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BEZIRK HORN. Unter Polypharmazie, auch als Multipharmazie bezeichnet, versteht man die gleichzeitige Verordnung von mehreren Medikamenten pro Person. Die Zahl der Menschen, die mehr als fünf Medikamente einnehmen, steigt. 60.000 Versicherte der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK) nahmen im Oktober 2014 mehr als fünf Wirkstoffe ein. Oft sind Neben- oder Wechselwirkungen die Folgen dieser Polypharmazie, also dem gleichzeitigen Gebrauch mehrerer Medikamente.
 

(V.l.) Direktor-Stellvertreter Martina Amler (NÖGKK), Robert Sauermann (HV), Dietmar Baumgartner (ÄK), Gerhard Hutter, Michaela Stitz (beide NÖGKK) *Foto:NÖGKK
NÖGKK und Ärztekammer Niederösterreich starteten im Rahmen einer Pressekonferenz gemeinsam mit den anderen niederösterreichischen Krankenversicherungsträgern die große Informationskampagne „Vorsicht Wechselwirkung“. Damit soll das Ausmaß der Polypharmazie in Niederösterreich verringert und so die medikamentöse Behandlungsqualität optimiert werden.   Vor allem chronisch kranke oder ältere Patienten betroffen Polypharmazie findet man verstärkt bei chronisch kranken oder älteren Menschen, bei denen mehrere Krankheiten gleichzeitig diagnostiziert werden. Das Risiko für Wechselwirkungen steigt mit der Zahl der eingenommenen Medikamente. Bei zwei Medikamenten beträgt die Wahrscheinlichkeit für Wechselwirkungen sechs Prozent, bei acht Medikamenten gar 100 Prozent. „Die Wirkung des einen Medikaments kann Einfluss auf den Effekt des anderen haben“, erklärt NÖGKK-Obmann Gerhard Hutter. „Statt Gutes zu bewirken, können Tabletten und Tropfen dann zu gesundheitlichen Problemen führen.“ Da mit der Anzahl der verordneten Medikamente die Therapietreue sinkt, kann Polypharmazie zu einer Unterversorgung führen. „Wir wissen nicht, ob Patienten die verordneten und auch in der Apotheke abgeholten Medikamente wirklich einnehmen beziehungsweise ob die Dosierung eingehalten wird“, sagt Dietmar Baumgartner, Kurienobmann der Niedergelassenen Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer Niederösterreich. Bei mehr als sechs Medikamenten nehmen laut Studien nur noch 20 Prozent der Menschen alle Medikamente richtig ein.   „Polypharmazie ist seit langem ein bekanntes Problem. Dennoch sind alle Bemühungen, sie in Grenzen zu halten nicht immer möglich. Vor allem bei hochbetagten multimorbiden, also bei mehrfach erkrankten Patienten müssen wir dann versuchen, ein Optimum an Lebensqualität zu erreichen“, so Baumgartner. In Österreich werden rund 695.000 Menschen mehr als fünf Wirkstoffe im Quartal verschrieben. 376.500 bei der NÖGKK versicherte Patienten erhielten im Oktober 2014 mindestens ein Medikament. 60.000 davon nahmen mehr als fünf Wirkstoffe zu sich (Fast 42.000 oder 70 Prozent waren älter als 65). Knapp 49.000 nahmen zwischen sechs und zehn Wirkstoffe ein, 9.800 Patienten wurden zwischen elf und 15 Wirkstoffe verschrieben, 1.200 zwischen 16 und 20. Der Spitzenwert lag bei 73. 1,2 Millionen Euro pro Tag für Medikamente „Jeder Patient wird bestmöglich versorgt und enthält die Behandlung, die für sie oder ihn am besten ist“, sagt Hutter. Die NÖGKK gab 2013 insgesamt 441 Millionen Euro für Heilmittel aus. Das waren 1,2 Millionen Euro pro Kalendertag. Hutter stellt fest, dass es der Krankenkasse bei dieser Kampagne nicht darum gehe, Medikamentenkosten einzusparen. „Es gilt vielmehr, die Betroffenen vor möglichen Schäden zu bewahren und die zu Verfügung stehenden Ressourcen nützlich einzusetzen.“ Die Hausärzte seien in jedem Fall die richtigen Ansprechpartner, so der NÖGKK-Obmann. Auch Baumgartner appelliert an die Therapietreue und den ständigen Kontakt zu den Fachleuten: „Sollte ein Patient eine andere Dosierung wünschen oder das Medikament gar nicht einnehmen wollen, muss dies unbedingt mit dem Arzt des Vertrauens besprochen werden. Auf keinen Fall sollten Patienten ein Medikament aus der Apotheke holen und dem Arzt die Einnahme vorspielen.“   Die neue Informationskampagne von NÖGKK und Ärztekammer NÖ setzt auf zwei Adressatengruppen und wendet sich sowohl an die Patienten als auch an die Ärzteschaft. Es wurden unterschiedliche Folder und eine Ärzteunterlage aufgelegt. „Viele Patienten mit mehreren Medikamenten sind verunsichert, scheuen aber davor zurück, genauer nachzufragen“, erklärt der stellvertretende Leiter der Abteilung „Vertragspartner Medikamente“ im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, Robert Sauermann. „Durch die Kampagne sollen die Patienten ermuntert und darin bestärkt werden, alle Fragen und Unsicherheiten betreffend Medikamente, Hausmittel oder Nahrungsergänzungsmittel gegenüber ihren Ärzten ganz offen anzusprechen. Denn ein offenes Gespräch ist die Ausgangsbasis, um ein optimales individuelles Therapieschema zu erreichen, das auch eingehalten wird“, sagt Sauermann.  Informationsmaterial ist im NÖGKK-Service-Center Horn und bei Ärzten im Bezirk kostenlos erhältlich. Es kann selbstverständlich auch über www.noegkk.at bezogen werden.

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