nach einer geregelten Freizeit wird immer mehr. Bürgermeister ist man rund um die Uhr, auch wenn ich wahnsinnig gern Bürgermeister bin und froh bin, das Amt noch eineinhalb Jahre ausführen zu können.

Tips:Sie werden wieder zur Post zurückkehren. In welcher Funktion werden Sie tätig sein?

Karlinger: Eine Rückkehr ist noch nicht hundertprozentig entschieden, aber mit großer Wahrscheinlichkeit gehe ich zur Post zurück, weil es Sinn macht, den Beamtenstatus nicht aufzugeben. In welchem Bereich, ist noch unklar.  Im Zuge meiner fast 25-jährigen Bürgermeistertätigkeit habe ich mir einige Kenntnisse aneignen können, die ich in Teilbereichen auch bei der Post anwenden könnte.

Tips:Stimmt es, dass Christian Deleja-Hotko bei der Gemeinderatswahl für die SPÖ Enns kandidieren wird?

Karlinger: Christian Deleja-Hotko ist ein möglicher Kandidat. Meine Partei hat sich aber noch nicht festgelegt und wird sich in den nächsten Monaten Gedanken darüber machen, wen sie zur Wahl aufstellt.

Tips:Ist der Wechsel nicht untypisch, da in anderen Gemeinden der Bürgermeister noch einmal kandidiert und im Laufe seiner letzten Periode das Amt übergibt?

Karlinger: Das kommt darauf an. Natürlich gibt es in einigen Fraktionen taktische Überlegungen. Grundsätzlich ist es so, dass eine Amtsperiode sechs Jahre dauert. Wenn der Bürgermeister innerhalb der ersten vier Jahre zurücktritt, ist die Bevölkerung wieder zur Wahl aufgerufen. Tritt er im fünften oder sechsten Jahr zurück, wählt der Gemeinderat. Nachdem die SPÖ in Enns nicht die absolute Mehrheit hat, kann man nicht sagen, welche Fraktion den Bürgermeister stellen würde.

Tips:Werden Sie sich zukünftig noch in Enns politisch engagieren?

Karlinger: Ich war 35 Jahre im Gemeinderat und werde nicht mehr dafür kandidieren. Der Partei und dem Parteiausschuss werde ich aber weiterhin angehören. Meiner Fraktion habe ich angeboten, meine Meinung einzubringen, wenn man sie möchte, aber ich werde keine federführende Funktion in der Ortspartei übernehmen.

Tips:In Ihrer Laufbahn als Ennser Bürgermeister war die Zertifizierung von Enns zur cittáslow der Meilenstein schlechthin.

Karlinger: Ich bin sehr stolz darauf, dass Enns die erste cittáslow Österreichs ist. Ich glaube, dass es ein ganz wichtiger gesellschaftspolitischer Aspekt ist, auf Entschleunigung und ganz besonders bei Lebensmitteln auf qualitativ hochwertige Produkte zu setzen. Die Zertifizierung war ein steiniger Weg, aber aus meiner Sicht ganz wichtig für die Entwicklung der Stadt.

Tips:Inwiefern hat die Zertifizierung die Stadt verändert?

Karlinger: Man sieht beim Genussland Oberösterreich, dass auch das Land diese Richtung eingeschlagen hat. Ich bin so selbstbewusst zu sagen, dass wir eine Vorreiterrolle eingenommen haben. Gerade jetzt sieht man, dass die Menschen das Bedürfnis haben, regionale Produkte einzukaufen, und Entschleunigung für sie wichtig ist.

Tips:Ihnen ist es ein Anliegen, den cittáslow-Gedanken nachzuschärfen. Wie weit ist das bisher gelungen?

Karlinger: Wir befanden uns jetzt in der Analyse-Phase und der Zeit der Bedarfserhebung. In einem erweiterten Wirtschaftsausschuss werden wir gemeinsam mit der Firma CIMA die nächsten Schritte festlegen. Diese sollen nächstes Jahr spürbar werden.

Tips:Auf was sind Sie rückblickend noch besonders stolz?

Karlinger: Besonders stolz bin ich auf das Gesundheitszentrum in Enns. Dadurch sind wir im Gegensatz zu anderen Gemeinden in der Lage, eine sehr gute ärztliche Grundversorgung anbieten zu können. Wichtig war mir auch die Enns-Umfahrung, weil sie sehr zur Erhaltung der Lebensqualität in Enns und gleichzeitig zu einem pulsierenden Wirtschaftsstandort beigetragen hat. Stolz bin ich auch auf die Sicherung der öffentlichen Nutzung des Schlossparks und auf den von mir 1997 gegründeten Sozialfonds „Ennser helfen Ennsern“, weil so sehr unbürokratisch Spendengelder an bedürftige Ennser ausgeschüttet werden können.

Tips:Welche großen Projekte wollen Sie noch umsetzen?

Karlinger: Einige wichtige Projekte, die ich noch auf Schiene bringen möchte, sind das neue Musikheim und die Kinderbetreuungseinrichtung beim Freibadgelände. Ich möchte auch noch der Wegbereiter für das neue Feuerwehrgebäude sein.

Tips:Gibt es etwas, das Ihnen in Ihrer Amtszeit nicht gelungen ist?

Karlinger: Auf was ich sehr emotional zurückblicke, ist die Absiedelung des Ortsteils Enghagen. Es gab Bürger, die mich um einen Hochwasserdamm gebeten haben, andere baten mich, ein gutes Absiedelungsangebot zu bekommen. Ich habe beide Seiten verstanden, doch es war klar, dass es nur eine Lösung geben kann. Leider ist es mir auch nicht gelungen, dass Krankenhaus in Enns zu halten. Gerade jetzt zur Corona-Zeit sollte man sich genau überlegen, ob solche Einsparungsmaßnahmen wirklich so ideal sind. Ich halte das Zusperren des Krankenhauses immer noch für einen Fehler.

Tips:In Niederösterreich sind heuer bei der Gemeinderatswahl einige SPÖ-Hochburgen wie Amstetten oder Wiener Neustadt gefallen. Haben Sie die Befürchtung, dass das auch in Enns der Fall sein könnte?

Karlinger: Die Befürchtung habe ich nicht, da in Enns quer durch alle Parteien ein sehr angenehmes Arbeitsklima herrscht und meiner Meinung nach eine sehr gute Politik gemacht wird. Die Sozialdemokratie hat einiges an das freiheitliche Lager verloren. Wenn die SPÖ in Enns einen sachlichen und fairen Wahlkampf hinlegt, kann es bei der nächsten Wahl durchaus gelingen, wieder Wähler aus diesem Lager zurückzugewinnen. Die Chance sehe ich nicht nur in Enns, sondern allgemein in Oberösterreich.


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