Bio-Landwirtschaft: Wenn guter Boden vor Ertrag steht
INZERSDORF-GETZERSDORF. Vor 24 Jahren hat Reinhard Engelhart mit seiner Frau Anna den Bauernhof seiner Schwiegereltern übernommen. Schritt für Schritt ging es in Richtung Biobetrieb. Tips besuchte den engagierten Landwirt auf seinem Hof, dem „Grünen Engel“.

Erdäpfel und Kürbisse vor dem Hoftor, ein idyllischer Innenhof mit Hofladen, Teich und gemütlichen Sitzplatzerln – es ist nicht zu übersehen, dass auf dem Biohof „Grüner Engel“ mit Herz gewirtschaftet wird. „Eigentlich war es nicht meine Lebensplanung, Bauer zu werden“, erinnert sich Reinhard Engelhart, der beim Studium an der Universität für Bodenkultur seine Frau kennenlernte. 1993 übernahmen sie den Hof der Schwiegereltern. „Da war es für mich von Anfang an klar, dass ich als Bauer biologisch wirtschaften möchte. Das ist für mich die zukunftsträchtigste Form der Landwirtschaft“, unterstreicht Engelhart.
Schauergeschichten
2000 stellte er den Betrieb auf Bio ohne Tierhaltung um. Zu Beginn spezialisierte sich der Inzersdorfer auf Spargel in Direktvermarktung. „Ich musste Schritt für Schritt Erfahrungen sammeln. Es kursierten damals viele Schauergeschichten über Bio-Landwirtschaft. Da musste man auch Ängste überwinden. Aber die Umstellung auf Bio war eine Entscheidung, die bis heute kein Familienmitglied bereut“, betont Engelhart. Auch der Schwiegervater sei begeistert. Das älteste von drei Kindern, Engelharts Tochter, soll den Betrieb übernehmen.
Spargel, Kürbis oder Kartoffeln
Mittlerweile verkauft Engelhart abgesehen von Grünspargel im Frühling Speisekürbis, Kartoffeln oder etwa Kürbiskernöl im Hofladen. Eine kleine Sanddornkultur wird von der Tochter betreut. Und im Winter gibt es je nach Jahr Nüsse. „Wir versorgen vorwiegend Altersheime und Großküchen in der Region. Mit unserem Selbstbedienungs-Hofladen sind wir vor Ort präsent“, so Engelhart.
Extreme Wetterkapriolen
Als Herausforderungen in der Bio-Landwirtschaft sieht der Inzersdorfer vor allem die klimatische Veränderung. „Die Wetterkapriolen haben sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, alles wurde extremer. Spätfröste, Trockenheit im Juni – da kann man als Biobauer nicht mehr reagieren. Es braucht hier auch seitens der Kunden großes Verständnis, wenn eine Bestellung aufgegeben wird und dann nicht erledigt werden kann, da das Wetter nicht mitspielt“, erklärt Engelhart.
Nachfrage nach Bio ist groß
Eine weitere Herausforderung: die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln sei derzeit so groß, dass man als Biobauer mit dem Angebot nicht nachkomme. „Die Schwierigkeit ist hier, das biologische Arbeiten in Einklang mit der Nachfrage zu bringen. Man muss auch einmal sagen können: den Anfragen kann ich nicht hundertprozentig nachkommen“, so der Biobauer, der auch die wachsende Bürokratie kritisiert. „Biologische Wirtschaftsweise ohne Kontrolle ist nicht möglich – das verstehe ich. Aber man kann es mit den Auflagen auch übertreiben“.
„Sechsschlägige Fruchtfolge“
Dennoch kein Grund für Engelhart, die Flinte ins Korn zu werfen. Auf 26 Hektar baut er in „sechsschlägiger“ Fruchtfolge an. „Zweimal Luzerne, dann Weizen, dann Kartoffeln oder Kürbis, danach Getreide und danach Kürbis oder Luzerne – je nach Bodengüte“, erklärt Engelhart den Ablauf. Luzerne diene zur Bodenverbesserung. „Sie bindet den Stickstoff aus der Luft und kann sehr tief und kräftig durchwurzeln. Das löst Bodenverdichtungen auf. Auch Un- beziehungsweise Beikraut ist durch den Anbau von Luzerne kein Thema.“, so der Biobauer.
Permakultur
Engelhart hat sich dem Konzept der „Permakultur“ verschrieben. „Dabei geht es darum, so zu wirtschaften, dass man möglichst unabhängig ist und auch in gesellschaftlichen Krisenzeiten die Lebensmittelversorgung aufrechterhalten kann. Zudem soll die Fruchtbarkeit der Böden vor dem Ertrag stehen. Im Verkauf trachtet man danach, regionale Kreisläufe zu schließen. Beim Saatgut sind samenfeste Sorten von Bedeutung“, erklärt Engelhart.
Tiefe Verbindung mit der Natur
Anregungen für eine tiefere Verbindung mit der Natur holt sich der Biobauer aus Peru. „Ich glaube schon, dass Biobauern wieder mehr Gespür für die Natur bekommen, aber im Vergleich zu anderen Kulturen haben wir noch viel zu lernen“, betont Engelhart seine „Sehnsucht, tiefer in Naturzusammenhänge einzutauchen“. Auf seinem Hof hält er immer wieder Feuerrituale ab – aus Dankbarkeit der Natur gegenüber. Auch mit peruanischen Bauern ist er in Kontakt. Für Februar ist eine Reise nach Südamerika angedacht. „Die Bauern dort leben die Prinzipien der Permakultur. Das ist einfach faszinierend für mich“, betont Engelhart abschließend.


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