"Wir brauchen qualifizierte und gute Handwerker"
GRIESKIRCHEN. Franz Pilz leitet die Polytechnische Schule in Grieskirchen und ist stolz auf diesen Schultyp, der einzigartig in ganz Europa sei. Welche Vorteile diese Schule in der Vorbereitung auf eine Lehre hat und warum Handwerker mehr Wertschätzung verdienen, erklärt er im Tips-Gespräch.

Schüler stehen nach dem Absolvieren der Mittelschule vor der Entscheidung, wie es auf ihrem Bildungsweg weitergeht. Manche entscheiden sich dazu, das letzte Jahr ihrer Schulpflicht in der ersten Klasse einer weiterführenden Schule zu verbringen. Dies hält der Leiter der Polytechnischen Schule, Franz Pilz, für einen Fehler, wenn der Schüler die Absicht hat, eine Lehre zu machen. „In diesem Fall ist das Absitzen des letzten Pflichtschuljahres in einer Oberstufe die falsche Entscheidung“, betont der Direktor. Denn: „Wir sind als Poly dafür vorgesehen, dass wir Jugendliche auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereiten“, führt Franz Pilz fort.
Durch einen neuen Lehrplan werde ein noch größeres Augenmerk auf Berufsfindung und Berufsorientierung gelegt, betont Pilz. So gibt es zu Beginn des Schuljahres die Möglichkeit, sich alle Fachbereiche anzusehen. „In der Schuleinstiegsphase wissen viele Schüler noch nicht, was sie machen wollen, ob sie in den technischen, sozialen oder dienstleistenden Bereich gehen wollen“, erklärt Pilz. Schüler der Schule sehen sich alle Segmente an, bevor sie den Rest des Schuljahres ab November in ihrem Fachbereich verbringen. Diesen Prozess bezeichnet Franz Pilz als individuelle Berufsorientierung, die man nur in der Polytechnischen Schule machen könne. „Die Schüler können in den Betrieben draußen schnuppern, sind über die AUVA versichert, das geht in einer Oberstufe nicht“, so der Schulleiter.
Abschlusszeugnis als Vorteil
Einen weiteren Vorteil des Polys gegenüber dem Absitzen des letzten Pflichtschuljahres in einer weiterführenden Schule sieht Pilz beim Abschlusszeugnis. Denn dieses bekommt man an einer Oberstufe nach einem Jahr nicht und sei aber für manche Berufe notwendig. „Ich hatte einen Maturanten bei mir sitzen, der den Poly-Abschluss nachmachen musste, weil dieser im Sozialberuf gefragt war“, erinnert sich Franz Pilz.
Schüleranzahl hat sich mehr als halbiert
Am besten geeignet ist die Polytechnische Schule laut Pilz für all jene, die eine Lehre machen und mit 15 Jahren unabhängig werden möchten. Dass immer weniger junge Menschen eine Lehre anstreben, sei ein eindeutiger Trend, der auch vor dem Poly Grieskirchen nicht haltmacht. So sei im Vergleich zur Schüleranzahl vor zehn Jahren jetzt nur mehr die Hälfte im Poly, spricht Pilz die Veränderungen an. „190 Schüler waren es in meiner Anfangszeit, heuer haben wir nur mehr 80 Schüler“, so Pilz, der in diesem Trend vor allem ein Imagethema sieht.
„Hat sich komplett gedreht“
„Mit lauter Rechtsanwälten und Ärzten werden wir die Gesellschaft nicht aufrecht erhalten können, wir brauchen qualifizierte und gute Handwerker, keinen akademisierten Fliesenleger“, spricht der Schulleiter Klartext und ergänzt: „Nicht nur ein akademischer Titel ist erstrebenswert, sondern auch eine solide fachliche Ausbildung.“ Diese Wertschätzung versuche man in der Polytechnischen Schule zu vermitteln. „Handwerker waren früher sehr angesehen, das hat sich jetzt komplett gedreht“, beklagt der Direktor. Dieser sieht allerdings ein Umdenken kommen, wenn die Rechnungen im technischen Bereich für die Kunden aufgrund eines Mangels steigen. Es gehe Pilz um die gesellschaftliche Anerkennung, wie er erklärt: „Ein Handwerker sollte genauso viel Beachtung erhalten wie ein Akademiker. Jeder hat seine Funktion in der Gesellschaft. Dementsprechend sollte diesen Berufen eine Wertschätzung entgegengebracht werden.“ Das sei früher normal gewesen, so brachte Franz Pilz im Tips-Gespräch das Beispiel des Rauchfangkehrers, der früher eine Uniform mit goldenen Knöpfen trug. Immerhin habe dieser dafür gesorgt, dass Häuser nicht abbrennen. Dieses Bewusstsein fehlt dem Direktor heutzutage da oder dort.
Finanzführerschein für die Schüler
Die Polytechnische Schule bietet den Schülern einen Finanzführerschein, der über die Oberösterreichische Schuldnerhilfe gemacht wird. Dabei lernen die Jugendlichen den richtigen Umgang mit Geld, worauf man beim Einkaufen achten sollte oder warum Geschäfte und deren Produkte so aufgebaut sind, wie sie aufgebaut sind. „Ich lernte selbst auch sehr viel dazu“, erinnert sich Franz Pilz an die letzte Lehrveranstaltung zu diesem Thema, wo er selbst teilnahm. Die Praxis hat im Poly einen hohen Stellenwert, das zeigt sich auch in den sieben Praxiseinheiten pro Woche. „Wurde schon vor 2000Jahren gesagt“ Dem häufig genannten Vorwurf, dass die Jugend nicht mehr arbeiten wolle und faul sei, entgegnet Pilz: „Das wurde schon vor 2000 Jahren gesagt, Sokrates hat das auch schon behauptet. Es ist nun mal ein schwieriges Alter für alle Beteiligten.“ Man müsse ein wenig Nachsicht üben, die Zeit bringe immer Veränderungen mit sich, erklärt der Direktor abschließend.


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