Hilferuf der Pflegekräfte: „Wir sind ausgebrannt, wir können nicht mehr!“
FREISTADT. Die Pflegekräfte in den Bezirksseniorenheimen und im Klinikum Freistadt pfeifen aus dem letzten Loch. Mit Protestaktionen unter dem Motto „5 nach 12“ rufen sie eindringlich um Hilfe: „Wir sind ausgebrannt, wir können nicht mehr!“

Der Mangel an Pflegekräften war bereits vor Corona ein Problem, aber die Pandemie hat die Lage noch zusätzlich verschärft. Viele Pflegekräfte sind körperlich und emotional am Limit. Die Bediensteten des Bezirksseniorenheims Freistadt haben sich bei der österreichweiten Protestaktion „5 nach 12“ beteiligt, um auf die unzumutbaren Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. „Bei uns ist es nicht 5 nach 12, sondern 15 nach 12. Die Pflege der Bewohner ist aufgrund des Personalmangels und der ständigen Einsparungen der Personalstunden nicht mehr zu schaffen“, steht in einem Schreiben von Pflegekräften des Bezirksseniorenheims Freistadt, das die Tips-Redaktion erreicht hat.
Kaum Zeit für die Bewohner
„Teilweise muss in den Gruppen alleine gearbeitet werden und dann ist es nicht mehr möglich, die Bewohner aus den Betten zu mobilisieren, geschweige denn, sich mit den Bewohnern zu beschäftigen. Wir müssen schauen, dass wir bis Mittag mit der Körperpflege fertig sind und jeder Bewohner sein Frühstück bekommen hat. Es ist für uns sehr schwer, die derzeitige Pflege der Bewohner mit unserem Gewissen zu vereinbaren und auch die Bewohner haben sich so einen Lebensabend nicht verdient“, heißt es in dem Hilferuf. Zwei Wohngruppen im Bezirksseniorenheim Freistadt mussten schon geschlossen werden, weil es an Pflegepersonal mangelt.
Geringschätzung der Arbeit
Die Mutter von Monika Wachlhofer aus Hirschbach ist im Bezirksseniorenheim Freistadt untergebracht. Als Angehörige hat sie Einblick in die Pflegesituation vor Ort: „Zwei Pflegekräfte sind im Nachtdienst für drei Stockwerke und 100 Bewohner verantwortlich. Es liegt auf der Hand, dass die Pflegekräfte frustriert und am Limit sind. Die vermehrten Krankenstände und Kündigungen sprechen eine deutliche Sprache“, so Wachlhofer, die gleichzeitig die Professionalität des Pflegepersonals, das „trotz allem den wertschätzenden und liebevollen Umgang mit den Bewohnern beibehält“ positiv hervorheben möchte. „Meine Mutter ist Bewohnerin und in der letzten Phase der Demenz, sie muss umgelagert, gewickelt, gewaschen, angekleidet, gefüttert und ihr zu trinken gegeben werden. Wenn ich meiner Mutter in ihrem Tempo zu essen gebe, um ein ständiges Verschlucken oder Erbrechen möglichst zu verhindern, benötige ich eine halbe Stunde. Durch Krankenstände ist es schon x-mal vorkommen, dass eine Pflegekraft allein auf der Station war und alleine zehn Bewohner, die in einer ähnlichen Situation sind wie meine Mutter, zu betreuen hatte. Umso mehr bestürzt mich, dass niemand hinter dem Pflegepersonal steht, für es eintritt und kämpft. Das bedeutet eine Geringschätzung der Arbeit und Leistungen, die das Pflegepersonal täglich vollbringt.“
Lage spitzt sich zu
Auch im Klinikum Freistadt spitzt sich die Lage immer mehr zu. Silvia Rentenberger-Enzenebner, Vorsitzende des Angestellten-Betriebsrates, sagt: „Gerade jetzt helfen unsere Mitarbeiter bereichsübergreifend zusammen und arbeiten oftmals über ihre eigenen Grenzen, um unsere Patienten fachgerecht und adäquat versorgen zu können. Nicht erst seit der Pandemie gibt es Personalprobleme, aber durch die Pandemie trat nun eine massive Verschärfung der Problematik ein. Unsere Mitarbeiter sind ausgebrannt, physisch und psychisch, und es fehlen Mitarbeiter an allen Ecken und Enden.“ Durch die von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein angeordnete Impfpflicht in Gesundheitsberufen könnte sich der Pflegenotstand weiter verschärfen. Rentenberger-Enzenebner: „Im Klinikum Freistadt haben wir eine sehr hohe Durchimpfungsrate. Es kann schon sein, dass es durch die Impfpflicht zu Kündigungen kommt, aber ich hoffe es nicht. Denn jeder, der geht, ist einer zu viel.“


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