Suche


Weitere Angebote

Sociale Medien

Kontakt

WAIZENKIRCHEN. Die Waizenkirchnerin Maria Schlackl ist seit 50 Jahren Mitglied im Orden der Salvatorianerinnen und seit zehn Jahren im Einsatz gegen Menschenhandel.

Maria Schlackl kämpft mit ihrer Initiative gegen Menschenhandel. (Foto: Martin Eder)
Maria Schlackl kämpft mit ihrer Initiative gegen Menschenhandel. (Foto: Martin Eder)

Tips: Wie sind Sie zu Ihrer Arbeit gegen Menschenhandel gekommen?

Maria Schlackl: Global haben sich vor über 20 Jahren Ordensfrauen dazu entschlossen, sich gegen das kriminelle Geschäftsfeld Frauenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung zu engagieren. Wir Salvatorianerinnen, eine internationale Ordensgemeinschaft, sind in diesem Verbund mit dabei und haben vor etwas mehr als zehn Jahren begonnen, uns in Österreich mit der Realität Menschenhandel zu befassen, zu recherchieren und Handlungsansätze zu entwickeln. Denn Menschenhandel ist auch in Österreich grausame Realität. Und weil es sich um ein großes Dunkelfeld handelt, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, sehe ich es als meine Aufgabe, genau das zu tun: den Handel mit der Ware Mensch, insbesondere mit der Ware Frau und Mädchen, ja auch Babys, sichtbar zu machen. In Wien gibt es seit zehn Jahren eine Schutzwohnung und Beratungsstelle für betroffene Frauen, gegründet vom Verein Solwodi (Solidarity with Women in Distress, Solidarität mit Frauen in Not). Die Gründung geschah durch Ordensgemeinschaften, federführend von uns Salvatorianerinnen.

Tips: Was waren Ihre schlimmsten Erlebnisse in diesem Zusammenhang?

Schlackl: Die Erstkontakte mit Frauen, denen es gelang, aus einem Bordell zu flüchten, und jenen, denen es bis heute nicht gelungen ist, ihrer Hölle zu entkommen. Die Überwachung durch Zuhälter löst in den Frauen Todesängste aus und so bleiben sie weiterhin in ihren Fängen. Das ist für mich schwer erträglich, konkrete Frauen zu wissen und ihnen nicht helfen zu können. Weiters das lange Zögern auf politischer Ebene in Österreich, dem Frauenhandel wirksame Maßnahmen entgegenzusetzen. Auf EU-Ebene ist Gott sei Dank nun einiges in Gang in Richtung veränderter Gesetzgebung, um Menschenhandel eindämmen zu können. Der Hauptanteil der gehandelten Ware sind Frauen für die Zwangsprostitution. Den Gewinn machen zahllose Profiteure mit diesem Geschäft, Zuhälter und Menschenhändler. Die Kunden unterstützen mit dem bezahlten Sex ein kriminelles Netzwerk. Den Frauen bleibt meist wenig davon. Erst letzte Woche hatte ich eine weitere schlimme Erfahrung: Ich saß mit zwei Mitarbeiterinnen einer anderen Organisation in einem Kaffeehaus zum Austausch. Eine davon versteht auch perfekt Rumänisch und sie sagte plötzlich, direkt hinter uns sitze ein Zuhälter, getarnt als Loverboy, mit einer jungen Frau und erkläre ihr ihr „neues Geschäft“. Da wurde uns kalt durch und durch und wir konnten letztlich nichts tun in dieser Situation. Was ich damit sagen will: Mitten unter uns findet der ganze Wahnsinn statt und wer sich nicht damit beschäftigt, kann es nicht erkennen.

Tips: Wie sieht die Situation bezüglich Menschenhandel in Österreich, Europa, weltweit aus?

Schlackl: Bedrängend! Menschenhandel ist laut Brigadier Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt in Wien der am stärksten wachsende organisierte und kriminelle Wirtschaftszweig. Das muss uns doch zu denken geben. Dieser Markt kann nur funktionieren, weil die Nachfrage so groß ist. Frauen werden heutzutage hauptsächlich über das Internet bestellt, geliefert, missbraucht. Das Begehren nach immer jüngeren und auch schwangeren Frauen ist groß. Das ist doch abartig. Nach Österreich werden die Frauen hauptsächlich aus Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Nigeria und China verkauft. Oft sind es Familienclans, die ihre eigenen Töchter, Nichten, Cousinen verkaufen; mehr und mehr auch mafiöse Banden.

Tips: Was ist Ihnen an Ihrer Arbeit am wichtigsten?

Schlackl: Das Tabuthema ans Licht und in den öffentlichen Diskurs zu bringen. Nur das Schaffen von Bewusstsein zu dieser furchtbaren Realität inmitten unserer Gesellschaft wird langfristig Veränderung hervorbringen, so meine große Hoffnung. Daher halten Hans Eidenberger und ich Vorträge und Workshops in Pfarren, Vereinen und Schulen. Dass ich schon mehrfach von Studierenden angefragt und eingeladen wurde, sie zu diesem Thema bei ihrer Diplomarbeit zu begleiten, gehört zu den Highlights. Wichtig ist auch, dass ich als Leiterin der Initiative Aktiv gegen Menschenhandel – aktiv für Menschenwürde auch in einem Team von sieben Personen arbeiten kann. Diese Initiative habe ich 2014 in Linz ins Leben gerufen. Jährlich laden wir am Europäischen Tag gegen Menschenhandel zu einer Veranstaltung ein. Heuer findet sie am Mittwoch, 18. Oktober, ab 18.30 Uhr in der Arbeiterkammer OÖ in Linz statt.

Tips: Wie sind Sie zum Orden der Salvatorianerinnen gekommen?

Schlackl: Mein freies, fröhliches Aufwachsen, die erfahrene Geborgenheit, aber auch die weite und vom Evangelium geprägte Lebensweise meiner Eltern waren für mich prägend. Bald habe ich mitbekommen, dass es Kinder gibt, denen es an fast allem fehlt, was zu einem unbeschwerten Aufwachsen beitragen kann. So erwachte in mir ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und ich dachte mir: Wenn es schon so ist, dann möchte ich wenigstens etwas dazu beitragen, dass es andere auch gut haben können. Und das Feiern in der Kirche und in der Familie war für mich immer mit etwas Schönem verbunden; dass das Ganze mit Jesus und seinem Evangelium zu tun hatte, ging mir bald als Kostbarkeit und sinnstiftend auf. Ich bin praktisch in diesen Lebensentwurf hineingewachsen. Und ja, mit 21 Jahren habe ich das erste Mal Ja gesagt, ich will Salvatorianerin werden. Und ich bin es heute, nach 50 Jahren, nach wie vor mit großer Leidenschaft und Begeisterung.


Kommentare sind nur für eingeloggte User verfügbar.

Jetzt anmelden