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Weltfrauentag: "Weibliches Denken gehört in die testosteron-gesteuerte Politik hinein!"

Mag. Claudia Greindl, 08.03.2018 10:28

LIEBENAU. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft stellt der Internationale Frauentag in den Mittelpunkt, der jedes Jahr am 8. März begangen wird. Ein Thema, das Ully Leitner (72) aus Liebenau schon lang in ihrem Leben begleitet. Im Tips-Gespräch schildert sie, was sich in der Region für Frauen verändert hat und warum sie lieber einen Menschen- statt einen Frauentag begehen würde.

Ully Leitner (72) aus Liebenau war fast ihr ganzes Leben lang mit Frauen- und Genderthemen befasst.
Ully Leitner (72) aus Liebenau war fast ihr ganzes Leben lang mit Frauen- und Genderthemen befasst.

Tips: Frau Leitner, wie kam es, dass die Rolle der Frau zu Ihrem Lebensthema geworden ist?

Ully Leitner: Aus eigener Betroffenheit. Ich bin Jahrgang 1946 und stamme aus Linz. Nach Studentenehe (schwanger in die Vorlesungen – das bescherte den Professoren damals noch rote Köpfe) und Abbruch des Lateinstudiums lebte ich von 1972 bis 75 in Bremen und Amsterdam. Da gab es selbstverwaltete „Kinderläden“ und Spielplätze, die der Stadt mit Demonstrationen anstelle von Parkplätzen abgerungen wurden. Ich erlebte das angenehme Gefühl, in Gesprächen als Frau voll genommen zu werden – ganz anders als in Österreich. Dennoch kehrte ich zurück und schloss mich wohl auch aufgrund ausgiebiger Gewalterfahrungen bald der autonomen Frauenbewegung an. Um unserer Forderung nach einem Frauenhaus mehr Nachdruck zu verleihen, besetzten wir nach gründlicher Vorbereitung im Herbst 1980 ein leerstehendes Studentenheim in Linz. Aus dieser Aktion entstand erst das Autonome Frauenzentrum und zwei Jahre später endlich ein Frauenhaus. Ab 1988 stieg ich als Sozialarbeiterin quer ein und konnte mit meinen „gut abgehangenen“ Erfahrungen Frauen die Hoffnung geben, selbst aus ihrer schwierigen Lage heraus zu können.

Tips: 1996 sind Sie nach Liebenau übersiedelt. Wie haben Sie damals die Situation der Frauen in der Region wahrgenommen?

Ully Leitner: Damals ist mir buchstäblich das Ladl hinuntergefallen. Die Frauen der Wochenpendler haben Haus, Familie, Hof und den ganzen Ort geschupft – und das mit einem winzigkleinen Selbstbewusstsein. Frauen waren in vielen öffentlichen Bereichen völlig unsichtbar.

Tips: Die Agenda 21 auf der Mühlviertler Alm hat es ermöglicht, einiges daran zu ändern.

Ully Leitner: Das stimmt, die von der EU forcierte Bemühung um Gender Mainstreaming (eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter, Anm. d. Red.) ist gerade recht gekommen. 2002 habe ich mit Ulrike Schmalzer aus Schönau, die ich schon aus Linz gekannt habe, das Gender Mainstreaming-Projekt „Chiron“ auf die Beine gestellt. Unser Leitsatz: „Es gibt keine besseren Menschen als Männer und Frauen.“

Tips: Was ist vom Projekt „Chiron“ in Sachen Gleichstellung der Geschlechter geblieben?

Ully Leitner: Die Bewusstseinsbildung war erfolgreich. Manches ist heute selbstverständlich, z. B. die Zusammensetzung des Alm-Kernteams: Männer und Frauen arbeiten sehr gut zusammen. Das hat sich unmerklich vollzogen, so wie vieles. Mit „Chiron“ haben wir die Gunst der Stunde genutzt, und der Nachlauf hat sehr lange gedauert. Sogar in Irland haben wir das Projekt vorgestellt. Jetzt hätte „Chiron“ keine Notwendigkeit mehr.

Tips: Was hat sich verändert?

Ully Leitner: Die junge Generation ist selbstbewusster, hat keine Scheu vor der Fremde, die meisten sind selber über die Region hinausgekommen. Die Frauen sind selbstbewusster, obwohl sie noch genauso einen Gutteil der Arbeitslast tragen wie früher.

Tips: Was lässt noch zu wünschen übrig?

Ully Leitner: Es wäre schön, wenn es bei Tätigkeiten wie Kinderbetreuung oder Pflege eine Rotation von Frauen und Männern gäbe, damit beide spüren, was es bedeutet. Momentan klafft die Schere bei Wertschätzung und Bezahlung noch sehr weit zwischen Mann und Frau auseinander. Daraus resultiert auch das Problem Altersarmut, die aus der Nichtwertschätzung der meist von Frauen geleisteten Arbeit entsteht.

Tips: Was kann die Politik dazu beitragen?

Ully Leitner: Die Politik ist noch immer sehr stark vom männlichen Prinzip getragen, also testosteron-gesteuert. Weibliches Denken gehört ganz stark in die Politik hinein, denn alte patriarchalische Strukturen sind noch zu wirksam. Dazu ist ganz einfach ausdauernde Bewusstseinsarbeit nötig, an der Männer und Frauen arbeiten.

Tips: Welche Bedeutung hat der Weltfrauentag für Sie?

Ully Leitner: Er löst ein kurzes Hindenken an Frauenagenden aus, an denen ich heftig beteiligt war, wie die Autonome Frauenbewegung. Es ging dabei pfiffig zu, nicht verbissen. Schön ist, dass bereits viele daran arbeiten, um es insgesamt lässiger zwischen Männern und Frauen zu machen. Dann könnte der Frauentag einmal zum Menschentag werden.

Weiterführende Informationen zum Thema finden Interessierte online unter www.heforshe.at


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