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Lokalaugenschein: warum der Volksgarten zum Vorzeigeprojekt werden könnte

Anna Fessler, 25.03.2024 07:00

LINZ. Seit vergangenem Jahr läuft ein Projekt im Linzer Volksgarten, dass Nutzungskonflikte entschärfen und den Park für alle verbessern soll. Diesen Februar wurden erste Maßnahmen umgesetzt, die Langbänke an der Haltestelle Goethekreuzung entfernt – wurde der Konflikt nun entschärft? Tips hat sich zum Lokalaugenschein mit der Volkshilfe OÖ getroffen und mit Steve und Daniel gesprochen, die ihre Zeit gerne im Volksgarten verbringen.

Steve (l.) und Daniel (r.) sind bei schönem Wetter gerne im Volksgarten. Sozialarbeiter Markus Stüger (Mitte) von der Volkshilfe OÖ hat gemeinsam mit ihnen und den anderen Nutzern des Parks Lösungen erarbeitet, um die Situation für alle zu verbessern. Im Hintergrund sieht man die neuen Sitzgelegenheiten. (Foto: Tips/af)
Steve (l.) und Daniel (r.) sind bei schönem Wetter gerne im Volksgarten. Sozialarbeiter Markus Stüger (Mitte) von der Volkshilfe OÖ hat gemeinsam mit ihnen und den anderen Nutzern des Parks Lösungen erarbeitet, um die Situation für alle zu verbessern. Im Hintergrund sieht man die neuen Sitzgelegenheiten. (Foto: Tips/af)

Markus Stüger ist Sozialarbeiter bei der Volkshilfe Oberösterreich und seit 1. Juli 2023 regelmäßig im Volksgarten unterwegs. Er hat im Zuge des Projekts mit allen Nutzergruppen im Park Gespräche geführt und gemeinsam mit ihnen Lösungsvorschläge erarbeitet. Vor einem halben Jahr hat ihn Tips gemeinsam mit Volker Atteneder (Bereichsleiter Zusammenleben, Bildung und Arbeit der Volkshilfe FMB) im Volksgarten getroffen, an der selben Stelle ist Tips an einem sonnigen Tag im März wieder zum Lokalaugenschein mit den beiden verabredet.

Die Straßenbahnhaltestelle ist gut genutzt, allerdings sieht man dort jetzt hauptsächlich Fahrgäste, die ein- oder aussteigen oder gerade auf die nächste Bim warten. Volker Atteneder sagt: „Dass wir die Situation im dortigen Bereich entschärfen wollten – das ist auf jeden Fall aufgegangen.“

Neue Bänke plus Tische gemeinsam mit der Zielgruppe aufgebaut

Parallel zum Abbau der Langbänke wurden am 4. März neue Bänke aufgestellt, gemeinsam mit den Personen, die nun darauf sitzen. „Auf Wunsch haben wir zusätzlich Tische aufgebaut, wir haben uns von einem ähnlichen Projekt in Deutschland die Baupläne schicken lassen und in der Volkshilfe Arbeitswelt Jugendassistenz in der Tischlereiwerkstatt die Einzelteile bauen lassen. Diese wurden gemeinsam mit der Zielgruppe aufgebaut und aufgestellt, ein Paar Tage ist dann noch herumgerückt worden“, erklärt Atteneder. Bei der Gruppe handelt es sich laut Stüger um „25 Personen plus oder minus zehn“, die sich wiederum in etwa fünf bis sieben Cliquen und Freundeskreisen zusammenfinden. 

Neuer Ort im Park gefunden

Jetzt stehen zwei Sitzgruppen bestehend aus Bänken und jeweils einem Tisch auf einer Fläche zwischen Schach-Platz und Brunnen. Eine davon steht im Schatten eines alten Baumes, ein Weg aus Rindenmulch führt dorthin. „Das war anfangs noch ein Problem: wenn es geregnet hat war schnell alles matschig, gemeinsam mit Stadträtin Eva Schobesberger wurde hier schnell eine Lösung gefunden und Rindenmulch gestreut.“, sagt Atteneder. Was auffällt: der neue Platz ist in großem Abstand zu den asphaltierten Wegen durch den Park und weitestgehend auch zu den anderen Nutzergruppen. Die geringste Distanz besteht nun zu den Schachspielern.

Steve: „Wir haben unsere Ruhe, die Leute haben ihre Ruhe - perfekt“

Als Tips vor Ort ist, sitzen etwa 20 Personen auf den Bänken und unterhalten sich. Zwei von ihnen sind Steve (37) und Daniel (39), die sich vom neuen Platz begeistert zeigen. „Wir sind gerne im Volksgarten, vor allem im Sommer. Ich habe die Arbeit verloren und will nicht nur zuhause sitzen, hier treffe ich nette Leute“, sagt Steve. „Gleichgesinnte“ ergänzt Daniel. Den neuen Platz konnten sie selbst mitbestimmen, dementsprechend gut wird er auch angenommen. „Hier sieht uns keiner, wir haben unsere Ruhe, die Leute haben ihre Ruhe – perfekt“, fasst Steve zusammen. Früher sei man vom Hessenpark, über den Südbahnhofmarkt, bis zur Donaulände verdrängt worden. Dass man hier, im Volksgarten, beim letzten Park angekommen ist, hat auch die Stadt Linz realisiert, und daher entschieden, einen anderen Weg zu wagen.

Daniel: „Wenn das hier so bestehen bleibt, dann haben wir wirklich eine Freude“

Dass man jetzt unter sich bleiben kann und nichts herumliegt, findet Steve ebenfalls gut. Die Mistkübel werden offensichtlich genutzt und laut ihm auch täglich entleert. Allerdings sind sie am frühen Nachmittags bereits randvoll, bräuchte es hier mehr davon? Daniel meint: ja, sie könnten etwas größer sein, oder ein, zwei mehr aufgestellt werden. Steve hat noch einen Wunsch: „Was wichtig wäre ist, dass die Bänke und Tische befestigt werden, in der Nacht werden die immer herumgeschoben.“ Daniel sagt: „Wenn das so bestehen bleibt haben wir wirklich eine Freude – vielleicht könnte man noch Steintische anstatt der Dokaplatten-Tische aufstellen“.

Konflikte eher gruppenintern

Zwei Sitzgruppen seien es deshalb geworden, weil die meisten Konflikte gruppeninterne waren. „Es kennt jeder jeden, aber man will keine Probleme untereinander“, daher hat man die Bänke und Tische separiert.“, erklären Steve und Daniel. Mit den Schachspielern verstehe man sich gut. Der neue Standort ist sogar von Vorteil für sie: vom WC das nun dorthin kommen soll, profitieren auch die Riesenschach-Profis. Auch Atteneder bestätigt, das die Konflikte eher untereinander stattgefunden hätten: es habe keine Übergriffe oder Vorfälle mit Passanten gegeben, manchmal seien auch Pöbeleien von Seien der Passanten gekommen*. „Es ging eher um das subjektive Sicherheitsgefühl.“ In diesem Zusammenhang wird auch die Beleuchtungssituation im Park noch Thema sein.

Markus Stüger: „Glaube, dass das Ziel die Konflikte zu minimieren, gut erreicht wurde“

Und was sagt Sozialarbeiter Markus Stüger, der fast täglich im Volksgarten ist und den Steve und Daniel anrufen, wenn es Probleme gibt? „Ich habe den Eindruck, dass die Gruppe weniger Probleme hat, dass die Konflikte mit anderen Nutzergruppen deutlich zurückgegangen sind. Ich glaube, dass das Ziel, die Konflikte zu minimieren gut erreicht wurde.“ Auch die gemeinsam erarbeiteten Regeln würden eingehalten: „Das war der Kniff – die Selbstbeteiligung, die dazu führt, dass eine außerordentlich hohe Kooperationsbereitschaft besteht. Das ist jetzt noch immer so, ich war vom ersten Tag an überrascht, wie akzeptiert ich als Ansprechpartner bin.“ Seinen positiven Eindruck hätte Stüger auch gerne noch in Zahlen gemessen wie er sagt, konkret will er sich ansehen, ob die Anzeigen und die Unfälle zurückgegangen sind und welche Bilanz das Rote Kreuz zieht.

Ansatz könnte auf andere Orte im Stadtgebiet ausgedehnt werden

Aus Sicht der Volkshilfe sei eine Evaluierung im größeren Rahmen ab Herbst sinnvoll, so Atteneder, dann, wenn der Volksgarten eine Saison lang nach Umsetzung der neuen Maßnahmen genutzt wurde. Was man sich auch noch anschauen werde: „Was passiert mit den Gruppen, die den neuen Platz nicht annehmen, wo sind die jetzt?“ Den vielversprechenden Ansatz im Volksgarten könnte man nach positiver Evaluierung auch auf andere Orte in Linz ausdehnen, den Bahnhofsvorplatz etwa. Dem Vernehmen nach führt die Stadt bereits dahingehende Gespräche mit dem Ordnungsdienst.

*Als Tips sich auf den Rückweg in die Redaktion machen will, ruft Daniel wie zur Bestätigung der Aussage von Volker Atteneder über pöbelnde Passanten seinen Kollegen zu: „Da sind gerade solche Typen auf Scootern vorbeigefahren und haben gerufen 'Ihr Junkies!'“


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