Das Almtal ganz im Zeichen von „Fressen und gefressen werden“
GRÜNAU. Mit dem „Biologicum Almtal“ hat Professor Kurt Kotrschal vor drei Jahren ein disziplinübergreifendes Symposium im Almtal etabliert. Heuer diskutieren Biologen, Philosophen und Mathematiker über „Fressen und gefressen werden“. Es bleibt aber auch Zeit für einen Blick in die Almtaler Kochtöpfe, verspricht Kotrschal.

Tips: Das diesjährige Thema lautet „Fressen und gefressen werden“ – warum wurde ausgerechnet dieses Thema gewählt?
Kotrschal: Weil es eines der wichtigsten Themen im Leben ist. Von Anbeginn der Stammesgeschichte ging es vor allem darum Nahrung zu finden und dabei selber nicht erbeutet zu werden. Dies setzte Selektionsmechanismen in Gang, die letztlich alle Organismen auf dieser Welt bis ins Detail formten. Das gemeinsame Jagen, die gemeinsame Verteidigung gegen Fressfeinde, führte schließlich zu jenen komplexen Formen der Kooperation und Konkurrenz, wie wir sie etwa von Wölfen und Menschen kennen, wie sie in Gesellschaft und Wirtschaft allgegenwärtig sind. Schließlich wurde Nahrung und Essen symbolisch hoch aufgeladen, erlangte spirituelle und soziale Bedeutung und ist heute mehr denn je – und in einer Vielzahl von Facetten – Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses.
Tips: Mit welchen Fragen werden sich die eingeladenen Wissenschaftler beschäftigen?
Kotrschal: Die Ernährung war immer schon bestimmend für Körperbau und Wesen der Organismen. Das gilt auch – und ganz besonders – für die Menschen. Walter Arnold und ich werden als Biologen daher die evolutionäre Geschichte und die biologische Anpassungen behandeln, der Philosoph Robert Pfaller wird über Ernährung zwischen Genuss und Pflichterfüllung nachdenken und der Ethiker Herwig Grimm wird aus dem Blickwinkel der Verantwortung darüber referieren, was wir essen sollen/dürfen. Der Mathematiker Karl Sigmund fokussiert aus dem Blickwinkel der Spieltheorie auf die menschliche Kooperationsbereitschaft – nicht zuletzt ein Kind des sozialen Nahrungserwerbs. Und schließlich stellt Hannelore Daniel die Ernährung in das Spannungsfeld von Genuss, Convenience und Gesundheit. Für „praktische Übungen“ in Sachen Ernährung ist übrigens in den Pausen und im Zuge der Exkursionen im Almtal vielfach gesorgt.
Tips: Stimmt die Behauptung, man ist, was man isst?
Kotrschal: Immer schon. Bereits vor 650 Millionen Jahren wurden die wurmförmigen, kieferlosen Vorfahren der Wirbeltiere durch ihre filtrierende Lebensweise geprägt. Seit es echte Kiefer gibt, gestalten die Räuber-Beute-Beziehungen Körperbau, Verhalten und Gehirnleistungen der Tiere. Und beim Symboltier Mensch steht Essen nicht nur mit der reinen Ernährung in Zusammenhang, sondern wurde zum sozialen Ritual, in dem Traditionen, Spiritualität, Gruppenzugehörigkeit, Status, Gesundheit, political correctness, Nachhaltigkeit, etc. wichtige Rollen spielen. Der individuelle Zugang zur Ernährung ist Ausdruck der persönlichen Einstellung. Man ist also nicht nur, was man isst, wie einst der Philosoph Ludwig Feuernbach meinte, man isst vielmehr auch, was man ist.
Tips: Muss ich als Teilnehmer Vorwissen mitbringen oder kann jeder, der neugierig ist auf das Thema, teilnehmen?
Kotrschal: Menschen ohne Vorerfahrungen und Wissen auf diesem Gebiet gibt es nicht. Daher sollten alle kommen, die auf eine unkonventionelle Sicht aus der Perspektive der modernen Wissenschaften neugierig sind. Wie beim Essen auch, kommt Genuss aus der harmonischen Vielfalt und Abwechslung. Nicht nur die Vortragenden bringen verschiedene Blickwinkel mit. Beim Biologicum entsteht der geistige Genuss auch aus der Interaktion mit den Teilnehmern. Auch das körperliche Wohl wird nicht zu kurz kommen, sowohl vor Ort, als auch in der Praxis einschlägig orientierter Exkursionen.
Frage: Geht es um unsere derzeitigen Ernährungsgewohnheiten?
Kotrschal: Darauf liegt einer der Schwerpunkte, allerdings weniger aus der Perspektive der Kochrezepte und des Ratgebertums, sondern aus dem Blickwinkel der führenden Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel, des ob seiner unkonventionellen Reflexionen angesehenen Philosophen Robert Pfaller und einer der führenden Ethiker auf dem Gebiet der Mensch-Tierbeziehung, Herwig Grimm. Die Exkursionen werden Gelegenheit für den Blick in die Kochtöpfe des Almtals geben.
Das bereits 3. Biologicum Almtal findet von 6. bis 9. Oktober im Veranstaltungszentrum des Pfarrhofs Grünau statt. Infos: www.biologicum-almtal.at


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