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WALDVIERTEL. Das Waldviertel hat sich im Laufe der Jahrzehnte einem starken Strukturwandel unterzogen. Wirtschaftliche Glanzzeiten mit florierender Textil- und Glasindustrie, zahlreichen Kleinbetrieben wie Kaufhäusern, Kinos, Mühlen, Gaststätten und Hotels hinterließen eine Landschaft von leer stehenden Gebäuden, die sich in Denkmäler mit ganz eigenem Charme verwandelten.

  1 / 3   An der Grenze zwischen Fratres und Slavonice/Zlabings lädt ein 2009 initiiertes Kunstprojekt von Iris Andraschek und Hubert Lobnig zum Nachdenken ein.

Gemeinsam mit dem Fotografen János Kalmár haben die Autoren Reinhard Linke und Christoph Mayer einen beeindruckenden Bildband über das „verschwundene Waldviertel“ herausgebracht. Interessante geschichtliche Hintergründe, Zahlen und Fakten, stimmungsvolle Fotografien gepaart mit einem ganz subtilen Charme für Erinnerungen an längst vergangene Zeiten.

Liebevoller Streifzug durch die Geschichte des Waldviertels

Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von der Digitalisierung. Analoge Werte fanden ihre Umwandlung in digitale Formate, die eine neue Welt mit enormen Wachstumschancen boten. Die Schattenseiten offenbaren sich nun in der Waldviertler Landschaft, die einst geprägt war von seiner Textilindustrie - der Stolz des Waldviertels - in der Tausende Arbeiter sichere Beschäftigung fanden.

Erinnerung an die „Gute, alte Zeit“

Kenner des Waldviertels werden bei der Betrachtung der bemerkenswerten Fotografien ins Schwelgen kommen. Längst vergangene Zeiten werden unweigerlich ins Gedächtnis gerufen, Orte und Begegnungen mit einem nostalgischen Gefühl ummantelt. Und ja, man wird sich auch bewusst, was man alles verloren hat - was verschwunden ist. Der kleine Greißler um die Ecke, bei dem man sich an heißen Sommertagen ein leckeres Eis geholt hat, das eindrucksvolle Kino mit seinen herrlich kühlen Steinmauern, in dem man sich seinen ersten Hollywood-Blockbuster ansehen durfte oder das alte verfallene Gebäude, wild überwuchert von Efeu und wildem Wein, in dem einst ein engagierter Familienbetrieb die Ortsbewohner kulinarisch verwöhnte.

Der harte Blick in die Gegenwart ist anders: Verlassene, verfallende Gebäude, die teilweise nach wie vor zum Verkauf stehen. Einladend sind die bröckelnden Fassaden weniger - eher zeigen sich die verlassenen Baudenkmäler in ungeahnter Schönheit nur noch dem Betrachter mit verklärtem Blick, dem künstlerischen Auge des Fotografen.

Perfekt untermalt von interessanten geschichtlichen Hintergründen, Aussagen von Zeitzeugen und der einen oder anderen Anekdote schaffen es die beiden Autoren, die ganz eigene Schönheit dieser geschichtsträchtigen Relikte zu offenbaren.

Zum Waldviertel und seine Zukunftsaussichten sei an dieser Stelle Regionalberater Josef Wallenberger zitiert: „Hören wir auf zu jammern und tun wir etwas.“

Mit einem letzten Blick auf durchaus positive Aspekte des „Verschwindens“ schließt der Bildband auch: dem Wegfall der Grenze am nördlichen Rand des Waldviertels.

Mein ganz persönliches Fazit

Als gebürtige Waldviertlerin sind mir die meisten Orte ein Begriff. Viele Gebäude und Geschäftslokale kenne ich noch aus „rosigeren Zeiten“, als die Menschen vor Ort kauften und die heimische Wirtschaft stabil schien. Insofern bot mir das Buch „Verschwundenes Waldviertel“ einen nostalgischen Ausflug in meine Kindheit. Doch gerade auch ortsunkundigen Menschen möchte ich das Werk ans Herz legen. Zeigt es doch auf ganz besonders einfühlsame Art einen sehr vertrauten Einblick in das oft als „geheimnisvoll und sagenumwoben“ betitelte Waldviertel.

Das 140-seitige Werk ist erschienen im Verlag Winkler-Hermaden und um 24,90 Euro im Buchhandel erhältlich.


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