Rüstiger Chorsänger gibt auch noch mit 95 Jahren Volkslieder zum Besten
FREISTADT. Mit Fug und Recht kann behauptet werden, dass Rudolf Grüll einer der ältesten aktiven Chorsänger des Landes ist. Der Freistädter, der im Herbst 96 Jahre alt wird, singt seit mehr als 25 Jahren als Tenor im Chor des Seniorenbundes Freistadt.

Erst in der Pension kam Rudolf Grüll zum Chorsingen. „Meine Frau hat mir das damals vorgeschlagen“, ging der rüstige 95-Jährige vor gut 25 Jahren erstmals zur Chorprobe. Mindestens ebenso wichtig wie die Singerei ist aber das gemütliche Zusammensitzen hinterher im Gasthaus, wo der Chor selbstverständlich auch das eine oder andere Volkslied zum Besten gibt. Bei Begräbnissen von Mitgliedern des Seniorenbundes und den Seniorenbund-Bezirkstreffen singt der Chor auch in der Öffentlichkeit. „Normalerweise haben wir jeden Donnerstag Chorprobe, wegen Corona leider aber schon lange nicht mehr“, bedauert Rudolf Grüll.
„Jetzt bin ich nach einem Jahr Pause schon ein wenig aus der Übung. Die Stimme macht im Alter auch nicht mehr ganz so mit“, will es Grüll aber bei der nächsten Chorprobe mit Chorleiterin Heike Etzlstorfer wieder mit dem Singen probieren.
Mühlviertler Hymne
Gesungen werden dabei die Lieder aus Norbert Hanrieders „Wanderlieder, Volkslieder, Hits und Schunkellieder“, und dass sich sein Lieblingslied, die Mühlviertler Hymne, darin auf Seite 197 findet, weiß Rudolf Grüll selbstredend auswendig. Nicht, dass er das Liederbuch bräuchte, der Liedtext der Hymne sitzt auch so. Mit Patiencen legen und Zeitunglesen hält sich der Freistädter geistig fit.
„Die Oberösterreichischen Nachrichten habe ich schon seit 55 Jahren abonniert. Die lese ich immer von A bis Z durch, ebenso die Tips. Zeitunglesen ist mir ganz wichtig, das gehört für mich zum Frühstück dazu“, sagt der Witwer, der einen Sohn und drei Enkelkinder hat.
„Ich bin ein Phänomen“
Den Umgang mit dem Smartphone hat er gerade erst vor Kurzem gelernt. Ob das denn mit den Augen noch gehen würde? „Na sicher doch, da kann ich alles lesen und anschauen. Ich höre trotz meines Alters auch noch recht gut und habe sogar noch meine eigenen Zähne. Ich bin ein Phänomen“, schmunzelt der Chorsänger über sich selbst.
„Kanzleifuchs“ am Zollinspektorat Freistadt
Geboren wurde er im September 1925 in einfachen Verhältnissen in Neufelden (Bezirk Rohrbach), 1943 musste er als 18-Jähriger in den Krieg einrücken. Grüll geriet in Russland in Gefangenschaft, aus der er erst nach drei Jahren Ende 1947 nach Hause zurückkehren sollte. „Da wog ich nur mehr 55 Kilogramm. Aber ich habe den Krieg und die Gefangenschaft mit viel Glück überstanden. Ich bin halt ein Sonntagskind“, sagt Grüll, der nach seiner Heimkehr die Zollwachschule absolvierte.
Der Zollbeamte versah auf der Schanz in Sandl, am Grenzübergang Wullowitz und am Zollamt in Summerau seinen Dienst. Später arbeitete der „Kanzleifuchs“, wie er sich selbst bezeichnet, bis zu seiner Pensionierung 1985 am Zollinspektorat im Schloss Freistadt.


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