Reportage über ein Vorzeigeprojekt: Was für eine angenehme MahlZeit
GRAFENSCHLAG. Eine Schar von älteren Personen, ein g“schmackiges Menü, ein buntes Nachmittagsprogramm sowie spürbare Lebensfreude – das ist zusammengefasst das Projekt MahlZeit!, das das Waldviertler Kernland mit diesem Jahr realisiert hat. Tips durfte einem Mittagstisch in Grafenschlag beiwohnen.

Es ist nun kurz vor zwölf, aber der MahlZeit-Mittagstisch ist bereits gut gefüllt. Der Lärmpegel im Extrazimmer des Gasthauses ist schon von draußen zu vernehmen. „Ja wie man sieht, die Leute kommen sofort ins Gespräch, das ist auch die Wurzel des Projekts – der Austausch. Sich rausreißen aus der Einsamkeit, rausgehen, Freunde und Gleichgesinnte treffen und dabei gemeinsam ein Menü zu genießen“, erläutert Doris Maurer, Geschäftsführerin des Waldviertler Kernlandes, die Hintergründe des Projektes.
Heute steht neben der Tagessuppe ein Cordon Bleu auf dem Programm. Hinterher wartet noch eine Lesung der Ottenschläger Hobbydichter samt Lieder und Gstanzl auf die Senioren. Das Nachmittagsprogramm ist für viele die vordergründige Motivation, am Mittagstisch teilzunehmen. Abwechselnd gibt es Spiele- oder Bastelrunden, verschiedenste Vorträge, Spaziergänge oder einfach nur ein gemütliches Z“ammsitzen und miteinander Plaudern. Die 89-jährige Gerti etwa genießt heute die Anwesenheit in der geselligen Runde, schließlich werde ihr der Tag oft zu lang. Die rüstige Dame zog nach dem zweiten Weltkrieg nach Canterbury (England), um dort die lang ersehnte Arbeit zu finden. Die gelernte Lehrerin fand schließlich eine Anstellung auf einer Obstplantage. 60 Jahre hat sie auf der britischen Insel gelebt, um vor drei Jahren, nach dem Tod ihres Mannes, zu ihren Waldviertler Wurzeln zurückzukehren. Auf die Frage, ob sie denn die Queen kennengelernt habe, lacht sie: „Die hat mich nie eingeladen, wäre sie zu mir gekommen, hätte sie sicher einen Gugelhupf bekommen!“ Bewundernswert diese unbändige ehrliche Lebensfreude, die Gerti trotz der vielen Erfahrungen und der Kriegsvergangenheit ausstrahlt. Und so hätte wahrscheinlich ein jeder in der Runde seine persönliche Geschichte zu erzählen.
Das Cordon Bleu ist verzehrt, Kaffee und das ein oder andere Achterl wird bestellt. Franz Mayer holt seine Unterlagen hervor, Gerlinde Tiefenbacher packt ihre Gitarre aus. Beide sind Mitglieder der Ottenschläger Hobbydichter, sie versüßen den Nachmittag nun mit Gedichten, Liedern, Gstanzln und Witzen. Die ohnehin heitere Stimmung erlangt ihren Höhepunkt – diese Senioren sind weiß Gott keine Kinder von Traurigkeit!
Wie alles begann
„Eine ältere Dame meinte einmal zu mir, es wäre schön, wenn es diese Initiative schon zu Lebzeiten meiner Eltern gegeben hätte“, sagt Doris Maurer. Diese und ähnliche Rückmeldungen (“es ist vor allem beim Essen schlimm, alleine zu sein“), gepaart mit einer sich auftuenden Förderschiene war schließlich die Initialzündung für den MahlZeit-Mittagstisch, der am 1. Februar im Waldviertler Kernland offiziell startete.
Und die Bilanz ist sehr erfreulich: Bis Ende September verzeichnete man insgesamt 156 Mittagstische, an denen in den 13 Gemeinden 1819 Personen teilnahmen. 21 Gastgeber engagieren sich derzeit ehrenamtlich am Projekt. „Der Seniorenanteil im Kernland liegt bei rund 36 Prozent, das sind umgerechnet an die 6000 Leute über 60 Jahre, Tendenz steigend“, informiert die zuständige Projektleiterin Regine Nestler. Sie steckt viel Herzblut in die MahlZeit-Initiative. Nicht zuletzt deswegen sind die Erwartungen, die man anfangs in das Projekt setzte, wahrscheinlich auch übertroffen worden!


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