"Barrierefreiheit beginnt im Kopf"
BEZIRK GMÜND. Plötzlich ist alles anders: Der Eintritt einer hochgradigen Sehbehinderung oder Blindheit ist ein gravierender Einschnitt in das Leben. Alltagsgewohnheiten müssen tiefgreifend umorganisiert werden. Mit Hilfe neu zu erlernender Strategien und Praktiken ist es aber möglich, zu einer befriedigenden Alltagsbewältigung zu gelangen. Dabei behilflich ist Tanja Berlakowitz von der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs.

Der Verein ist eine der größten Selbsthilfeorganisationen in Österreich. Eigenständigkeit und Unabhängigkeit in der Lebensgestaltung sowie steigende Lebensqualität für alle sehbehinderten und blinden Menschen in Österreich sind dessen erklärten Ziele.
Sehsinn als wichtigstes Sinnessystem des Menschen
Unsere Sinne eröffnen uns unsere Umwelt. Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten ermöglichen eine komplexe Wahrnehmung. „Der Mensch ist ein Augentier“, heißt es oft. Tatsächlich gilt der Sehsinn als der, für unsere bewusste Wahrnehmung, wichtigste Sinn. Unser Auge ist ein Wunderwerk der Natur: Der Sehsinn liefert uns rund 80 Prozent aller Informationen aus der Umwelt, die wir im Gehirn verarbeiten. Wir können etwa 150 Farbtöne aus dem Spektrum des sichtbaren Lichtes unterscheiden und zu einer halben Million Farbempfindungen kombinieren. Wie wichtig die Augen für unser Leben sind, können vermutlich nur diejenigen wirklich begreifen, denen das Augenlicht fehlt.
Tips: Wie kamen Sie zu Ihrer Beratungstätigkeit von sehbeeinträchtigten Menschen und was ist das Schönste an Ihrer Arbeit?
Tanja Berlakowitz: Ich habe Bildungswissenschaft an der Universität Wien studiert und war während meiner Studienzeit bereits als persönliche Assistentin einer blinden Dame tätig. Ich durfte sie im beruflichen und privaten Bereich unterstützen und konnte somit viel Erfahrung als Begleitperson sammeln. Nun arbeite ich für die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs und biete persönliche Beratung für Menschen mit Sehbehinderung hinsichtlich sozialrechtlicher Fragen in Wien und Niederösterreich an. Es ist schön zu sehen, wie Menschen unterschiedlicher Altersgruppen ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben führen. Mit der Bereitschaft Neues zu lernen, den passenden Hilfsmitteln und ein bisschen Motivation lassen sich tolle Erfolge erzielen.
Tips: Wobei sind Sie den Klienten behilflich?
Tanja Berlakowitz: In den Beratungsgesprächen orientiere ich mich an den individuellen Bedürfnissen der Klienten. Ich berate und unterstütze zum Beispiel beim Einreichen von diagnosebezogenem Pflegegeld, Behindertenpass oder Parkausweis. Darüber hinaus informiere ich über mögliche Vergünstigungen, Rehabilitationsmaßnahmen und Hilfsmittel und gebe Tipps für den Alltag. Einige Hilfsmittel können direkt vor Ort ausprobiert und gekauft werden. Eine Erstberatung dauert in der Regel zirka zwei Stunden. Einen Termin können natürlich auch Angehörige in Anspruch nehmen. Das Beratungsangebot ist kostenlos und wird sehr gut angenommen.
Tips: Können Sie die Brailleschrift selber lesen?
Tanja Berlakowitz: Nein, jedoch werden in unserer Zentrale in Wien regelmäßig Kurse im Erlernen der Blindenschrift angeboten.
Tips: Wie kommen Sie persönlich mit den Schicksalen der Klienten zurecht?
Tanja Berlakowitz: Ich konzentriere mich auf die positiven Aspekte und die vielen Möglichkeiten, die unser Beratungsangebot unseren Klienten eröffnet. Es freut mich immer sehr, wenn Menschen gestärkt aus der Beratung gehen.
Tips: Hat sich das allgemeine Bewusstsein der Menschen und Umgebung für beeinträchtigte Menschen im Laufe der Jahre verbessert?
Tanja Berlakowitz: Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs hat sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse, aber auch Fähigkeiten von Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit aufmerksam zu machen. In Form von Beratungen, Sensibilisierungsworkshops, Vorträgen und Praxisschulungen leisten wir Aufklärungsarbeit in verschiedensten öffentlichen Einrichtungen, wie etwa Krankenhäusern, Schulen, Museen oder Schulungseinrichtungen. Das allgemeine Bewusstsein für Menschen mit Beeinträchtigung hat sich im Laufe der Jahre verbessert, es gibt aber noch viel zu tun.
Tips: Thema „Barrierefreiheit“- wo sehen Sie Nachholbedarf im täglichen Leben?
Tanja Berlakowitz: Barrierefreiheit ist mehr als ein sprechender Aufzug oder ein taktiles Leitsystem. Sie beginnt in unseren Köpfen. Barrierefreiheit soll allen Menschen - mit und ohne Behinderung - die uneingeschränkte Nutzung von Dienstleistungen, Einrichtungen und Produkten im täglichen Leben ermöglichen. Ich persönlich sehe den Nachholbedarf unter anderem bei Printprodukten, der Kontrastgestaltung, Glasflächenkennzeichnungen, Sprachausgaben und digitalen Inhalten, wie etwa Webseiten.
Tips: Welche Themen liegen Ihnen im Bezug auf Augengesundheit am Herzen?
Tanja Berlakowitz: Wir sprechen eine klare Empfehlung zur alljährlichen Vorsorgeuntersuchung bei einem niedergelassenen Augenarzt aus. Die Früherkennung von Augenerkrankungen ist enorm wichtig, um bestmögliche Therapieerfolge erzielen zu können.


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