"Haben keinen Spielraum": Gesundheitspersonal arbeitet weiter am Limit
WIEN/OÖ/LINZ. Trotz sinkender Covid-Infektionszahlen ist die Situation in den heimischen Spitälern immer noch sehr angespannt. Die aktuelle Covid-Situation wirkt sich in den Spitälern zeitverzögert aus. Gerade deswegen sei es auch in den kommenden Wochen von größter Bedeutung, den positiven Trend beizubehalten.

Gesundheitsminister Rudi Anschober berichtete gemeinsam mit Experten, darunter der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Uniklinikum Linz (KUK) Bernd Lamprecht sowie die Pflegedirektorin am KUK Simone Pammer über die aktuelle Situation in den Spitälern.
Auch wenn die aktuellen Covid-Zahlen einen positiven Trend zeigen, ist die Situation auf den Intensivstationen immer noch sehr angespannt. Die allgemeine Covid-Entwicklung zeigt sich dort immer erst sehr verzögert.
Ziele noch nicht ganz erreicht
„Wir haben Mitte November Ziele definiert. Ein Ziel war es, den Reproduktionsfaktor deutlich abzusenken, das haben wir erreicht“, so Anschober. Mitte November lag der Faktor bei 1,44, aktuell bei zwischen 0,81 und 0,84, „das ist gut und wir sollten unter 0,9 bleiben, weil das zeigt, dass ein Infizierter weniger als eine Person ansteckt“, so der Gesundheitsminister.
Beim zweiten Ziel, die 7-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen in den abgelaufenen sieben Tagen je 100.000 Einwohner, zu senken, stimme der Trend, Österreich sei aber noch deutlich über vielen anderen Ländern in Europa. War die 7-Tage-Inzidenz bereits bei über 500 liegt sie nun bei 229. „Ziel ist aber ein Einser vorne“, formuliert es Anschober.
Hauptziel war es, die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu überfordern und dass es nicht „zur großen Katastrophe mit Einsatz der Triage kommt“. Diese große Katastrophe sei derzeit knapp, aber doch verhindert worden. „Aber es ist noch nichts gewonnen, wir müssen sehr konsequent weiter arbeiten.“
Klaus Markstaller, Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie am AKH Wien unterstreicht: „Die absolute Katastrophe wäre die harte Triage gewesen auf den Intensivstationen. Ja, wir haben tatsächlich befürchtet, dass das auch in Österreich passieren kann, trotz relativ guter Kapazitäten. Das ist verhindert worden – dafür danke ich allen im Namen des Gesundheitspersonals und der Patienten, dass wir das nicht erleben mussten.“
Aktuell 610 Corona-Intensivbetten belegt, „müssen auf unter 300“
Zum bisherigen Höhepunkt waren in Österreich 709 Intensivbetten (von 800) mit Covid-Patienten belegt, „keine Intensivstation der Welt hat so viel Kapazitäten, das zusätzlich aufzunehmen. Daher mussten OPs verschoben werden, um Ressourcen und Platz zu kriegen“, so Anschober. Aktuell sind 610 Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. „Von den Zahlen her haben wir den Höhepunkt überschritten, aber die Intensität der Aufgabe hat sich damit noch nicht reduziert“, so Anschober.
Das Ziel sei es, die täglichen Neuinfektionen in Österreich auf etwa 1.000 zu drücken, den Reproduktionsfaktor stabil bei unter 0,9 zu halten und die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen auf unter 300 zu bringen. „Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass die Situation nicht zum Dauerstress wird und zweitens möglichst rasch verschobene OPs nachgeholt werden können“, so Anschober.
Im Durschnitt 19 Tage auf Intensiv
Im Durchschnitt 19 Tage muss ein Covid-Patient, der intensiv betreut werden muss, auf der Intensivstation bleiben, dann geht es meist längere Zeit wieder auf die Normalstation, führt auch Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, aus. Er geht davon aus, sollte die Entwicklung der Covid-Zahlen weiter positiv bleiben, dass die Zahl der Intensivpatienten bis Weihnachten auf knapp unter 400 sinkt, mit einer Bandbreite von 300 bis 450.
Und er unterstreicht: „Eine weitere Welle verkraften wir nicht. Abgesehen von der personellen Belastung auch von den Kapazitäten her nur sehr bedingt. Weil eine dritte Phase würde bedeuten, dass die Patienten, die dann auf Intensiv müssen, in Konkurrenz treten würden mit den Patienten aus der aktuellen zweiten Welle.“ Anschober verweist zudem auf die voraussichtlich im Jänner anstehende Grippewelle, mit der weiterer Bedarf an Betreuungskapazitäten dazukomme.
Viele hängen an Herz-Lungen-Maschine
Auch wenn die Zahlen auf den Intensivstationen aktuell langsam sinken, es seien hauptsächlich die schwersten Fälle, die intensiv behandelt werden. Das mache die Arbeit besonders aufwendig. „Viele Patienten hängen an der künstlichen Lunge“, erläutert Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Linzer KUK. „Und das sind auch jüngere Patienten“, ergänzt Markstaller. Im AKH-Wien liege der Durchschnitt auf der Intensiv bei 55 Jahren, die Patienten sind ab Ende 20 bis etwa 70 Jahre alt, „Menschen, die mitten im Leben standen.“
„Wir haben als Folge der sehr hohen Infektionszahlen nach wie vor eine sehr hohe Auslastung im Normal- und Intensivbereich. In Oberösterreich stehen 150 Betten intensiv zur Verfügung, heute sind 123 davon belegt, also 82 Prozent“, schildert Lamprecht die Situation in Oberösterreich und fügt hinzu: „Die 150 Betten für Covid-Patienten haben wir nur, weil wir umverteilt haben, die Bettenzahl musste auch nochmal erhöht werden. Das bedeutet, wir haben eigentlich keinen Spielraum, um wieder steigende Infektionszahlen tolerieren zu können. Daher bitte ich, jetzt vorsichtig zu handeln, damit wir dann nicht in zwei, drei Wochen eine Weihnachtsbescherung der besonderen Art haben, die wir keinesfalls tolerieren können“, so der Experte.
Gesundheitspersonal: Überbelastung geht weiter
„Das Gesundheitspersonal ist tatsächlich stark überbelastet durch diese Dauerbelastung mit einer Überbelegung mit 600, 700 zusätzlichen Intensivpatienten“, so Markstaller. Und die Dauerbelastung gehe weiter, weil verschobene OPs aufgeholt werden müssen. „Ich dank allen für diese außergewöhnliche Leistung, die sicher die nächsten Wochen anhalten muss.“
Nicht nur die körperliche Belastung von stundenlangem Arbeiten in Schutzausrüstung sei enorm, Pflegedirektorin am KUK Sabine Pammer kennt auch die psychische Belastung. „Die Mitarbeiter leisten Großartiges – sie sind maximal flexibel, arbeiten in Bereichen, die sie vorher nicht so gekannt haben. Wir sehen aber die Grenzen. Die Patienten haben Luftnot, das macht auch den Mitarbeitern Angst“, schildert Pammer. „Jeder, der das bei jemanden schon mal erlebt hat, weiß, was das mit einem macht. Leider hatten wir letzte Woche auch den Fall, dass die Mitarbeiter bei uns eine Kollegin begleiten mussten, die auf Intensiv an Covid verstorben ist. Das muss man sich vorstellen, was das bedeutet, eine Kollegin so zu begleiten.“
Ihre größte Sorge: „Wenn das Gesundheitssystem noch länger an diesen Grenzen arbeiten muss, werden wir einen Erschöpfungszustand bei der Pflege und den Ärzten erleben. Viele funktionieren derzeit, weil sie helfen wollen“, aber es könnte dadurch bald zu Ausfällen kommen.
Es brauche Verständnis aus der Bevölkerung
Unterstützen könne die Bevölkerung mit Verständnis, so Lamprecht. „Besonders wichtig wäre das Verständnis, dass momentan überdurchschnittliches geleistet wird und dass das nicht auf Dauer funktionieren kann. Wir müssen zu verstehen geben, dass kleine Einschränkungen im Lebensbereich die Mitarbeiter im Gesundheitsbereich unterstützen. Viele Menschen kenn auch Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten und haben einen direkten Bezug“, so Lamprecht.
Appell: „Heute entscheiden wir über Situation in zwei Wochen“
Anschober sowie die Experten appellieren: „Die sinkenden Zahlen dürfen uns nicht täuschen. Heute entscheiden wir über die Situation in den Intensivabteilungen in zwei, drei Wochen, mit unserem Handeln beim Einkaufen, bei Treffen, am Arbeitsplatz. Es besteht nach wie vor das Risiko, dass die Zahlen auf den Intensivstationen wieder explodieren können. Es darf keine Trendumkehr geben. Wir müssen die Belastungssituation in den Spitälern verringern“, so Anschober.
Markstaller findet ähnliche Worte. „Die Bevölkerung hat es in der Hand. Distanz halten ist zwar nicht sozial, aber es ist eine Überbrückung. Wir haben mehrere Impfungen in Aussicht, diese werden zumindest die schweren Fälle verhindern, im Idealfall sogar Infektionen von Mensch zu Mensch“, bittet er um die Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln.
Feiertage: Neue Verordnung kommt
Etwas Sorge bereiten den Experten die kommenden Feiertage. „Die nächsten vier Wochen sind vielleicht die wichtigsten in der gesamten Pandemie“, so Anschober. Die Feiertage würden viel Risiko bergen, „weil Feiertage der klassische Zeitpunkt sind, wo wir sorgloser werden.“ Nächste Woche will die Bundesregierung daher die Rahmenbedingungen für die Feiertage festlegen und per Verordnung verankern. „Es braucht klare Spielregeln und einen Rahmen. Die konkreten Regelungen werden gerade erarbeitet und mit anderen europäischen Ländern abgestimmt. Wir sehen uns an, was vernünftig und realistisch ist.“ Entscheidend sei aber das Bewusstsein des Einzelnen, die Feiertage nicht zu nutzen, um die Zahlen wieder zu drehen.
Impfpflicht: „Wird keine Anordnung des Bundes geben“
Zu einer möglichen Covid-Impfpflicht, wie es etwa Salzburg bei Neuanstellungen im Gesundheits- und Pflegebereich andenkt, meint Anschober: „Wir haben uns in der Bundesregierung zur Freiwilligkeit bekannt, es wird keine Anordnung des Bundes geben. Wenn einzelne Bundesländer die Pflicht verankern wollen, dann ist das ihre Entscheidungsfreiheit.“ Er halte ohnehin viel von der Freiwilligkeit beim Impfen, mit „ehrlicher und transparenter Information“ solle eine hohe Beteiligung erreicht werden. „Im Sommer haben wir noch von einer Impfung geträumt, jetzt steht sie vor der Türe. Es wäre absurd, diese Chance jetzt nicht zu nutzen“, so Anschober.


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