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Von Tod, Leid und Glücksgefühlen: Der bewegende Alltag der Flugretter

Claudia Brandt, 03.09.2015 14:57

KREMS. Seit 32 Jahren betreibt der ÖAMTC in Krems einen Notarzthubschrauber und deckt von hier ein Einsatzgebiet im Radius von rund 100 Kilometern ab. Unzählige Menschen hat die Crew seither medizinisch versorgt oder ihnen sogar das Leben gerettet. Im Gespräch mit Tips geben drei Besatzungsmitglieder Einblick in ihren ebenso herausfordernden wie beglückenden Job als „fliegende Engel“.

  1 / 6   Gewähren einen Blick hinter die Kulissen: Gerold Hofbauer, Roman Doppler und Gabriele Golling (v. l.). Fotos: Brandt

Bei Sonnenaufgang beginnt der Arbeitstag für die Besatzung des Kremser Notarzthubschraubers. Maschine und Ausrüstung werden überprüft, das Wetter gecheckt. Sofern nicht gleich ein Einsatz ansteht, nutzen die Besatzungsmitglieder die Zeit für ein gemeinsames Frühstück. „Miteinander reden ist etwas ganz Wichtiges“, weiß Gabriele Golling, die seit 2005 als Leitende Flugrettungsärztin am Kremser Stützpunkt tätig ist. „Wir müssen einander total vertrauen. In brenzligen Situationen muss jeder wissen, was er zu tun hat“, so die 54-Jährige Mauternerin.

Großes Team

32 Personen gehören derzeit zur Crew, darunter 18 Notärzte, elf Flugrettungssanitäter und drei Piloten. Einzig die Piloten sind beim ÖAMTC angestellt. Die Ärzte – Anästhesisten, Unfallchirurgen und Internisten – kommen zum größten Teil aus dem Universitätsklinikum Krems und den umliegenden Krankenhäusern. Bei den Flugrettungssanitätern handelt es sich entweder um festangestellte Mitarbeiter des Roten Kreuzes oder freiwillige Helfer mit jahrelanger Erfahrung im Rettungsdienst. Der Zufall entscheidet, welche drei Crew-Mitglieder einen Tag lang gemeinsam Dienst auf „Christophorus 2“ versehen. 

Maximal drei Minuten bis zum Abflug

Durchschnittlich vier bis fünf Einsätze haben die Flugretter an einem Tag zu bewältigen. Das Einsatzgebiet erstreckt sich dabei in einem Radius von etwa 100 Kilometer rund um Krems und umfasst das gesamte Waldviertel, Teile des Weinviertels, St. Pölten Stadt und Land sowie den Bezirk Melk. Die Leitstelle entscheidet über den Einsatz des Helikopters und alarmiert dann die Crew. Nach maximal drei Minuten sind die Retter in der Luft und im Schnitt in 13 Minuten am Zielort. Bis Sonnenuntergang halten sich Pilot, Notarzt und Sanitäter an ihrem Stützpunkt am Flugplatz Gneixendorf bereit. 

Weniger Unfalleinsätze

Oftmals sind es Patienten mit Herz-/Kreislaufbeschwerden oder neurologischen Problemen, die einen Einsatz des Notarzthubschraubers erforderlich machen. Schwere Verkehrsunfälle sind Gabriele Golling zufolge deutlich rückläufig – „die Autos werden immer sicherer“ – und machen nur noch 20 bis 30 Prozent der Einsätze aus. Etwa jeder zehnte Einsatz des Hubschraubers ist laut Statistik lebensrettend. Für die Anästhesistin, die als Oberärztin am Kremser Klinikum arbeitet, ist es bereits ein befriedigendes Gefühl, wenn sie einem Menschen das Atmen erleichtern oder die Schmerzen nehmen kann: „Da hat man dem Patienten wirklich geholfen“.

Teil einer Rettungskette

„Die Erwartungshaltung speziell an die Ärzte ist hoch“, berichtet Pilot Gerold Hofbauer (47) aus Raabs an der Thaya, der seit wenigen Wochen in Krems stationiert ist. Gabriele Golling bezeichnet den Hubschrauber als „High-End der Notfallmedizin“, betont jedoch zugleich, dass die Crew Teil einer Rettungskette sei. Eine besonders große Bedeutung komme den Ersthelfern zu, die beispielsweise durch eine Herzdruckmassage das Leben eines Patienten retten können. „Ohne Ersthelfer kommt vielleicht auch der Heli zu spät“, verdeutlicht Roman Doppler, der seit 2005 als Flugrettungssanitäter arbeitet und sonst für das Rote Kreuz im Notarztwagen unterwegs ist. 

Leid der Angehörigen belastet

Tod und Leid sind ständige Begleiter der Christophorus-Crew. „Wir sind Profis, aber im Nachhinein auch Menschen“, erklärt der 35-jährige Doppler. Die oft tragischen Umstände hinter Unfällen oder das Leid der Angehörigen belasten auch die Retter. Aus Selbstschutz versucht Gabriele Golling diese Gefühle nicht zu sehr an sich heranzulassen. Doch spurlos gehen manche Einsätze auch an ihr nicht vorüber. „Ich bin ein bescheidener Mensch geworden“, erzählt die Medizinerin. Denn ihr Job zeigt ihr immer wieder: „Viel Geld oder ein tolles Auto zu haben, kann innerhalb einer Sekunde völlig bedeutungslos werden“.

Glücksmomente motivieren

„Bei allem Tragischen haben wir aber auch Glücksmomente“, betont die Notärztin. Zu sehen, dass es einem Patienten besser geht beispielsweise. Die Dankbarkeit der Angehörigen zu spüren oder positives Feedback zu bekommen. Eine Großmutter berichtete am Telefon, dass ihre Enkelin nach einem Unfall wieder gesund sei und ihren ersten Arbeitstag hatte. „Da habe ich mich voll gefreut“, erzählt Golling.

Menschen bekreuzigen sich

„Ein „Danke, dass es Euch gibt“, höre ich oft“, berichtet Roman Doppler. Häufig beobachte er, dass sich ältere Menschen bekreuzigen, wenn der Helikopter vom Einsatzort abhebt. Das Gefühl helfen zu können, motiviert die Flugretter immer wieder aufs Neue, in den Hubschrauber zu steigen. Denn, so fasst es der Mauterner Flugrettungssanitäter zusammen: „Wir haben alle ein ausgeprägtes Helfersyndrom“.

 


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