Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt
tips.at als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen

Dmytruk Kolarik: „Jeder Mensch, der im Krieg stirbt, ist einer zu viel“

Thomas Lettner, 09.02.2022 07:00

KRONSTORF. Seit acht Jahren befindet sich die Ukraine im Krieg mit Russland. Oksana Dmytruk Kolarik, die Gattin des Kronstorfer Bürgermeisters Christian Kolarik, stammt aus dem flächenmäßig zweitgrößten Land Europas und weiß mehr über die Hintergründe des Konflikts.

  1 / 2   Die Ukraine kämpft schon seit Generationen um ihre Unabhängigkeit. (Foto: hyotographics/Shutterstock.com)

Oksana Dmytruk Kolarik wurde 1982 in der westukrainischen Stadt Bolechiw Nähe Lemberg (ukrainisch Lviv) geboren. Die ausgebildete Historikerin kam vor 14 Jahren nach Österreich, als sie über ukrainische Abgeordnete im Parlament in Wien recherchierte (die Westukraine war lange Teil der Habsburgermonarchie; Anm. d. Red.). Oksana Dmytruk Kolarik ist bei Mauthausen Memorial als Vermittlerin tätig und im Operating beim Rad- und Schiff­reiseveranstalter „Donau Touristik“ in Linz.

Große Demonstrationen

Der Kampf um die Unabhängigkeit in ihrem Land geht nicht erst seit acht Jahren, sondern schon seit Generationen. 2004 und 2013 fanden auf dem Majdan, dem zentralen Platz in der Hauptstadt Kiew, große Demonstrationen statt. Auslöser der ersten Demonstrationen 2004 (Orangene Revolution) war der Vorwurf des Wahlbetrugs bei den Präsidentschaftswahlen gegen den von Russland unterstützten Kandidaten Wiktor Janukowytsch. „2004 war ich selbst am Majdan bei der Orangen Revolution für Freiheit und Unabhängigkeit in der Ukraine. Wir haben damals einen friedlichen Machtwechsel geschafft“, erzählt Dmytruk Kolarik. Janukowytsch wurde 2010 doch zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Auslöser der Demonstrationen im Jahr 2014 (Euromaidan) war die überraschende Erklärung der ukrainischen Regierung, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union vorerst nicht unterzeichnen zu wollen. Janu­kowytsch floh nach Russland und wurde vom ukrainischen Parlament abgesetzt. Darauf folgte die Annexion der Krim durch Russland und der Beginn des Kriegs in der Ukraine.

Vereinbarungen werden nicht eingehalten

1994 hatte die Ukraine das drittgrößte Atomwaffenarsenal der Welt. Im Budapester Memorandum hat sich das Land dazu verpflichtet, die Atomwaffen abzugeben und zu verschrotten. Im Gegenzug haben unter anderem Russland und die USA der Ukraine versichert, die politische Unabhängigkeit und die bestehenden Grenzen zu achten und sich der Anwendung militärischer Gewalt sowie der Ausübung politischen und ökonomischen Drucks gegen die Ukraine zu enthalten. „Gekommen ist es leider anders. Solange man diese Vereinbarungen – und da gibt es einige weitere – nicht einhält, wird es wahrscheinlich schwierig sein, eine Art neutraler Staat wie Österreich zu werden“, so Dmytruk Kolarik.

Gemeinsame Wurzeln seit dem Mittelalter

Kiew trägt den Beinamen „Mutter aller russischen Städte“. Dass die russische Intervention in ihrem Land auch am gemeinsamen Bezug zum ehemaligen mittelalterlichen Großreich – der Kiewer Rus – liegt, ist für sie differenzierter zu betrachten. „Die Ukraine hat eine wechselvolle, zum Teil komplexe Geschichte, die oft zu Propagandazwecken vereinfacht dargestellt wird. Wir waren auch mit der Westukraine – das heißt mit Galizien – Teil der Donaumonarchie bis 1918. Niemand käme auf den Gedanken, dass es verständlich wäre, dass sich Österreich oder Ungarn bei uns einmischt und jetzt Ansprüche stellt“, meint Dmytruk Kolarik.

Konflikt birgt Gefahren

Zwischen dem proeuropäischen Westteil und eher prorussischen Ostteil der Ukraine gab es immer Spannungen. In den Familien seien diese aber weniger erkennbar. „Soweit ich es mitbekomme, ist nun ein höherer Verteidigungswille spürbar. Man hat sogar begonnen, dass sich Frauen aus bestimmten Berufen für den Militärdienst freiwillig registrieren lassen sollen, und ich hörte von Freundinnen, dass in Betrieben Evakuierungsübungen durchgeführt werden“, berichtet Dmytruk Kolarik. Mehrere Länder haben bereits Waffen in die Ukraine geschickt. Dmytruk Kolarik fordert dennoch, den Konflikt unbedingt friedlich beizulegen. „In der Ukraine gibt es allein 15 Atomreaktoren in vier Atomkraftwerken, da ist eine bewaffnete Auseinandersetzung auch eine Gefahr“, sagt sie. Tausende Menschen haben in den acht Jahren Krieg bisher ihr Leben verloren. „Jeder Mensch, der im Krieg stirbt – unabhängig ob Ukrainer oder Russe – ist einer zu viel. Es ist eine Schande, dass im 21. Jahrhundert auf diese archaische Weise noch Konflikte ausgetragen werden“, sagt Dmytruk Kolarik.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden