Räuchern als Akt der Besinnung, Achtsamkeit und Reinigung
BEZIRK. Das Räuchern hat bis heute nichts an seiner Faszination und Mystik eingebüßt. Mit der bekannten Waldviertler Kräuterpädadogin Eunike Grahofer macht sich Tips auf die Spuren alter Bräuche und Rituale rund um die mystische Räucherkunde.

Räucherzeremonien wurden schon von den Urvölkern Europas verwendet. Einerseits wurde bei religiösen Zeremonien geräuchert, andererseits war es ein wichtiges Hilfsmittel bei Epidemien. Zogen schwere Krankheiten durchs Land, räucherte man die Häuser mit Nadelbaumharzen und Wacholder aus, um sie fern zu halten. Was im erste Moment etwas fremdartig klingt, machte – die damaligen Hilfsmittel betrachtend – durchaus Sinn.
Tips: Was ist das Besondere am Räuchern?
Eunike Grahofer: Beim Räuchern nutzen wir die ätherischen Öle der Pflanzen. Wir legen Harze oder Pflanzenteile auf eine Wärmequelle um deren ätherische Öle herauszulösen und in die Luft zu bringen. Die ätherischen Öle der Pflanzen enthalten unterschiedliche Wirkstoffe. Räuchern wir etwa Zweige und Beeren (Zapfen) des echten Wacholderstrauches, lösen sich muskelentspannende, wärmende und desinfizierende ätherische Öle der Pflanzenteile in die Luft. Dort reinigen sie einerseits bei Krankheit die Luft, andererseits gelangen diese ätherischen Öle über Haut und Atmung in den Körper, wo sie auch ihren Inhaltsstoffen entsprechend wirken. Am Beispiel des Wacholders entspannen diese unseren Körper, wir fühlen uns „wärmer“ und er schützt vor Viren und Bakterien.
Tips: Welche nostalgischen Erinnerungen verbinden Sie mit dem Rächeritual?
Eunike Grahofer: Wenn wir als Familie - meine Eltern samt uns sechs Kindern - die Großmutter im idyllischen Mariazellertal besuchen fuhren, ging diese vorab zur Leit`n (zum Berghang) gleich beim Haus und pflückte sich einen Wacholderzweig mit Beeren darauf. Die Beeren quetschte meine Großmutter mit den Fingern etwas auf und legte sie samt Ast auf den hinteren Rand des alten Holzofens. So lösten sich die ätherischen Öle des Wacholders gut heraus. Bis wir die weite Reise zurückgelegt hatten, duftete die ganze Stube bereits herrlich nach Wacholder. Wir Kinder stürmten dann vor Freude in die Stube, öffneten den Mund bei den Begrüßungsrufen ganz weit und atmeten dabei diese intensive „Wacholderluft“ ein - ätherische Öle, die muskelentspannend, wärmend und somit auch beruhigend und desinfizierend wirken. So brachte unsere Großmutter mit einem einfachen Trick aus der Natur gleich etwas Ruhe in das Chaos. Entspannende Inhaltsstoffe nutze ich heute noch gerne: Wenn die Tage sehr intensiv sind, lege ich am Abend gerne Wacholderbeeren- und Zweige auf die Räucherlampe oder den Ofen.
Tips: Ein Kraut gegen jedes Zipperlein sozusagen?
Eunike Grahofer: So könnte man es formulieren. Aus dem heutigen Tschechien sind etwa Räucherrituale überliefert, die einem ein herzliches Schmunzeln auf die Lippen zaubern: Eltern ließen kleine Mädchen mit Liebstöckelblätter (Maggikraut) beräuchern, damit sie später auf Burschen möglichst anziehend wirken. So hat jede Pflanze ihre ganz speziellen Wirkstoffe. Ehe der Weihrauch jedermann zugänglich war, wurde zu Weihnachten gerne mit Beifuß, Nadelbaumharz und Wacholder geräuchert. Im Spätherbst wurde aus den zwei bis drei Meter hohen Stielen der Beifußpflanze Besen gebunden. Diese Stiele sind sehr dünn und trotzdem strapazierfähig. Unter dem Jahr wurden die Stube und der Hof mit dem „Röhrlbesen“ - dem Besen aus Birken, Weiden - gesäubert und zu Weihnachten mit dem Beifußbesen. Mit diesem konnte man besonders gut die Ritzen und Fugen auskehren und der Weihnachtsputz sollte ja besonders gründlich erledigt werden. Die Blätter des Beifußes wurden vor dem Besenbinden herunter genommen und zum Räuchern verwendet. Auch diese haben wärmende, desinfizierende ätherische Öle.
Tips: Wie wurde das Räucherritual damals durchgeführt?
Eunike Grahofer: Das klassische Räuchern verlief früher so, dass aus dem Ofen ein glühendes Holzstück oder eine Kohle genommen und das Räucherwerk darauf gelegt wurde. Derjenige, der im Haus das „Sagen“ hatte, wanderte mit der Räucherpfanne durch das Haus und den Stall. Der Partner lief mit dem Weihwasser hinterher und segnete damit mittels Grashalm oder Buchsbaumzweig die geräucherten Tiere und Räume. Zumeist wurde zu Weihnachten geräuchert. Unter dem Jahr eher nur bei Krankheiten, wenn jemand durch Geburt oder Heirat in das Haus kam oder durch Tod oder Heirat aus dem Haus ausgezog, aber auch wenn ein Heim errichtet oder bezogen wurde.


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