Kulturplattform OÖ: „Bis Juli wäre die Hälfte der Kulturvereine insolvent“

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Karin Seyringer Karin Seyringer, Tips Redaktion, 02.04.2020 15:00 Uhr

OÖ. Die Corona-Krise bringt nicht nur viele Unternehmen, sondern auch die Kunst- und Kulturszene an ihre Existenz. Anhand einer aktuellen Datenerhebung kann die Kulturplattform OÖ (Kupf) erstmals konkrete Aussagen machen. In einem Monat ist Oberösterreichs Kulturvereinen ein Schaden von fast einer Million Euro entstanden, die Folgen werden noch drastischer sein. Mit dem neuen Projekt „#drüberretten“ können ab sofort Kulturfreunde ihre Kulturvereine direkt unterstützen.

Noch am 9. März hat die Kupf eine Podiumsdiskussion veranstaltet, bei der auch mögliche Einschränkungen für die Kulturbetriebe debattiert wurde, nur einen Tag später waren diese überraschende Realität. „Die Maßnahmen werden von allen mitgetragen, Gesundheit ist auf jeden Fall wichtiger“, so Kupf-Geschäftsführer Thomas Diesenreiter. „Trotzdem ist die Situation für die Kultur, die Kulturträger, die Künstler und all das nachgelagerte Personal von der Gastronomie bis zur Security dramatisch.“

„Sofortmaßnahmen positiv, aber reichen noch nicht“

Positiv sehen Diesenreiter und Katharina Serles, stellvertretende Geschäftsführerin der Kupf OÖ, das das Land OÖ, die Städte Linz und Wels sowie der Bund schnell Sofortmaßnahmen zugesagt hätten, darunter Kulanz bei Abrechnungen, der Verzicht auf Mieten bei Kultureinrichtungen in Stadtimmobilien oder die frühere Auszahlung von Fördermitteln. „Wir haben hier eng mit der Landeskulturdirektion zusammengearbeitet, um die Liquidität bei den Kulturvereinen sicherzustellen“, so Serles. „Dieses schnelle Reagieren hat uns sehr positiv gestimmt, bislang sind das aber oft noch unverbindliche Zusagen, es reicht noch nicht.“

Über 1.000 Absagen, knapp eine Million Euro Schaden in einem Monat

Um konkretere Aussagen über entstandenen Einnahmeausfälle und den drohenden Gesamtschaden machen zu können, hat die Kupf OÖ gemeinsam mit der IG Kultur eine bundesweite Datenerhebung unter Kulturvereinen durchgeführt. Die Kupf OÖ bekam Rückmeldung von 74 Einrichtungen der gesamt 158 Initiativen, die die Plattform vertritt.

Die Ergebnisse zeigen: Seit Veranstaltungsverbot bis zum vorläufig mit 13. April festgelegten Ende wurden knapp 1.050 Veranstaltungen abgesagt, nochmal über 400 verschoben. OÖs Kulturvereine schätzen den entstandenen Schaden vorerst auf mindestens 930.000 Euro durch Eintrittsentfall, Fixkosten, und schon geleisteter Vorarbeit. Von den Folgen betroffen sind bei den Kupf-Mitgliedern die Arbeitsplätze von 350 Arbeitnehmern und die Lebensgrundlage von über 710 Werksvertragsnehmern. 30 Angestellte sind gekündigt oder stehen kurz davor.

Bis Juli die Hälfte insolvent - Dominoeffekt

Je länger das Veranstaltungsverbot gilt, desto höher wird der finanzielle Schaden: Wenn das Veranstaltungsverbot bis Ende Juli gilt, dann sind 50 Prozent aller Kulturvereine zahlungsunfähig oder von der Zahlungsunfähigkeit bedroht. Bis Ende Juli summiert sich der befürchtete Schaden hochgerechnet auf bereits 2,7 Mio. Euro alleine bei den gemeinnützigen Kulturvereinen in OÖ. „Dieser Betrag fehlt dann natürlich bei den Dritten – Künstler, Personal, Tontechniker, Securitys – das ist ein Dominoeffekt, den wir dann haben“, so Diesenreiter.

Hilfsmaßnahmen nur bedingt wirksam

Groß sind natürlich die Unsicherheiten und Unklarheiten bei den Kulturvereinen, was den Zeithorizont angeht. Keiner kann sagen, bis wann das Verbot aufrecht bleibt. Verschiebungen sind auch nur limitiert möglich. Unklar ist weiter, inwiefern Vereine und Kulturarbeiter vom Härtefonds profitieren können, welches Personal man für Kurzarbeit anmelden kann.

Zeithorizont realistisch bewerten

Aufgrund der Datenerhebung sind für die Kupf OÖ mehrere Maßnahmen für die Kulturszene nötig.

Der Bund sei gefordert: So brauche es endlich Kriterien für die Inanspruchnahme des Härtefallfonds für Kulturvereine, bis jetzt (Stand 2. April) sind hier keine Anträge möglich. Auch soll der Bund das Veranstaltungsverbot realistisch bewerten – denn niemand rechne damit, dass ab Mitte April wieder Veranstaltungen stattfinden könnten. „Die Kultur ist aktuell im Schwebezustand, es muss ein vernünftiger Zeithorizont angegeben werden, damit man auch in rechtlicher Hinsicht planen kann. Das trifft nicht nur die freie Szene, sondern auch öffentliche Einrichtungen,“ so Diesenreiter.

Und auch müsse die Kurzarbeit auf Geringfügige ausgeweitet werden, da in der Kultur hier eine große Anzahl betroffen ist, „vom Publikumsservice über Kassabedienstete bis zum Reinigungsbereich“, so Serles. „Das sollte gesamt gesehen nur geringe Mehrkosten für den Bund bedeuten, ist gleichzeitig aber eine große Hilfe für die Kulturszene.“ 

Ziel: Kein Kulturverein darf pleitegehen

Eine große Forderung an das Land OÖ ist ein Kultur-Konjunkturpaket. Dieses Paket soll einen Kulturhärtefonds beinhalten für jene, wo die Bundeshilfe nicht greift. Das Ziel sei einfach: Kein Kulturverein dürfe in die Insolvenz schlittern oder gezwungen sein, sich zu verschulden. Zudem fordert die Kupf OÖ Arbeitsstipendien vom Land, vergleichbare Programme wurden vor wenigen Tagen für Salzburg und Wien angekündigt.

Auch müsse der Innovationstopf des Landes OÖ neu gestartet werden, dotiert mit einer Million Euro, für die Zeit nach der Maßnahmenaufhebung.

Sollte es nötig sein, Social Distancing-Maßnahmen länger aufrechtzuerhalten, brauche es vor allem in kleinen Kultureinrichtungen Umbaumaßnahmen, die gefördert werden müssten.

„Wir glauben auch, dass diese Krise nutzen kann, Dinge neu zu denken. Das wünschen wir uns auch vom Land - dass – dieses neu denkt in der Finanzierung des Kulturbereichs“, so Diesenreiter – der eine schrittweise Verdoppelung des jährlichen Förderbudgets für gemeinnützigen Kunst- und Kulturinitiativen und der zeitgenössischen Kunstszene von derzeit fünf auf zehn Millionen Euro für nötig hält.

Und er wünscht sich vom Land OÖ eine Verbesserung der Informationspolitik – so sei es sehr einfach auf der Homepage des Landes in einem FAQ die drängendsten Fragen zu beantworten.

Neue Aktion „#drüberretten“ mit Gutscheinen

Neben der Kampagne der Kupf OÖ „#norefundforculture“, die viele erreicht habe und das Publikum dazu aufruft, freiwillig auf Eintritts-Rückerstattungen zu verzichten, um die Liquidität der Kulturvereine zu gewährleisten, wurde nun eine neue Aktion ins Leben gerufen. Über ein Kultur-Gutscheinsystem können Besucher direkt und sofort unterstützen. Das Prinzip ist einfach: Kunden erwerben Gutschein-Codes bei den Veranstaltern ihres Vertrauens. Die Veranstalter bekommen den frei wählbaren Gutscheinbetrag sofort ausbezahlt, während die Kunden diesen erst ab 20. April einlösen können. Der sogenannte „KULTschein“ ist so lange gültig, bis er aufgebraucht ist.

„Wir Appelieren an die Konsumenten, sich selbst Vorfreude zu schenken und den Kulturvereinen damit Liquidität zu schenken. Klar ist, das ist  keine Spendenaktion, die Verantwortung wird nicht auf Konusmenten abgewälzt, wir sehen die Politik in der Pflicht, die Kultur durch diese Krise zu retten“, so Diesenreiter.

 

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