Das Eckhaus, in dem einst Stifter und Erzherzog Maximilian ein und aus gingen
LINZ. Das Linzer Eckhaus mit der spätbarock-klassizistischen Fassade, wo heute die von der Klammstraße kommenden Autos in die Promenade einbiegen, könnte viele Geschichten erzählen. Adalbert Stifter, einer der größten Dichter des Landes, kam zum Nachmittagskaffee hierher und auch der Bruder von Kaiser Franz Josef, Erzherzog Maximilan, ging hier ein und aus. Das Haus gehörte zu dieser Zeit Daniel und Emilie von Binzer, einer der vornehmsten Familien der Stadt Linz.

Vor 100 Jahren oder mehr, je nachdem, wie man den Blick auf das kulturelle Gedächtnis richtet, waren Daniel und Emilie von Binzer zentrale Figuren im literarischen und gesellschaftlichen Leben der Landeshauptstadt Linz. Ihre Kontakt und Einflüsse reichten jedoch weit über die Landesgrenze hinweg. Sogar der Bruder des Kaisers gehörte zum nahen sozialen Umfeld der Familie.
Emilie von Binzer - Literatin und Gesellschafterin
Emilie von Binzer, geboren am 6. April 1801 als Emilie Henriette Adelheid von Gerschau in Berlin, war Zeit ihres Lebens schriftstellerisch und kulturell vielseitig engagiert. 1822 heiratete sie den Schriftsteller August Daniel von Binzer, mit dem sie später, nach Aufenthalten im Ausland und Wien, auch in Linz lebte.
Bereits in der Kaiserstadt Wien führte Emilie einen Salon Binzer. Was diese Salons im 19. Jahrhundert bedeuten, ist heute kaum mehr vorstellbar. Hier wird vor allem die Kunst des Gesprächs gepflegt. Interieur und verschiedene Lokalitäten in Stifters Romanen und Erzählungen sind geradezu nach dem Salon Emilie von Binzer nachgezeichnet. 1848 übersiedelt Adalbert Stifter nach Linz, kurz darauf folgt die Familie Binzer.
Eintritt in die große Welt
Auch in Linz führte Emilie über Jahre einen Salon, in dem kulturelle und literarische Kreise zusammentrafen. Besonders ihre Bekanntschaft mit Adalbert Stifter war wichtig. Sie zog sich nach und nach von ihrem bisherigen Reiseleben zurück und etablierte in Linz und im Winterquartier gesellschaftliche Netzwerke. Zudem verfasste sie Dramen, die am Wiener Burgtheater aufgeführt wurden. Auch als literarische Beraterin, etwa für Erzherzog Maximilian, hat Binzer gewirkt.
Freundschaft zu Erzherzog Maximilian
Noch nicht 35 Jahre alt ist Erzherzog Maximilian, Bruder von Kaiser Franz Josef, als er am 19. Juni 1867 in Mexiko hingerichtet wird. Rund zehn Jahre früher suchte er eine geeignete Persönlichkeit, die seine literarischen Versuche kritisch beurteilen konnte. Über Vermittlung Grillparzers entschied man sich für Emilie von Binzer, eine erfolgreiche Schriftstellerin und eine der wenigen emanzipierten Frauen, die sich in ihren Novellen für Gleichberechtigung einsetzte.
Kurz vor seiner Hinrichtung wandt sich Maximilian noch in Form eines Briefes an die Salonärin.
Schicksalsschläge
Mit Maximilians Hinrichtung beginnt eine traurige und zugleich tragische Zeit für die Linzerin. Nachdem auch ihr Ehemann und Adalbert Stifter innerhalb von wenigen Monaten gestorben waren, zog sie sich zurück. Sie verbrachte ihre letzten Jahre bei ihrem Sohn in München, wo sie am 9. Februar 1891 verstarb.
Der Bedeutung, die sie einmal hatte, steht heute eine weitgehende Vergessenheit gegenüber. In Linz erinnert man sich kaum mehr an ihre salonische Rolle, obwohl nach ihr 1982 immerhin der Binzerweg benannt wurde.


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