Gin ist in: In Altpernstein werden authentische handwerkliche Produkte mit reinem Gewissen erzeugt
MICHELDORF IN OÖ. Gin ist nach wie vor in, pur oder als Longdrink mit Tonic. Der Wacholderschnaps englischen Ursprungs wird neben einer Vielzahl anderer Spirituosen in einer formidablen Brennerei in Altpernstein (Marktgemeinde Micheldorf) erzeugt. Das Ergebnis ist ein Erlebnis.

Was 2015 mit einer Idee begann, entwickelte sich rasch zu einem akkuraten Unternehmen, das, wie die Inhaber Roman Winter und Reinhold Häußer betonen, auch noch über ein „reines Gewissen“ verfügt. Begonnen hat alles mit ihrer Liebe zum Gin. Sie hätten sich gemeinsam umgesehen, erzählt Roman Winter und viele verschiedene Gin Marken kennen gelernt, verkostet und den Geschmack konditioniert. Schnell war klar: „Das müssen wir selber versuchen“, allerdings mit dem Ehrgeiz, einen Gin mit 50 vol. Prozent zu kreieren. „So etwas gab es nämlich damals kaum“, erklärt Brennspezialist Reinhold Häußer. „Wir hatten sehr konkrete Vorstellungen, wie unser Gin schmecken muss“, meint er und ein Blick ins Archiv, wo sich zahlreiche Fläschchen mit den Versuchsreihen tummeln, ist der beste Beweis dafür.
Gin mit nur vier Botanicals
Entwickelt haben die Unternehmer den „årg High Dry Gin“ zusammen. Begonnen haben sie mit 17 Botanicals wie die Zusatzstoffe, die dem Gin den Geschmack verleihen, genannt werden. Das jetzige Ergebnis ist allerdings komplett anders, nämlich ein Gin, der mit deutlich weniger Aromen auskommt und trotzdem eine Geschmackexplosion erzeugt. Wacholder, Koriander, Melisse und Speik sind die einzigen aromatischen Zutaten. „Die Kunst ist es, die Aromen ins Destillat zu bringen, wenn das gelingt, braucht es keine weiteren Botanicals. Außerdem wollten wir lokale und keine importierten Zutaten“, erklärt Reinhold Häußer. Das Ergebnis ist ein Destillat mit deutlicher Wacholdernote, frischen Zitrusaromen, enormer Tiefe und einem Hauch Schärfe.
Relevante Trinktemperatur
Der Erfolg gibt den bescheidenen Geschäftsführern recht: Auf Anhieb schaffte es ihr årg Gin zur Silbermedaille bei Europas größtem Kontest für Craft Spirits (Anm.: einem Bewerb für handwerklich produzierte Spirituosen) in Berlin. „Wirklich årg“, lacht Roman und bedient sich des gängigen Wortes in der Mundart welches nicht nur ein Superlativ ausdrückt und sondern auch Namensbestandteil ihres Gins ist. „18-20 Grad sollte der Gin pur als Trinktemperatur haben, gerne auch mit Tonic gemischt, aber bitte immer ohne Gemüsebeilage (Anm: damit ist der Verzicht auf eine Scheibe Gurke oder ähnlichem im Getränk gemeint)“, sind sich die beiden Herren einig. Um alle Nuancen zu spüren, sollte die Spirituose pur genossen werden und natürlich ohne Eis, auch wenn es dann im Glas nicht so schön klirrt.
Gewissenhafter Umgang
Was es mit dem Reinen Gewissen auf sich hat? Immerhin trägt das Unternehmen diesen Namen im Firmenwortlaut. „Wir erzeugen Spirituosen und appellieren auch an einen gewissenhaften Umgang damit. Alles was wir tun, wird von uns hinterfragt, wir stehen für hohe Qualität, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein und machen unsere Arbeit mit reinem Gewissen“, erklären die Geschäftsführer unisono ihre Philosophie. Nomen est omen, denn genau das spiegelt sich auch in den Produkten und der Haltung von Reinhold Häußer und Roman Winter wieder.
Können, Wissen und Geduld
Gebrannt wird ihr Gin vor Ort in einer neuen Brennerei, bei der ebenfalls keine Kompromisse eingegangen wurden. Seit die zwei Unternehmer mit dem Brennen begonnen haben, reizen sie auch Obst- und Beerensorten. Ein unglaublicher Arbeitsaufwand steckt dahinter um beispielsweise genügend Vogelbeeren zu sammeln aus denen sich am Ende nur einige Liter reines Destillat herstellen lassen. Alte Apfelsorten, Mispeln, Kriecherl und Dirndlkirschen interessieren die beiden genauso und spiegeln ihre Wertschätzung der Regionalität wieder. Es gehört Können, Wissen und Geduld dazu aus diesen Rohstoffen Spirituosen zu erzeugen, die die Natur abbilden und dabei keineswegs langweilig sind.
Getreidebrände und Whisky
Neben dem zurecht gehypten Gin und den edlen sortenreinen Obstspirituosen runden der „Pernstoana“ ein geschmackintensiver Kräuterbitter (ohne Zucker), die „årge Biene“, ein einzigartiger Honiglikör mit Gin der dank eines enormen Filteraufwandes zum sämigen Goldtropfen wird und der „Selleriegeist“, ein hipper Gemüsebrand, den man mag oder auch nicht, das Sortiment ab. Jährlich sollen zwei neue Spirituosen kreiert werden, so das ambitionierte Ziel, „weil es sonst langweilig wird“, plaudert Reinhold Häußer über sein Tun. Die Kunden können sich jedenfalls auf ein breites Sortiment mit handwerklich authentischen Produkten freuen. Das nächste große Thema der Brennerei sind Getreidebrände, 2022 starteten sie mit der Verarbeitung von Malzen zu Whisky und Lagerkornbränden. Erste Fässer sind bereits gefüllt und reifen vor sich hin. Auch die Verarbeitung von Zuckerrüben sowie die Erweiterung des Sortiments um Absinth und Ingwergeist stehen auf der Agenda. Freuen darf man sich, wenn es von den wunderbaren Rezepten erste Proben zum Verkosten gibt.
Vielschichtige Einsatzmöglichkeiten
Edelbrände und Destillate sind geniale Menübegleiter und können beim Kochen oder als Essensbegleiter den Aromen der Speisen mehr Tiefe verleihen oder Außergewöhnliches hervorkitzeln. Bei experimentierfreudigen Köchen und innovativen Bars ist das Wissen, dass sich die Spirituosen nicht nur zum puren Genuss eignen, sondern auch zum Verfeinern von Speisen und Getränken dienen bereits spürbar. „Offen sein und einfach ausprobieren“, so der Appell, um die vielschichtigen Facetten und Einsatzmöglichkeiten der außergewöhnlichen Produkte auszuloten.


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