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WARTBERG. Sechs Monate dauert der furchtbare Krieg in der Ukraine schon an. Iryna Marschallinger, Wartbergerin mit ukrainischen Wurzeln, im Interview.

Iryna Marschallinger (Foto: privat)
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Tips:Seit einem halben Jahr herrscht Krieg zwischen der Ukraine und Russland. Hätten Sie zu Kriegsbeginn gedacht, dass so lange kein Ende abzusehen ist?

Iryna Marschallinger: Nein, überhaupt nicht. Seit Kriegsbeginn am 24. Februar gehe ich jeden Abend ins Bett mit der Hoffnung, dass der Krieg am nächsten Tag zu Ende ist. Ich weiß noch, als die ersten ukrainischen Vertriebenen in Wartberg eingetroffen sind, hieß es, man werde im September ein Willkommensfest für sie veranstalten. Damals, im März, dachte ich noch, im September wird sicher keiner mehr hier sein, es werden alle schon wieder in die Ukraine zurückgekehrt sein. Aber in meiner Heimat ist noch immer Krieg. Dort gibt es keine Sicherheit, man kann nichts planen. Meine Landsleute versuchen einfach, den Tag zu überstehen und am Leben zu bleiben. Auch ich selbst fühle mich nicht mehr sicher in dieser Welt, obwohl ich in Österreich bin.

Tips:Haben Sie persönlich denn Verwandte oder Freunde im Krieg verloren?

Marschallinger: Nein, zum Glück nicht, aber einige Freunde von mir haben Familienmitglieder verloren. Allein mehr als 600 ukrainische Kinder sind in diesem Krieg schon getötet worden, das muss man sich mal vorstellen! Es ist einfach schrecklich.

Tips:Lebt Ihre Familie nach wie vor in der Ukraine?

Marschallinger: Meine Mutter, sie ist 59, ist geflüchtet und wohnt seit Anfang März bei meinem Mann und mir in Wartberg. Ich stamme aus der Nähe von Odessa, und meine Mutter wollte wegen der angespannten Lage dort nicht mehr bleiben. In einem privat organisierten Deutschkurs in Wartberg lernt sie Deutsch. Das ist in ihrem Alter zwar mühsam, aber sie gibt nicht auf. Mein Vater war für zwei Wochen bei uns, um sich zu erholen und mal auszuschlafen, ohne Angst vor Raketen und Bomben haben zu müssen. Aus familiären Gründen musste und wollte er aber wieder zurück in die Ukraine. Er wohnt nur ein paar Minuten vom Schwarzen Meer entfernt. Als Ex-Militär hätte er die Ausbildung, die Erfahrung und den Willen zu kämpfen, aber nachdem er schon 61 Jahre alt ist, darf er nicht mehr. Meine Mutter und ich machen uns große Sorgen um meinen Vater, wir stehen täglich mit ihm in Kontakt. Am 24. August, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag, gab es zum Beispiel insgesamt acht Stunden Luftalarm in Odessa, hat mir mein Vater erzählt. Unvorstellbar! Mit meinen anderen Verwandten und den Freunden in der Ukraine stehe ich über Social Media in Kontakt. Meine Oma ist 82 Jahre alt, und meine Mutter fragt jeden Tag nach, wie es ihr geht.

Tips: Ist der Krieg schon zur neuen Normalität geworden?

Marschallinger:Man gewöhnt sich in gewisser Weise daran. Die Ukrainer im Westen, in Europa, empfinden aber schreckliche Schuldgefühle. Physisch geht es einem gut, man ist in Sicherheit, aber seelisch ist es eine Katastrophe. Ich persönlich mag mich über nichts so richtig freuen, denn daheim ist Krieg. Man erlaubt sich selbst nicht, Freude zu spüren, wenn in der Ukraine die Landsleute sterben. Trotzdem geht das Leben weiter.

Tips: Wie engagieren Sie sich für die Vertriebenen in Wartberg?

Marschallinger:Ich dolmetsche bei Arztbesuchen und helfe oder erkläre je nach Bedarf. Kürzlich habe ich eine Ukrainerin beim Wandertag in Wartberg begleitet. Wenn wir Ausflüge unternehmen, biete ich meinen Landsleuten oft an, uns zu begleiten, damit sie ein bisschen was vom schönen Österreich sehen.

Tips:Hält die große Gastfreundschaft der Österreicher gegenüber den ukrainischen Vertriebenen an?

Marschallinger: Die Hilfsbereitschaft der Österreicher war und ist unglaublich, so viele haben gespendet und wollten ukrainische Familien aufnehmen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob jeder durchdacht hat, was es bedeutet, auf längere Zeit mit völlig Fremden, die noch dazu eine andere Sprache sprechen, im Haus zusammen zu leben. Ich kann verstehen, dass es da manchmal zu Konflikten kommt, auch wenn die kulturellen Unterschiede gar nicht so groß sind. Der Bedarf an Unterkünften ist immer noch groß.


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